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Kirche plus Macht minus Liebe und Menschlichkeit gleich Tod und Verderben

Verdis „Don Carlo“ an der Oper Leipzig Kirche plus Macht minus Liebe und Menschlichkeit gleich Tod und Verderben

Verdis „Don Carlo“ feierte, inszeniert von Jakob Peters-Messer und dirigiert von Anthony Bramall, am Samstagabend ausführlich bejubelte Premiere an der Oper Leipzig.

Licht und Hoffnung sind nur im Tod: Die verurteilten Ketzer verschwinden im Beinhaus

Quelle: Leipzig report

Leipzig. Entschlossen versichern sich Don Carlo, Infant von Spanien, und Rodrigo, Marchese von Posa, ihrer Freundschaft, ihrer Treue bis in den Tod. Das Marsch-Pathos, mit dem Verdi sie dies tun lässt, klingt allerdings etwas blechern, und Jakob Peters-Messer, dessen Regie-Sicht auf Verdis Schiller-Reflex „Don Carlo“ am Samstagabend in der Oper Leipzig Premiere feierte, zeigt unmissverständlich, warum das so ist: Diese Freundschaft hat Schlagseite. Posa stützt den Freund mehr, als dass er ihn umarmte, und Carlo hat diese Stütze bitter nötig. Ein antriebsloser Weinerling ist er, seit sein Vater, König Philipp II. von Spanien, Elisabeth, Carlos Lebensliebe und Verlobte, zur seiner Stiefmutter machte. So hängt er nun im finsteren Kloster-Palast El Escorial traurigen Träumen nach und verzehrt sich vor Sehnsucht. Während der Vater zu Beginn des dritten Aktes illusionslos feststellt „Ella giammai m’amò“, sie hat mich nie geliebt, den Kopf an den schwarzen Granit gelehnt, die Hände an den Schläfen, liegt nebenan mit leerem Blick der Sohn im Arrest und wartet auf den Tod.

In solchen Szenen führt Peters-Messer seine Darsteller mit psychographischer Präzision: Gaston Rivero als Don Carlo, den selbstbezogenen Scheiterer, Mathias Hausmann als Posa, den loyalen Kraftmenschen, Riccardo Zanellato als König Filippo, den von paranoiden Zweifeln zerfressenen Mann der Macht, Gal James als Königin Elisabetta, die sich aus Gründen der Staatsräson opfert, Kathrin Göring als Prinzessin Eboli, von unerwiderter Liebe zum mörderischen Rache-Engel gemacht, Rúni Brattaberg als Großinquisitor, auf dessen Schultern schwer die eigentliche Macht in diesem Gottesstaat schwer lastet.

Frei, glücklich gar, ist niemand in dem Palast, den Markus Meyer da auf die Bühne gestellt hat. Und seine verschachtelten Fluchten, mit der dem Großinquisitor vorbehaltenen Treppe und der riesigen Heuschrecke an der Wand spielen eine Hauptrolle in Peters-Messers Inszenierung. Denn Meyer zeigt die Leere in den Seelen aller, die ihn bewohnen. Hoffnung und Licht sind nur im Tod – folgerichtig hält das Grabmal Kaiser Karl V., neben dem in der gleißend hellen Wandnische eine Mischung aus Stefans- und Hauskrone liegt, Carlo (und später Philipp) schon mal den Totenschädel entgegen. Da enden die Ketzer des Autodafés im lichten Beinhaus, trägt Don Carlo, dessen Weg in den Selbstmord Peters-Messer bereits in der ersten Szene anlegt, als einziger Weiß in dieser schwarzen Hofgesellschaft. Allerdings sieht Rivero mit seiner lustigen Halskrause darin ein wenig aus wie ein Bajazzo, der sich ins falsche Stück verlaufen hat (Kostüme: Sven Bindseil). Das ändert indes nichts daran, dass Peters-Messer hier in vier Akten plausibel, klug und sensibel eine Geschichte erzählt, in der die Gleichung Kirche plus Macht minus Liebe und Menschlichkeit gleich Tod und Verderben ohne Rest aufgeht.

Musikalisch tut sie es nicht. Was vor allem an den großen Stimmen liegt. Rivero und Hausmann schmettern ihren Treueschwur „Dio, che nell’alma infondere amor“ im ersten Akt mit so kraftmeierischer Inbrunst, dass sie bis zur Pause nicht mehr runterkommen von diesem Trip. Mit der Folge, dass sie auf der Bühne alle anderen mitreißen in diesen Rausch der Lautstärke – oder an die Wand singen. Das ist doppelt schade, weil beide großartige Stimmen haben. Herrlich funkelt das Tenor-Metall des in jedem Moment der mörderischen Partie ungefährdeten Königssohns, prachtvoll glänzt das Bariton-Geschmeide des Freundes. Dass sie auch subtil können, zeigen sie nach der Pause in bewegenden Psychogrammen. Und hier können auch die Frauen zeigen, dass sie ihre Rollen erstklassig zu füllen vermögen: James in ihrer Szene mit dem König, Göring unmittelbar danach, wenn die Reue über den Verrat an der Königin sie überfraut – auch ihr Schleierlied ist bereits mehr als eine folkloristische Bravour-Nummer: Es vibriert vor allzu selbstsicherer und verhängnisvoller Erotik.

Den Faden der Brüllerei aus der ersten Halbzeit nimmt Brattaberg in seiner Szene mit dem König wieder auf. Und schrumpft, obschon er eindrucksvolle Luftmengen bewegt, damit diesen finstersten aller Verdi-Schurken. Denn ein Großinquisitor, der fortwährend die Stimme erhebt, ist nur halb so gefährlich. Zanellato hält derweil seinen samtenen Bass durchlässig für die Kämpfe in seinem Innersten. Da wird es hörbar, das schöne Wort vom Gesang als Spiegel der Seele – ein exzellenter Sängerdarsteller und der Glanzpunkt dieser mit vokalen Höhepunkten reich gesegneten Produktion. Viele davon setzt der Chor der Leipziger Oper, den Chordirektor Alessandro Zuppardo als Abschiedsgeschenk noch einmal präpariert hat. Durchschlagend, aber auch verletzlich, fanatisch, verstört und verzweifelt klingen diese Höflinge, klingt dieses Volk. Große Fußstapfen, die Zuppardos Nachfolger da vorfindet.

Was auch für die von Anthony Bramall gilt, der in der letzten Saison in Leipzig noch Stellvertreter des Intendanten war und nun Chef am Münchner Gärtnertor ist. Gerade mit Verdi hat er Glanzpunkte im Repertoire gesetzt. Und ein Glanzpunkt könnte auch dieser „Don Carlo“ sein – würde Bramall den Sängern ihre exaltierten Vorstellungen von Dynamik und Tempo früher austreiben. So indes fallen Bühne und Graben bisweilen auseinander, bleibt manche Herrlichkeit des tief abgesenkten Gewandhausorchesters ungehört.

In Verdis französischster Oper spielen die Holzbläser eine noch wichtigere Rolle als in seinen anderen Werken. Zu immer neuen Farben finden sie sich zusammen, zu Registern einer lebenden Orgel, zart und warm, grell und herb – und selbst dann verschattet wie diese ganze trostlose Oper. Mit wunderbaren Soli in Flöte, Oboe, Englisch Horn, Fagott. Das Blech hält auf Augenhöhe dagegen mit etwas halbseidenen Trompeten, markigen Hörnern und abgründigen Posaunen. Die Streicher strahlen und fauchen und schmeicheln und weinen – und Daniel Pfisters Cello-Solo ist zum Weinen schön.

Bramall hat ein sicheres Gespür für die Tinta, den spezifischen Ton dieser Verdi-Oper, die er in großen sinfonischen Zusammenhängen denkt – und dennoch immer wieder auseinanderreißen lässt, weil er allzu willfährig Luft lässt für Zwischenapplaus selbst an den sensibelsten Stellen. Womit wir wieder bei der sängerischen Selbstdarstellung wären, die diesen „Don Carlo“ kurz unter dem Gipfel des Opern-Olymp campieren lässt, aber selbstredend gewaltigen Jubel auslöst. Er fällt besonders laut für Hausmann, Göring, Bramall und das Gewandhausorchester aus, schließt aber alle ein und fällt auch fürs Inszenierungsteam noch erheblich aus.

Vorstellungen: 8., 15. Oktober, 26. November, 15. Dezember, 24. Februar, Karten (15–78 Euro) gibt’s unter anderem in allen LVZ-Geschäftsstellen, über die gebührenfreie Tickethotline 0800 2181050 und auf www.lvz-ticket.de, unter Telefon 0341 1261261 oder an der Opernkasse.

Von Peter Korfmacher

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