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Monsterjäger in einer riesigen Märchenwelt: "The Witcher 3" im Test

Rollenspiel Monsterjäger in einer riesigen Märchenwelt: "The Witcher 3" im Test

Das Hexer-Epos des polnischen Autors Andrzej Sapkowski ist Osteuropas dreckige Antwort auf Tolkiens Fantasy-Meisterwerk „Herr der Ringe“. Eine bedrückend unterhaltsame Allegorie unserer Welt voll Monster, Intrigen und zweifelhafter Moral. Das Rollenspiel „The Witcher 3“ erweckt die Buchvorlage meisterhaft zu neuem Leben.

Hexer Geralt auf Monsterjagd: Täglich Brot in "The Witcher 3".

Quelle: CD Projekt Red

Noch vor der Veröffentlichung von „The Witcher 3: Wild Hunt“ haderte das polnische Entwicklerstudio mit der Entscheidung, die „3“ im Titel als unverkennbares Zeichen einer Fortsetzung zu belassen. Immerhin knüpft das Action-Rollenspiel um den Monsterjäger Geralt, einem durch alchemistische Experimente mutierten Schwertmeister, und seiner Suche nach dem Kind der Vorsehung nahtlos an die beiden Vorgänger an. Doch besteht es zugleich auch als eigenständige Erzählung in der mittelalterlichen Fantasywelt, die der polnische Autor Andrzej Sapkowski bereits Ende der 1980er-Jahre geschaffen hat.

In Osteuropa besitzt das Gesamtwerk aus einem Dutzend Romanen und Kurzgeschichtenbänden seit Jahrzehnten Kultstatus. Es gilt als Polens dreckige Antwort auf den schillernden „Der Herr der Ringe“ von J.R.R. Tolkien. Sapkowski vermochte es mit einfacher, dafür prägnanter Sprache, der Welt des Monsterjägers eine Seele einzuhauchen. Eine Welt, die die Augen nicht vor Rassismus, sexueller Gewalt, Machtmissbrauch und den Schrecken des viel zu oft heroisierten Krieges verschließt.

Vorwissen optional: Worum geht es in „The Witcher 3?

Geralt von Riva ist sowohl Protagonist der Buchvorlage wie auch der Videospielreihe. Als Kind für den Kampf gegen das Unheil dieser Welt gestählt, ist er Hexer, tödlicher Schwertmeister und magiebegabter Fluchaustreiber zugleich. Es ist seine Suche nach dem Mädchen Ciri, dem Kind der Vorsehung, das den Ausgangspunkt der Geschichte bildet.

Größer, besser, voll emotionaler Momente: In "The Witcher 3" geht Hexer Geralt auf seine bislang spektakulärste Abenteuerreise. Screenhots: CD Projekt Red

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Dank des vorgegebenen Helden gelingt der Einstieg in die Spielwelt selbst für Quereinsteiger überraschend gut. Reagieren die weitläufige Spielwelt und deren Bewohner schließlich ganz natürlich auf den vagabundierenden Problemlöser. So wird rasch deutlich, dass Hexer zwar keine gern gesehenen Gäste in den von Krieg heimgesuchten Landen sind, aber notwendiges Übel. Schließlich zehren Leichenfresser und noch schlimmere Monster genüsslich von den Gefallenen. Krankheiten, korrupte Adelige und unheilbringende Flüche beuteln das Volk.

Mehr noch lockt Geralts persönliche Entwicklung in einer Zeit, die es ihm immer seltener gestattet, als neutraler Beobachter und emotionsloser Monsterjäger zu leben. Wie stark er sich in die Geschicke der anderen einmischt, liegt bei der Person vor dem Bildschirm.

Riesige Welt: Bis zu 200 Stunden lang kann „The Witcher 3: Wild Hunt“ den Spieler vor den Bildschirm fesseln.

Riesige Welt: Bis zu 200 Stunden lang kann „The Witcher 3: Wild Hunt“ den Spieler vor den Bildschirm fesseln.

Quelle: CD Projekt Red

Lebendige Welten: Wie spielt sich „Wild Hunt“?

Im Abendschein glühende Felder, dichte Wälder, verschneite Gebirge, raue Küsten und blutgetränkte Schlachtfelder bilden die Kulisse, die Geralt zu Fuß oder auf dem Rücken seiner Stute Plötze erkundet. Die Kamera folgt ihm dabei dicht auf Schritt und Ritt. Sie ruht auf dem Geschehen, wenn der Hexer neue Bekanntschaften knüpft, die ihm vom Leid der Bauern künden. Und sie setzt die schnellen Schwertduelle mit Banditen, Deserteuren und den Gefahren der Wildnis in Szene.

Wie viel Geralt vom Schicksal der Leidenden erfahren soll, liegt ganz beim Spielenden – genauso wie die Frage, ob der Hexer als Retter in der Not, gieriger Halsabschneider oder desinteressierter Weiterreisender auftritt. Das Besondere: Nicht jedes Problem muss im Blutvergießen enden. Oft bieten detektivische Spürarbeit, optionale Gespräche oder das Studium Hunderter Bücher, Briefe und Hinweise in der Spielwelt alternative Lösungen.
Je weiter Geralts Reise voranschreitet, desto mächtiger wird er, lernt neue Tricks mit der Klinge,konzentriert sich auf das Wirken gewaltiger magischer Zeichen oder lernt, die in der Wildnis aufgesammelten Kräuter zu kräftigenden Tränken zu brauen.

Frauenhass und andere Stolpersteine: Was sind die Schwächen?

So grandios die Abenteuer des Hexers erzählt sind und so schön die Ländereien und mittelalterlichen Metropolen auf dem Bildschirm prangen, so beschwerlich lassen sich diese bereisen. Ob zu Fuß oder auf Plötzes Rücken bleibt Geralt immer wieder an den kleinsten Hindernissen hängen. Treppenaufgänge, Türrahmen und dichte Bewaldung sorgen für so manchen blauen Fleck. Zudem wollen die Kämpfe mit Spießgesellen und Monstern erst einmal gemeistert werden. Das Kampfsystem mag abwechslungsreich und spaßig sein, überfordert Unerfahrene aber selbst auf dem niedrigsten von vier einstellbaren Schwierigkeitsgraden.

Die von bekannten Feministinnen wie Anita Sakeesian vorgetragenen Vorwürfe des Frauenhasses (Misogynie) und des Rassismus finden sich hingegen nur an der Oberfläche. Ja, die Welt des Hexers ist voll Sexismus vor allem gegen Frauen und Fremdenfeindlichkeit gegen alles Andersartige wie Zwerge und Elfen. Die Rollenspielwelt überlässt es dem Spielenden, darauf zu reagieren – mit Worten oder dem Schwert. Zugleich glänzen hinter mitunter offenen Blusen die vielleicht stärksten Frauencharaktere, die je in einem Videospiel anzutreffen waren. Wie schon bei Sapkowski stellt sich stets die Frage, wer eigentlich wem zu Hilfe eilt: Der Hexer seiner Ziehtochter, oder die ebenfalls spielbare Ciri ihrem Papa Geralt.

Das sollten Eltern wissen

Die Welt des Hexers ist eine schlechte. Sünder und Monster, Krieg und moralischer Verfall sind allgegenwärtig. Und dennoch ist sie zugleich unterhaltsam, voll schelmischem Witz und lehrreich, ohne belehrend zu sein. Der polnische Schriftsteller Andrzej Sapkowski verbindet in seinen Hexer-Romanen gekonnt Gegenwart mit Vergangenheit. Historisches mischt sich mit Fiktivem. Krieg, Armut, Rassismus, sexuelle Gewalt und religiöser Fanatismus treffen auf slawische Folklore und europäische Märchen. Stets mit der nötigen sprachlichen Härte, um die Gräueltaten nicht ihrer Schrecken zu berauben, und einer Prise Humor, die den Leser davor bewahrt, den Glauben an die Menschheit zu verlieren.

Allzu oft zeigt sich, dass der Mensch das größere Monster ist als blutsaugende Vampire und schreckenerregende Werwölfe. Schwarz und Weiß sind nicht die Farben, in denen Sapkowski seine Hexer-Welt zeichnet. Vielmehr wird der Leser angehalten, hinter die Fassade zu blicken und Nuancen zu erspähen.

„The Witcher 3: Wild Hunt“ gelingt es mit erstaunlicher Präzision Sapkowskis Sprachgewalt in ein audio-visuelles Erlebnis zu packen. Mit all seiner Härte und Abscheulichkeit, von der man sich abwenden möchte. Damit richtet es sich an ein reifes Publikum, das das Gezeigte verarbeiten kann. Die Welt des Hexers ist eine schlechte, aber nicht ein jeder in dieser Welt ist schlecht.

Je weiter Geralts Reise voranschreitet, desto mächtiger wird er.

Je weiter Geralts Reise voranschreitet, desto mächtiger wird er.

Quelle: CD Projekt Red

Neuer Maßstab für offene Welten – unser Fazit:

Größer, besser, voll emotionaler Momente: „The Witcher 3: Wild Hunt“ ist das Rollenspiel, das das polnische Entwicklerstudio „CD Projekt Red“ schon vor zehn Jahren im Sinne hatte. Doch es bedurfte erst zweier guter, aber noch nicht meisterlicher Vorgänger, um zu diesem Punkt zu kommen.

Nie zuvor war eine Spielwelt schöner und größer. Nie zuvor waren Geschichten mitreißender und Charaktere glaubwürdiger. Das große Finale der Hexer-Trilogie ist zugleich das Resultat bisheriger Rollenspielklassiker und Wegweiser für künftige Generationen. „The Witcher 3: Wild Hunt“ will nicht nur beschäftigen, es möchte dabei unterhalten – und das über Hunderte Stunden.

Selbst nebensächlich erscheinende Erzählungen abseits der alles umspannenden Suche eines Monsterjägers nach seiner Ziehtochter sind angefüllt mit Details und schicksalhaften Wendungen. Das ist es, was der Hexer-Welt ihre Glaubwürdigkeit verleiht. Sie ist nicht nur Kulisse für ein Abenteuer, sondern das Abenteuer selbst.

Benjamin Matthiesen

Wertung und Eckdaten

5  von 5 Punkten

Genre: Action-Rollenspiel
Erscheinungsdatum: 19. Mai 2015
Plattformen: PC, PS4, Xbox One
Preis: ca. 50-70 Euro
Jugendfreigabe: ab 18 Jahren
Entwickler: CD Projekt Red
Publisher: Namco Bandai Games
Website: www.thewitcher.com

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