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Autor Axel Hacke über das Gespenst des Kolumnismus und RB Leipzig

Autor Axel Hacke über das Gespenst des Kolumnismus und RB Leipzig

Er habe sich "sozusagen selbst überholt", findet Axel Hacke, und das sei ein tolles Gefühl: Hacke ist jetzt 59 und mehr als die Hälfte seines Lebens - seit 30 Jahren - schreibt er Kolumnen.

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Axel Hacke, Buchautor und Kolumnist der Süddeutschen Zeitung.

Quelle: André Kempner

Leipzig. In den vergangenen 25 Jahren sind 1001 davon im Magazin der Süddeutschen Zeitung erschienen. Rund 200 hat Hacke nun zu einem "Kolumnistischen Manifest" kompiliert, aus dem er am Dienstag in der Schaubühne Lindenfels liest.

Ihnen blieb als Kind in Braunschweig nichts anderes übrig, als Fan der Eintracht zu werden. Wie es aussieht, wird sie auch in der kommenden Saison mit RB Leipzig um den Bundesliga-Aufstieg konkurrieren. Wem wünschen Sie, dass er's schafft?

Na, wem wohl? Bestimmt nicht Leipzig. So leid's mir tut.

Aber es tut Ihnen immerhin leid? Für viele ist RB ein rotes Tuch ...

Ich habe nichts gegen RB Leipzig. Wobei ich jetzt auch nichts groß für die habe. Als Eintracht-Anhänger ist es mir egal, wer am Wegesrand zurückbleibt. In meinem Leben habe ich ein einziges Mal an so einer Dose Red Bull genippt und gemerkt, dass es nicht mein Getränk ist. Aber die Kommerzialisierung gehört nun mal auch zum Fußball, und erstens müssen sich die Traditionsvereine damit auseinandersetzen, sonst verlieren sie eben. Zweitens wächst in Leipzig ja nichts total Steriles heran. Leipzig ist immer eine große Fußball-Stadt gewesen, und der Verein hat seine Anhänger. Die Art, wie dort gespielt wird, ist im übrigen auch nicht uninteressant ...

... sagt jemand, der seit 40 Jahren in München lebt. Wenn der FC Bayern dort Mitte Mai gegen Barcelona antritt, haben Sie lesefrei. Gehen Sie ins Stadion?

Auf jeden Fall! Karten haben wir. Mein Interesse an Fußball ist noch mal gewachsen, seit ich letztes Jahr "Fußballgefühle" geschrieben habe, die Arbeit hat mir wahnsinnigen Spaß gemacht. Gerade wenn die Bayern Champions League spielen, haben wir natürlich hier in München den gigantischen Vorzug, dass wir da extrem feine Kost vorgesetzt bekommen. Da haben wir so eine kleine Korona von vier alten Freunden, die zusammen ins Stadion gehen.

Am Dienstag ist zum Glück fußballfrei. Wird sich der Abend in der Schaubühne von anderen unterscheiden oder lesen Sie in jeder Stadt dieselben Texte?

Fußballfrei ist gut: In Leipzig ja, aber in München spielt Bayern gegen Dortmund, ein Wahnsinnsspiel! Aber es gibt ja heute kaum noch fußballfreie Abende, irgendwas ist immer. Ich gucke dann immer in der Pause auf den Liveticker, die tollsten Spiele habe ich so schon verpasst, manchmal ist es schlimm. Gott sei Dank kommen die Leute trotzdem zu den Lesungen, und was den Abend in Leipzig angeht: Viel ergibt sich spontan. Natürlich spielt eine Rolle, dass ich hier ungefähr einmal im Jahr lese. Um Stammgäste nicht zu langweilen, muss ich's ein bisschen anders aussuchen als etwa in Memmingen, wo ich alle paar Jahre mal auftauche. Außerdem will ich mich selber nicht langweilen. Wenn ich jeden Abend das Gleiche mache, schlaf ich ja irgendwann auf der Bühne ein.

Merken Sie nach 25 Jahren noch ein Unterschied, ob Sie in West- oder Ostdeutschland lesen?

Schwer zu sagen. Vielleicht ist das Publikum im Osten noch immer ein bisschen neugieriger und aufmerksamer als in manchen westdeutschen Städten. Wenn man überhaupt einen Unterschied festmachen will, dann ist es der.

Nach welchen Kriterien haben Sie die rund 200 Texte der neuen Sammlung aus Ihrem Kolumnensee gefischt?

Einen Plan hatte ich nicht, ich bin richtig versackt in der Materialfülle und mit dem Lesen gar nicht hinterher gekommen. Ich musste mir natürlich überlegen, wie ich das alles ordne, und bin so vorgegangen wie beim Schreiben oder bei einer Lesung: assoziativ und spontan. Also nicht chronologisch oder nach ganz harten, ernsten Themen sortiert, sondern nach dem Lustprinzip.

Obwohl Ihnen ja ständig das "Gespenst des Kolumnismus" im Nacken sitzt ...

Ein sehr nützlicher Geist, der einen zum Arbeiten zwingt. Ich bin eigentlich kein fleißiger Mensch. Aber die Umstände und dieses Gespenst nötigen mich zum Fleißigsein. Ich habe einen Druck von außen, den brauche ich auch, und das Gespenst sagt: "Hey, du kannst dir jetzt kein Rumbaseln leisten, du musst loslegen jetzt."

Sie schreiben die Kolumne fürs SZ-Magazin immer mittwochs. Haben Sie einen Text in der Schublade, falls Ihnen mal keiner gelingt?

Jahrzehntelang habe ich das tatsächlich ohne jede Reserve, ohne Netz und doppelten Boden gemacht. Das wundert mich selber, dass das immer gut gegangen ist. Seit zwei, drei Jahren liegt eine Reserve-Kolumne in der Schublade, aber nicht für den Fall, dass mir nichts einfällt, sondern, dass ich krank werde oder irgendetwas Ernsthaftes passiert, das mich vom Schreiben abhält. Aber bisher hab ich noch immer geschrieben, selbst wenn es manchmal hart war. Auch an den Tagen, an denen meine Eltern gestorben sind, musste ich schreiben.

Als Ihr Leser denkt man leicht, Sie erlebten die Dinge Woche für Woche genauso, wie Sie sie aufschreiben. Ist es Ihnen wichtig, dass die Leute mal erfahren, dass dem nicht ganz so ist?

Och, ich erzähl das zwar immer wieder. Aber irgendwie ist's auch egal. Die Leser wollen es einfach so, und wenn man ehrlich ist, sind die Kolumnen ja immer angeregt durch mein Leben. Und so soll es auch sein: Der Kolumnist ist jemand, mit dem sich der Leser identifizieren kann, sozusagen ein Verbündeter in der Zeitung. Zu dem man Kontakt hat, der irgendwie das eigene Leben zu kennen scheint. Der immer da ist. Ich halte nichts davon, wenn Kolumnisten Urlaub machen und sich vertreten lassen. Ein anständiger Kolumnist wird nicht krank und wechselt sich mit niemandem ab. Das geht gegen mein Berufsethos.

Sie stellen Ihr Leben also ganz in den Dienst des Lesers und der Eigendynamik der Kolumne. Aber ist es Ihren mittlerweile erwachsenen Kindern kein Anliegen, dass man nicht alles, das nun wieder in einem Buch steht, für bare Münze nimmt?

Nicht sehr eigentlich. Die Großen sind ja heute schon an die 30 und waren damals sehr, sehr klein. Es ist für sie eher ein bisschen wie ein Familienalbum. Eine Zeit unseres Lebens, die sich in dieser Kolumne widerspiegelt, und irgendwie mögen sie diese Geschichten, glaube ich. Bei Luis - mein Sohn heißt nicht Luis, aber ich meine den Sohn, der das Vorbild für Luis gewesen ist - da habe ich in einem gewissen Alter auch einfach aufgehört. Mit zwölf kommt so eine Zeit, in der Kinder eine andere Form von Intimität entwickeln und vielleicht nicht von Schulkameraden auf so etwas angesprochen werden möchten. Über meine Kinder in der Pubertät wollte ich nie schreiben, das war mir zu heikel.

Sie haben dann lieber zum Beispiel über Edmund Stoiber geschrieben. Bedauern Sie, dass er kaum noch öffentlich in Erscheinung tritt?

Na ja, als Kolumnist schon. Aber politisch war ich ihm nie besonders nahe. Er war ja aus der Strauß-Ära übrig geblieben, und dafür hege ich nicht viele Sympathien. Aber Stoiber hat natürlich schon ein enormes komisches Potenzial, und wenn das plötzlich nicht mehr da ist, dann tut's einem irgendwie leid.

Stoibers Erbe hat in Ihren Kolumnen in mancher Hinsicht Wladimir Putin angetreten. Würden Sie es, sollte es je dazu kommen, aus beruflichen Gründen bedauern, wenn er seine Macht verlöre?

Nee, ganz sicher nicht. Für den Mann habe ich nicht viel übrig. Allerdings fürchte ich, dass das, was nach ihm kommt, noch viel entsetzlicher ist. Ich würde mir für Russland etwas ganz Anderes wünschen. Dass das Land sein Potenzial erkennt. Dass es seine Demokratie entwickelt und dass diese Form der Diktatur ein Ende nimmt.

Axel Hacke, Dienstag, 20.30 Uhr, Schaubühne Lindenfels (Karl-Heine-Straße 50), Eintritt 18/15 Euro

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 28.04.2015

Interview: Mathias Wöbking

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