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Spazieren im Niemandsland: "Cradle" zelebriert neuen Spieletrend

Erkundungstrip Spazieren im Niemandsland: "Cradle" zelebriert neuen Spieletrend

Von Videospielen erwartet man Superlative: größere Explosionen, dickere Knarren und markigere Helden. Erkundungsspiele wie „Cradle“ liefern genau das Gegenteil. Hier spaziert man allein durch die mongolische Steppe. Menschen sind nicht in Sicht. Was ist da los?

Keiner da: Die Landschaft ist in Cradle weit und leer. Ziellos umherirren müssen Spieler aber nicht.

Quelle: Flying Cafe for Semianimals

Allein auf weiter Flur: Was macht man in „Cradle“?

Langsam öffnet der Spieler die Augen und schaut sich um. Er wacht in einer Jurte auf, einem mongolischen Hauszelt. Man ist allein, aber die Jurte sieht bewohnt aus – und unaufgeräumt. Alles steht voller Möbel, Bilder hängen an den Wänden, Geschirr steht auf dem Tisch. Tritt man heraus, steht der Spieler in der mongolischen Steppe. Unendlich weit, gähnend leer. Die Szene sieht idyllisch aus. Aber auch unheimlich. Was soll man denn hier machen?

Sogenannte Spazier- und Erkundungsspiele wie "Cradle" werden immer beliebter. Gesteuert wird das Indie-Game für PC wie ein Egoshooter ohne Waffen. Man sieht also die Welt aus der Ich-Perspektive und läuft herum. Aber es spielt sich eher wie ein klassisches Adventure. Der Protagonist kann sich die Welt ohne Zeitdruck anschauen, kann Gegenstände in ein Inventar aufnehmen und muss damit leichte Rätsel lösen. Aber besonders schwierig sind die Aufgaben nie. Früh findet der Spieler ein Rezept, das er Schritt für Schritt nachkochen muss, damit sich die Geschichte weiter bewegt. Später muss man über einen Zaun klettern oder Blumen sammeln. Und man findet sogar jemanden zum Reden. Aber keine Menschen. Denn die Menschen sind offenbar alle weg.

Stille Trauer: Wo sind all die Menschen hin?

Das muss man erst einmal herausfinden. Erste Hinweise sind ganz leicht zu finden. Denn sie liegen als Zeitungsschnipsel in der Jurte herum. Offenbar ist eine schreckliche Seuche ausgebrochen, hat große Teile der Menschheit dahingerafft. Jetzt sind die Menschen weg. Aber wie genau das passiert ist, und was man jetzt noch tun kann, das ist am Anfang völlig unklar.

Andere Spiele starten mit klaren Handlungsanweisungen. Ziele werden auf dem Bildschirm eingeblendet, oder Charaktere lotsen den Spieler durch ein Tutorial. „Cradle“ hat mehr Vertrauen in sein Publikum. Man muss schon Lust haben, Geheimnisse zu lüften, und die Welt zu erkunden, sonst passiert auch nichts. Hinweise und Ansatzpunkte gibt es allerdings genug. In der Jurte steht ein merkwürdiger Roboter herum, mit dem Oberkörper einer Frau, und einer Blumenvase statt Beinen. Aber die Kiste springt nicht an. Vor der Jurte öffnet sich ein weites Feld, ein See, aber auch merkwürdige Hochspannungsleitungen. Und hinter einem Hügel sieht man seltsame, bunte Aufbauten. Eine Ruine. Aber von was? Das findet man im Laufe der nächsten Stunden heraus.

Im Erkundungsspiel "Cradle" stirbt die Welt in Schönheit. PC-Spieler wachen in einer verwohnten Jurte auf, laufen in der Egoperspektive durch die mongolische Steppe, einen verlassenen Vergnügungspark und erleben dabei eine leise, traurige Geschichte. Screenshots: Flying Cafe for Semianimals

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Nachgelesen: Wie erzählt das Spiel eine Geschichte?

„Cradle“ ist kein Spiel für ungeduldige Menschen. Immer wieder marschiert man in der Welt hin und her. Die Wege sind nicht sehr weit, aber vieles wiederholt sich. Dazu bietet das Spiel kaum Action. Nur an wenigen Stellen nervt es mit immer demselben hektischen Minispiel – einer Art virtuellem Sport, in dem man mit Würfeln um sich wirft und wild herumspringt. Man darf es dankbarer Weise auch überspringen. Herz des Abenteuers sind aber die vielen kleinen Entdeckungen in dieser Welt. Die Steppe ist nicht so weit und offen, wie sie am Anfang aussieht. Aber sie ist bis ins Detail sehr liebevoll gestaltet. In den weiten Wiesen und überwucherten Ruinen sammeln Spieler Spuren. Sie finden Dokumente, Briefe, Dateien oder Artefakte aus einer Zeit, in der es Menschen gab – und in der die Verzweiflung zunahm.

Anfangs bleibt das Spiel bei der Archäologie. Man erkundet ungestört die Jurte und zieht von dort aus immer weitere Kreise. Später finden sich aber durchaus Gesprächspartner. Und dann nimmt die Geschichte auch konkretere Züge an. Aber schon die merkwürdig monotone Stimme des Helden lässt Spieler ahnen: Für dramatische Rettungsaktionen ist es zu spät.

Verstörende Mitbewohnerin: Eine Zeitgenossin mit offenem Brustkorb steht in der Jurte herum und funktioniert nicht so recht.

Quelle: Flying Cafe for Semianimals

Grübeln und latschen: Soll das Spaß machen?

Nicht unbedingt. „Cradle“ ist gewiss kein Spiel, für das Spieler auf der Gamescom Schlange stehen würden. Es ist eine ungewohnt melancholische, ruhige Geschichte. Es ist ein nachdenklicher Spaziergang im Sitzen – eine ruhige Lektüre. Aber in den Stunden des Spielens stellt sich eine völlig andere Stimmung ein, als man sie in Videospielen normalerweise erlebt. Hier geht es nur am Rande darum, etwas zu schaffen, oder ein Hindernis zu überwinden. Die Adventure-Rätsel besitzt „Cradle“ eigentlich nur, damit es nicht noch schneller vorbei ist.

Aber es soll ja Spieler geben, die auch mal spazieren. Oder die ein Buch lesen. Oder die ins Programmkino gehen, um sich einen ukrainischen Kunstfilm über die Mongolei anzuschauen. So kann man sich „Cradle“ vorstellen; auch wenn es auf den zweiten Blick nicht ganz so abwegig ist. Kommt man der Geschichte auf die Schliche, dann ist sie nämlich ein origineller, aber nicht ungewöhnlicher Science-Fiction-Stoff. Und der Stoff ist recht simpel und direkt geschrieben. Nicht die Charaktere oder umwerfende Plotwendungen bleiben im Gedächtnis, sondern die Landschaft und die Stimmung. So eine Ruhe und Schönheit finden Spiele selten.

Das sollten Eltern über „Cradle“ wissen

Die Menschen sind ja schon tot, und im Spiel bleiben sie unsichtbar. Eltern müssen sich keine Sorgen machen, wenn Kinder einen Blick auf „Cradle“ werfen. Es ist aber unwahrscheinlich, dass die Kleinen sich für den langsamen Titel überhaupt begeistern können. Das Erzähltempo ist auch verglichen zu anderen Grafik-Adventures eher langsam. Ohne solide Englisch- (oder Russisch-)Kenntnisse ist es völlig unspielbar. Und in der Geschichte geht es nicht nur um Tod und Trauer, sondern auch um Seuchen, Diskriminierung und Verzweiflung.

Nachdenklicher Kurztrip in die Steppe – unser Fazit:

Ein paar Stunden Fußweg, dann ist man schon am Ende des Spiels angekommen. Das kann man blöd finden, wenn man auf das Verhältnis von Preis und Leistung schielt. Aber das wäre verfehlt. Denn „Cradle“ kostet nur 13 Euro und wurde von einem kleinen Team in der Ukraine entwickelt. Es steht nicht in Konkurrenz zu den offenen Spielwelten, mit denen „Batman“ oder „Grand Theft Auto“ locken. Es zeigt eher, wie man Adventures etwas aufregender und schöner präsentieren könnte.

Ganz uneingeschränkt kann man „Cradle“ trotzdem nicht empfehlen. Auch geduldige Science-Fiction-Fans werden sich wünschen, die Dialoge wären etwas knackiger geschrieben. Außerdem gibt es leider keine deutsche Sprachversion, nur Englisch, Russisch und Ukrainisch. Da man erst viel liest und später viel plaudert, fallen die kleinen Schwächen schon ins Gewicht. Und was sich die Entwickler mit dem anstrengenden, chaotischen Minispiel gedacht haben, bleibt ihr Geheimnis. Aber wer mal etwas ganz anderes spielen möchte und eine der unterstützten Sprachen beherrscht, der könnte hier eine der schönsten Überraschungen des Jahres erleben.

Jan Bojaryn

Wertung und Eckdaten

4 von 5 Punkten

Genre: Adventure
Erscheinungsdatum: 24. Juli 2015
Plattform: PC
Preis: 13 Euro
Jugendfreigabe: nicht geprüft
Entwickler: Flying Cafe for Semianimals
Publisher: Flying Cafe for Semianimals
Website: http://flying-cafe.com

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