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„Man muss die Entwicklungen vor der Gesamtlage des Stadtteils sehen“

Westwerkschau „Man muss die Entwicklungen vor der Gesamtlage des Stadtteils sehen“

Es ist still geworden um das Westwerk: In der Westwerkschau stellen Künstler des Kunstquartiers ihre Arbeiten aus. Die sind auch von Unsicherheiten geprägt. Und dennoch sehen die Kreativen optimistisch in die Zukunft.

Im Mittelpunkt der Großen Halle rattert Franziska Möbius´ Installation „Große Welle“. Angetrieben über ein komplexes Windensystem, ausgelöst durch eine Lichtschranke heben und senken die verbundenen Elemente.

Quelle: André Kempner

Leipzig. Jana Voigtmann ist Künstlerin. Ihr Atelier hat sie seit vier Jahren im Westwerk. Derzeit stellt sie zusammen mit 17 anderen Künstlern des Kunstquartiers Arbeiten aus. Die Zukunft des Westwerks wurde zu Beginn des Jahres lebhaft erörtert. Darum begegnete Voigtmann im Vorfeld der dritten Westwerkschau oft der Frage, ob es die Abschlussausstellung des Kreativquartiers ist.

Ende vergangenen Jahres war bekannt geworden, dass Mieterhöhungen und Umgestaltungspläne den Fortbestand einiger Westwerk-Initiativen gefährdeten. Die Mutmaßungen, dass eine Billardhallen-Betreiber und eine Supermarktkette Räume in dem Kulturzentrum mieten sollen, halten sich bis heute. Anfang des Jahres formierte sich die Initiative „Westwerk Retten“, eine Demonstration mit rund 1000 Teilnehmern zog im Februar durch Plagwitz. Dann war es lange still um das Westwerk. Sublab, ein Hacker-Verein, Westpol, ein Ausstellungsraum, und ein Electro-Club verließen ihre Räume in der alten Fabrikanlage. Die Künstler aber blieben, fanden sich mit einer Erhöhung der Nebenkosten ab und arbeiteten in ihren Ateliers und Werkstätten an Installationen, Skulpturen und Gemälden, die sie jetzt ausstellen.

„Man muss die Entwicklungen vor der Gesamtlage des Stadtteils sehen“

Sie habe sich von der Initiative „Westwerk Retten“ nicht repräsentiert gefühlt, sagt Voigtmann. „Als die Nebenkosten Anfang des Jahres erhöht wurden, musste ich aber schon schlucken.“ Sie habe sich umgeschaut, wo sie noch arbeiten könnte. In der Umgebung des Westwerks sei aber alles wesentlich teurer als auf dem alten Fabrikgelände an der Karl-Heine-Straße. Wasser und Heizung hat die Künstlerin in ihrem 40-Quadratmeter-Atelier allerdings nicht.

Ihr Kollege Wolf Konrad Roscher zog Mitte des Jahres ins Westwerk. Die Miete für ein Ladenlokal in der Merseburger Straße, in dem er jahrelang arbeitete und ausstellte, sollte sich verdoppeln. Das konnte Roscher sich nicht leisten. Einen neuen Raum fand er um die Ecke im Westwerk. Angst, gleich wieder gekündigt zu werden, habe er keine. „Man muss die Entwicklungen vor der Gesamtlage des Stadtteils sehen“, findet er. Dann seien die Räume des Eigentümers Christian Voigt immer noch günstig, trotz der Mieterhöhungen. Roscher stehe in regem Kontakt mit Peter Sterzing, der die Immobilie verwaltet. Die Mehrheit der Künstler habe den Eindruck, dass Voigt und Sterzing der Erhalt und die Entwicklung des Geländes als Kreativzentrum ein Anliegen sind. Fest steht für Roscher auch: „Würde Voigt das Westwerk verkaufen, würde ich aus Plagwitz wegziehen.“ Davon geht er aber nicht aus, das Verhältnis sei gut: „Es ist auch eine symbolische Geste, dass uns der Besitzer die große Halle für unsere Werkschau gegeben hat, das war in den Jahren zuvor nicht immer so.“

Vielfältige Kunst im Westwerk

Die ausgestellten Werke, die vorwiegend in der Zeit der Querelen entstanden sind, offenbaren unterschiedlichste Umgangsformen mit der Situation. Dennis Sabisch setzt sich in seiner Installation aus aufgetürmten alten Koffern, einem Leiterwagen, Sonnenschirm und fantasievollen Kuscheltieren ganz deutlich mit der Unsicherheit auseinander. „In meinem Leben gab und gibt es viele Umzüge, viele Umbrüche“, erklärt der Künstler selbst.

Die Ausstellung bildet die Vielfalt der Arbeiten der Westwerk-Künstler ab. Gleich neben dem Eingang hängt „Stazione Arena“ von Verena Landau, Schülerin von Arno Rink und Neo Rauch. Erst bei mehrmaligem Hinblicken erfasst man die Komplexität der Komposition.

Interessant ist auch die Kombination der Serien „Format 140 x 160cm“ und „Passion“ der Malerin Cornelia Starke, die ihr Atelier im Westwerk im August bezogen hat. An massiven Lichtkästen hängen in die eine Richtung blickend die bereits im Westwerk entstandenen „Passion“-Bilder. Sie drücken Leidenschaft und Chaos durch bunte, ungestüme, abstrakte Farbspritzer auf Leinwand aus, die an Jackson Pollock erinnern. Auf der Rückseite der vier Kästen prangen verschwommene Bilder, die auf eine abstrakte Art Ruhe vermitteln. „Die Lichtkästen standen hier rum. Da hatte ich die Idee, die Serien miteinander zu verbinden“, sagt die Künstlerin. Entstanden ist dadurch eine mitreißende Spannung. Jana Voigtmann fertigte eine Monotypie mit Kugelschreiberpaste an, die den Titel „willen“ trägt. Der an sich kraftaufwendige Druck mit dem zähen Material strotzt vor Energie. Was der abstrakt dargestellte kräftige Arm eines Menschen bearbeitet, lässt Raum für Interpretationen.

Voigtmann ist froh, über die miteinander organisierte Präsentation die anderen Kreativen im Werk näher kennenzulernen. Die aktuelle Ausstellung gilt nicht als Abschied, sondern als eine Momentaufnahme und Spiegel dafür, welch vielfältige Kunst im Westwerk produziert wird. Das lässt auf Zukunft hoffen.

Die Westwerkschau ist bis zum 24. September mittwochs bis sonntags von 14 bis 18 Uhr geöffnet, Karl-Heine-Straße 85-93. Der Eintritt ist frei.

Von Theresa Held

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