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Die letzte Premiere im Spiegelzelt der Oper Leipzig: Fünf Choreographien von fünf Choreographen

„Französische Chansons“ auf dem Augustusplatz Die letzte Premiere im Spiegelzelt der Oper Leipzig: Fünf Choreographien von fünf Choreographen

Das umbaubedingte Exil der Oper Leipzig endet mit einem Erfolg: Am Donnerstagabend wurden im Spiegelzelt auf dem Augustusplatz „Französische Chansons“ umfänglich bejubelt, sehr unterschiedliche Choreographien von Bruno Bouché, Bjarte Emil Wedervang Bruland, Martin Chaix, Eva Lombardo und Jean-Philippe Dury.

„Französische Chansons“ im Spiegelzelt.

Quelle: Tom Schulze

Leipzig. Sie sind nicht übersetzbar, schon die Gattung ist es nicht. Für das, was die Franzosen meinen, wenn sie „Chanson“ sagen, haben wir keine Worte und keine Töne. Versuchen wir es, dann wird es zur weinerlichen Liedermacherei, zum Schlager, zum Kabarett. Und mit diesem Umstand geht die letzte Produktion der Oper Leipzig im Spiegelzelt, am Donnerstagabend feierte sie lautstark und anhaltend bejubelt Premiere, ganz offensiv um: Zwischen den fünf sehr unterschiedlichen Arbeiten von fünf sehr unterschiedlichen jungen Choreographen klemmen sehr unterschiedliche Versuche grenzüberschreitender Annäherung: Da versucht Edith Piaf es selbst mit „Non, je ne regrette rien“ auf Deutsch, mischt Georg Kreisler dem Bier von Jacques Brel Gift und Galle bei, zieht es die Knef nach Amsterdam – alles nicht schlecht, aber alles ganz anders.Und genau so ergeht es den Choreographien von Bruno Bouché, Bjarte Emil Wedervang Bruland, Martin Chaix, Eva Lombardo und Jean-Philippe Dury.

Sie alle standen vor der großen Aufgabe, die Welten, die Piaf, Brel, Aznavour, Bruni, Gainsbourg und Co. in jeweils wenigen Minuten schufen, zu Sonnensystemen und Galaxien zusammenzubringen, und entscheiden sich dabei für höchst unterschiedliche Ansätze. Die Extreme markieren dabei Bruno Buché, der mit „Ce(ux) qui rend(ent) les gens heureux“ das ganz große Rad zu drehen versucht und scheitert, und das Leipziger Company-Mitglied Bjarte Emil Wedervang Bruland, der mit seinem „Rapprochement de mâles paumes“ ganz auf die Situation setzt, auf Witz und Hormone.

Die Unterschiede in den Ansätzen zeigen sich schon an der Musikauswahl: Bouché zwingt Titel von Régine, Noir Desir, Alain Bashung, Brigitte Fontaine, Charles Aznavour, Serge Gainsbourg/Jane Birkin und Piaf-Trümmer mit Bachs Goldberg-Variationen (Gould, späte Einspielung) und allerhand bedeutungsschwerer Stille zusammen. Die Tänzerinnen und Tänzer des Leipziger Balletts lässt er Szenen des menschlichen Mit- und Gegeneinanders stilisieren, mal pantomimisch, mal posend, mal tänzerisch, mal tanztheatralisch, mal in Körperskulpturen. „Das, was Menschen glücklich macht“, schaut im Singular wie im Plural recht schön aus, ist auch ansprechend getanzt – franst aber ästhetisch alsbald aus und füllt mit seinem Weltendeutungs-Pathos nicht die vielen Viertelstunden, die diese Choreographie zur längsten des dadurch mit gut zweieinhalb Stunden ziemlich langen Abends machen.

Doch unmittelbar im Anschluss geht mit Brulands knapper „Versöhnung argloser Männer“ (oder so) die Sonne auf. Bruland setzt ganz auf die subversive Kraft Jacques Brels, lässt Illia Bukharov, Yan Leiva, Juliano Nunes Pereira und Piran Scott im Suff ihre Männlichkeit ausleben, lässt sie balzen und prügeln, necken und schwärmen, führt ihren Testosteronspiegel aus und vor, ist witzig, akrobatisch, poetisch und überschreitet mit größter Selbstverständlichkeit die Grenze zwischen Tanz und Leben. Wunderbar.

Auch Jean-Philippe Dury verlässt sich in „Les carnets de Jacques“ auf den großen Brel, setzt aber ganz auf das größte aller Gefühle. In eleganter Geschmeidigkeit suchen Laura Costa Chaud, Fang Yi Liu, Urania Lobo Garcia, Joshua Swain, Ronan dos Santos Clemente und all die anderen in Brels Notizbüchern zu „Madeleine“, „Ne me quitte pas“, Le tango funèbre“, „Jojo“ und „La Valse“ nach allen erdenklichen Facetten der Liebe und des Lebens. Nicht ganz so lebensprall wie Bruland, aber betörend in seiner tänzerischen Kraft – unter der Bedrohung des Todesengels Lou Thabart.

Um die Liebe geht es, der Name sagt es bereits, auch in Martin Chaix’ „Parlez-moi d’amour“, aber trotz der betörenden Anmut von Laura Costa Chaud, Anna Jo, Fang Yi Liu, Stéphanie Zsitva-Gerbal, der geschmeidigen Kraft von Juliano Nunes Pereira, Kiynobu Negishi, Piran Scott und Lou Thabart, bleibt die emotionale Tiefe hier eher behauptet, von der Liebe bisweilen nur einschlägige Gymnastik.

Da verlegt sich Eva Lombardo, auch sie Mitglied der Leipziger Company, lieber aufs Erzählen einer Geschichte. Hinter ihrer Tür droht dem Glück die Gefahr: Laura Costa Chaud, Anna Jo, Ana Belén und Justine Wisznia tanzen da ausgelassen bis euphorisiert zu Les Elles, Carla Bruni, Coeur de Pirate und Reinhold Heil und werden von Piran Scott, der zunächst als Quasimodo seine Esmeralda betrauert, erst gemeuchelt und dann, akkurat gestapelt, abgelegt. Das schabt in seiner Splatter-Düsternis bisweilen hart an der Grenze zur unfreiwilligen Komik, ist aber von erheblichem Schauwert.

Wie der größte Teil dieser „Französischen Chansons“, die erneut zeigen, dass die Stärken der Leipziger Company im Solistischen liegen, in der kleinen, der intimen Form und nicht im großen Tableau, das dann doch der Synchronizität bedürfte.

Vorstellungen: heute und morgen, jeweils 20 Uhr, Restkarten an der Opernkasse oder unter Tel. 0341 1261261.

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Im Spiegelzelt der Oper Leipzig feierte am Donnerstagabend der fünfteilige Ballettabend „Französische Chansons“ Premiere vor begeistert jubelndem Publikum

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Von Peter Korfmacher

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