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Tiefer Schluck aus dem Würfelbecher: "Massive Chalice" im Spieletest

Episch oder langatmig? Tiefer Schluck aus dem Würfelbecher: "Massive Chalice" im Spieletest

Oft verlieren sich Menschen im Klein-Klein des Alltags. „Massive Chalice“ dagegen sucht den großen Maßstab. In dem Strategiespiel durchqueren Spieler im Kampf gegen ein gesichtsloses Übel drei Jahrhunderte. Dabei überstehen sie unzählige Kämpfe und züchten Helden. Ist das nun episch oder langatmig?

„Massive Chalice“ ist ein düsteres, aber augenzwinkerndes Fantasy-Spiel. Kleinteilige Taktik trifft hier auf große Strategie.

Quelle: Double Fine

In den Kelch geschaut: Worum geht es in „Massive Chalice“?

Wie eine Insel im Dunkel sitzt das Reich der Spieler in dieser Fantasy-Welt. Aus allen Richtungen drängt die „Kadenz“ heran, eine gesichtslos marschierende Armee aus merkwürdig putzigen Monstern. Die bedrohte Nation muss verteidigt werden. Greift die Kadenz an, ziehen Spieler mit fünf Helden aus drei Charakterklassen in den rundenbasierten Kampf. Nach dem überstandenen Scharmützel vergehen friedliche Jahre, in denen wichtige Entscheidungen gefällt werden: Welche Regenten werden eingesetzt und miteinander verheiratet?

Liebe spielt bei der Zucht keine Rolle, sehr wohl aber individuelle Stärken und Charakter-Klassen, die man gegen die Kadenz einsetzen möchte. Jeder Held ist in diesem Spiel nur eine Ressource, die auch im besten Fall nach ein paar Kämpfen an Altersschwäche stirbt. Der einzige verlässliche Begleiter bleibt nur der namengebende „Massive Kelch“, der sich 300 Jahre lang auf den vernichtenden Schlag gegen die Kadenz vorbereitet. In dem Kippbild des Kelches verstecken sich ein Mann und eine Frau, die ihren Senf zu wichtigen Ereignissen dazugeben. Die beiden zanken wie ein altes Ehepaar. Sie geben dem Spiel das nötige Quäntchen Humor.

Im Strategiespiel "Massive Chalice" durchqueren Spieler im Kampf gegen ein gesichtsloses Übel drei Jahrhunderte. Dabei überstehen sie unzählige Kämpfe und züchten immer neue Helden. Screenshots: Double Fine

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Aliens und Wikinger: Woher kommt die Inspiration?

„Massive Chalice“ ist ein düsteres, aber augenzwinkerndes Fantasy-Spiel. Kleinteilige Taktik trifft auf große Strategie – erst wird jeder Schritt und Schlag eines Helden minutiös geplant, dann werden plötzlich die Jahre vorgespult, während man mal eben eine neue Burg errichtet. So abwegig diese Mischung klingt, so altbekannt fühlt sie sich für Viel-Spieler an. Denn das epische Strategiespiel bedient sich munter bei großen und kleinen Hits der letzten Jahre.

Besonders stark erinnert der Spiel-Rhythmus an „XCOM: Enemy Unknown“, einen mehrfachen Spiel-des-Jahres-Gewinner von 2012. Dort mussten Kommandanten eine Alien-Invasion abwehren, neue Technologien entwickeln und die heimische Erde verteidigen. Die Spielformel von XCOM diente bis in Details als Inspiration für „Massive Chalice“. Das Szenario mag hier anders sein, greift aber auch einen Trend auf. Düstere Fantasy ist seit „Game of Thrones“ ein Publikumsmagnet. Und schwermütige Wikingerromantik haben wir zuletzt bei „The Banner Saga“ so ähnlich gespürt. Die lange Winterreise eines bunten Heldenhaufens wurde ebenfalls als Mix aus Fragebogen-Entscheidungen und taktischen Rundenkämpfen erzählt.

300 Jahre Vorspulen: Wo liegt der Reiz der langen Reise?

Die vielen Ideengeber kann man leicht erkennen. Und doch trifft „Massive Chalice“ einen ganz eigenen Ton. Immerhin kann man Charaktere ja von der Geburt bis zum Tod begleiten. Sie bestehen mehrere Kämpfe, lernen mächtige neue Fähigkeiten und hinterlassen mit ihrem Tod mächtige Reliquien, oder gar Kinder. Auf dem Schlachtfeld erlebt man sie hautnah. Zumindest einige von ihnen wachsen dem Spieler deswegen richtig ans Herz. Sterben diese Helden im Kampf, tut das richtig weh.

Der epische Maßstab verleitet Spieler auch zu einer gewissen Distanz. Als eine Art Halbgott schaut man auf das Wuseln der Regenten und ihrer Nachkommen herab. Besondere Ereignisse, etwa der Tod eines Thron-Inhabers oder ein neuer Angriff, stoppen die Zeit. Ist das Ereignis aber abgewickelt, dann drücken Spieler auf eine Vorspul-Taste und sehen die Jahre immer schneller vorbeirauschen. Man steckt eben nicht mitten im Geschehen, sondern beobachtet es aus der Totalen. Dieser Perspektivenwechsel kann eine Wohltat sein. Spiele setzen allzu oft auf drastische Action und haben keinen größeren Sinn im Blick. Auch die eigentlichen Kämpfe wirken auf ihren bunten Spielbrettern eher elegant als dramatisch.

Das sollten Eltern über „Massive Chalice“ wissen

Auch, wenn in den vielen Kämpfen von „Massive Chalice“ Menschen und Monster sterben, bleibt die Gewaltdarstellung recht harmlos. Die Charaktere sind handgezeichnet und stark stilisiert. Nichts für kleine Kinder ist „Massive Chalice“ wegen der Thematik. Stirbt ein Held an Altersschwäche, ertönt ein dunkler Gong und der sprechende Kelch bekundet sein Beileid. Auch der Heldentod im Kampf wird als Tragödie inszeniert. Eine Bewertung des Spiels durch die deutsche USK liegt bisher nicht vor, in den USA wird das Spiel wegen Gewalt, Flüchen und Verweisen auf Alkohol ab 13 Jahren empfohlen.

Kanonenfutter: Kämpfen die Helden anfangs noch gegen „Saatkörner“, müssen sie im Lauf des Spiels gegen immer fiesere Gegner bestehen.

Quelle: Double Fine

Wenn Götter würfeln: Wo liegen Schwächen des Spiels?

Anfangs fällt es schwer, Entscheidungen richtig einzuschätzen. In der ersten Partie muss man schon Glück und Gespür haben, um die Zukunft nicht mit ein paar frühen Fehlern zu verbauen. Viele Spieler werden mit einem gnadenlos geschrumpften Heldenpool glorreich untergehen. Aber das Lernen aus Fehlern ist nicht immer leicht. Perfektionisten werden sich auch in der x-ten Partie die Haare raufen. Da hat man den gestandenen Helden im besten Alter auf den Thron gesetzt, und er bekommt einfach keine Kinder, oder dumme. Da verliert man wichtige Charaktere wegen willkürlicher Zufallsereignisse. Da vergeigt der Flammenfäller seine 95-prozentige Angriffschance und wird im nächsten Zug überrollt.

Mit Schach hat „Massive Chalice“ wenig zu tun. Eher etwas mit Gartenarbeit. Man muss lernen, der Natur des Spiels seinen Lauf zu lassen. Viele wichtige Erfolgsfaktoren hängen von Zufällen ab: Vererbung, Waffenhiebe, und immer wieder der Tod. Man könnte bei jeder Gelegenheit neu abspeichern und laden, wenn man sich unfair behandelt fühlt. Aber Spaß macht „Massive Chalice“ nur, wenn man sich auf die seltsamen Launen des Schicksals einlässt.

Stets dürfen nur fünf Helden auf einmal in den Kampf ziehen.

Quelle: Double Fine

Schenk ein! Unser Fazit:

300 Jahre müssen wir überstehen, bis der Kelch voll ist. Auch, wenn die Partie deutlich kürzer ausfällt: „Massive Chalice“ kann durchaus etwas eintönig werden. Im Laufe der Jahrhunderte lauern echte Überraschungen, originelle Einfälle und deutlich mehr taktischer Tiefgang, als man anfangs erkennt. Trotzdem stehen häufig ähnliche Helden auf ähnlichem Terrain ähnlichen Gegnern gegenüber. Wer sich dabei einlullen lässt, wird schnell bestraft. Denn die Konsequenzen unbedachter Entscheidungen wirken unter Umständen lange nach. Durch achtlose Zuchtplanung können einem schon mal die Jäger ausgehen, eine von drei zentralen Charakterklassen. Diese braucht man aber für den wirkungsvollen Fernkampf. Es dauert Jahrzehnte, bis neue rekrutiert, entwickelt und zur Fortpflanzung auf den Thron gesetzt sind.

Am besten spielt man „Massive Chalice“ also langsam und bedacht, und nicht länger als ein paar Stunden auf einmal, sonst kann es durchaus langweilig werden. Aber für besinnliche Atempausen zwischen hektischeren Hobbys ist das Spiel ein echter Geheimtipp. Was sich in diesem Kelch zusammenbraut, schmeckt wirklich ganz anders.

Jan Bojaryn

4  von 5 Punkten

Genre: Strategie
Erscheinungsdatum: 1. Juni 2015
Plattformen: PC, Xbox One
Preis: ca. 20 Euro, im Juni kostenlos mit Xbox Live Gold
Jugendfreigabe: nicht geprüft
Entwickler: Double Fine Productions
Publisher: Double Fine Productions
Website: http://www.massivechalice.com

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