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ARD-Polit-Serie um Korruption und Mord

Berliner Sittenbild ARD-Polit-Serie um Korruption und Mord

Die ARD versucht es nach „Weissensee“ zum zweiten Mal mit einer Miniserie. In „Die Stadt und die Macht“, Politthriller, Familiendrama und Sittenbild, geht es um Korruption und Kungeleien im Politikbetrieb und eine idealistische Anwältin, die gegen den langjährigen Bürgermeister im Berliner Wahlkampf antritt.

„Die Stadt und die Macht“: Anna Loos als idealistische Anwältin, die bei der Wahl gegen den langjährigen Bürgermeister antritt.

Quelle: ARD-Programmdirektion

Leipzig. Manchmal wünscht man sich schon, dass Gedächtnis wäre gnädiger. Ist es oft aber leider nicht. Also denkt man dann: Warum sind Filmemacher so ignorant? Oder arrogant?

Warum kennen sie sich so wenig aus in der Geschichte des Kinos? Haben also offenbar weder „Der Kandidat“ (1964) von Franklin J. Schaffner noch „Bob Roberts“ (1992) vom Tim Robbins gesehen. Die jedenfalls dürften Cineasthen wohl immer zuerst einfallen, wenn sie „Die Stadt und die Macht“ sehen.

Eine Frau will ins Amt

Geschichten von ehrgeizigen, gewieften Politikern, die mit vielen, auch mal etwas krummeren Mitteln ins Amt wollen. So ist Susanne Kröhmer nicht. Eine Juristin, der die Resozialisierung krimineller Jugendlicher, auch mit Migrationshintergrund, Herzensangelegenheit ist, die eine Kanzlei mit ihrem Lebenspartner betreibt, politisch aktiv in der CDP ist, in der ihr Vater, Spitzname KK, als Chef der Fraktion im Berliner Rathaus ein großes Rad dreht.

Sie ist mit einem Enthüllungs-Journalisten und dem insolventen Sohn eines zwielichtigen Bauunternehmers befreundet – und leidet unter Vater-Alpträumen. Da fliegt dann oft eine lichterloh brennende Puppe durch die Luft. KK, der Vater, ein poltriger Partei-Patriarch, der mit Bürgermeister Degenhardt von der STP in einer Großen Koalition alles regelt, nennt die Tochter eine verblasene Idealistin.

Rätselhafter Tod

Als Oliver, Sohn des Bauunternehmers Frank Griebnitz, Susanne Kröhmer eines Abends angetrunken anruft, ein paar Zeilen „Space Oddity“ singt und dann von der Wohnungs-Terrasse in den Tod springt, kommt plötzlich die politische Gemengelage ins Rutschen. Bausenator Niemeier (CDP), der bei anstehenden Neuwahlen gegen Bürgermeister Degenhardt antreten sollte, gerät unter Korruptionsverdacht und muss zurücktreten.

Nun tritt Susanne Kröhmer gegen Jankowski, einen blassen CDP-Politiker, als Wahl-Kandidatin der CDP an, gewinnt und wird zur Gegenspielerin des amtserfahrenen Degenhardt. Ihr Vater kungelt hinter dem Rücken der Tochter mit dem Bürgermeister. Beide Machtpolitiker verbinden Altlasten, die sie mit Bauunternehmer Griebnitz teilen.

Korruption und Skandale

Alex, der Journalist, befreundet mit Susanne, wittert hinter dem Tod von Griebnitz jun. einen Skandal und recherchiert, Susannen holt sich den so gerissenen wie ausgekochten Wahlkampfmanager Lassnitz in die Kampagne, während ihre Mutter in der pompösen Villa am See vor sich hin trinkt.

Susanne stößt auf ein verschwiegenes Bauvorhaben des Bürgermeisters, spricht mit den Grünen, hat mit einem Spitzel in ihrer Wahlkampf-Truppe zu tun – und dem Vater, der das eine sagt und im Hintergrund Strippen zieht.

Also alles da: Politthriller und Familiendrama, Sittenbild und Charakterspiel. Dass Politik verbiegt, das ahnt man. Dass Politik in den Sumpf führt, haben italienische Kinostücke der 60er/70er immer mal wieder erzählt.

Wieder mal eine Erzähl-Serie

Das breitet auch „Die Stadt und die Macht“ aus, mit der das Erste endlich seine Serie unsäglich altbackener Serien mal unterbricht. Also nach „Weissensee“ ein zweiter Versuch, auf den international schon lange rollenden Zug spät, sehr spät aufzuspringen.

Da kann es dann schon mal passieren, dass einiges unter dem Moos längst überwunden geglaubter Peinlichkeiten wieder hervorwächst. Was einigermaßen verwundert, gelang Regisseur Friedemann Fromm doch mit „Die Wölfe“ der sicher beste TV-Dreiteiler über das geteilte Berlin.

Szenische Ausrutscher

Wie konnte es dann aber passieren, dass Thomas Thieme immer wieder seinen KK laut und lärmend (zumal in der Öffentlichkeit) als Strauß unter Ecstasy spielt, dass es in der Villa von KK wie in einer billigen Altherren-Fantasie mit Sex und Sekt zugeht, dass der Enthüller Alex durch Wohnungen wie Fantomas aus der Dose geistert und die Ehefrau von KK als spätes Mädchen linkisch durch ihre Benebelung schaukelt.

Ja, das ist alles wieder schrecklich daneben geraten bei diesem abgründigen Poker um Macht und Money, Korruption und krude Manipulationen, um politisches Geschacher, falsche Väter und einen Auftragsmord.

Im fünften Teil wird es sogar noch richtig Krimi, wenn es im Jugendknast zu einer provozierten Rebellion mit Geiselnahme kommt. Allerdings darf dann bei der letzten Enthüllung auch nicht die Stasi mit ihrer Schalck-Golodkowski-Firma fehlen. Der Ex-Ost-Mann für betrügerische Westgeschäfte hat aber auch eine schwindelerregende Karriere nach 1989 hingelegt.

Martin Brambach: erstklassig

Was man „Die Stadt und die Macht“ zugute halten muss: Sie wird, trotz einiger szenischer Ausrutscher, mit zunehmender Dauer immer unterhaltsamer. Was viel mit Martin Brambach (Wahlkampfmanager Lassnitz) zu tun hat. Der spielt mit Energie und Eigensinn, Dampf und Tempo (was auch an wirklich toll geschriebenen Sätzen liegt), während Anna Loos als Susanne Kröhmer eher ein Rätsel ist.

Ohne Charisma und überzeugende, zündende Reden, aber vielen moralisch integren Entscheidungen bleibt sie ein mattes, blasses Plakat. Oder ist ihre flexible Anpassung an den Politikbetrieb – so wie es auch „Borgen“ aus Dänemark vorführte – die Geschichte einer zweiten Staffel? Die ARD sagt dazu noch nichts. Wahrscheinlich wartet sie jetzt erst einmal die Quoten ab.

Dienstag, Mittwoch, Donnerstag, immer 20.15 Uhr, jeweils zwei Folgen

Von Norbert Wehrstedt

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