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„Die Leser sind sehr viel kritischer“

Rolle der Journalisten „Die Leser sind sehr viel kritischer“

Thomas Krüger, Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung spricht im Interview über die Rolle der Journalisten. Für die Demokratie sieht er nicht schwarz.

Thomas Krüger, Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung spricht im Interview über die Rolle der Journalisten (Archivbild).

Quelle: dpa

Leipzig. Thomas Krüger (56), Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung, ist im Mai Festredner in Wien beim größten Journalisten-Kongress Europas bei der Ehrung der besten Zeitungen. Er studierte Theologie in der DDR, war nach der Revolution Jugend-Senator in Berlin und ab 1994 einige Jahre Abgeordneter im Bundestag. Im Interview spricht er über die aktuelle Kritik an Journalisten und ihre Rolle in der Demokratie.

Welches Menschenbild haben die Hass- und Wutprediger? Und warum wirkt es auf vielleicht 10 oder 20 Prozent der Bürger so anziehend?

Seit dem Zusammenbruch des „Ostblocks“ vor 25 Jahren wird immer offensichtlicher, dass die Zeit der Nation vorbei ist. Die Globalisierung wird immer dynamischer, gesellschaftliche Bereiche verzahnen sich immer enger, und Migration ist globaler Alltag. Menschen kommunizieren und handeln, ja, leben über Grenzen hinweg. Und da gibt es natürlich auch nicht gerade wenige Menschen, die sich durch diese Entgrenzung ihres Ankers beraubt sehen, und sie entwickeln eine Sehnsucht nach Homogenität, Eindeutigkeit und Abgrenzung. Sie glauben tatsächlich daran, dass alles besser funktioniert, wenn Nationalitäten sauber voneinander getrennt leben. Leider neigen sie auch zu Rassismus und gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit, also zur Abwertung „anderer“ und vermeintlich geschlossener Personengruppen – aktuell sind hier vor allem die Geflüchteten das Ziel.

Haben Journalisten diese Schattenseiten nicht deutlich genug angesprochen. Kurzum: Haben die Medien, haben die Journalisten versagt?

Nein, ich bin Anhänger der These, dass der Journalismus heute nicht schlechter, die Leser aber sehr viel kritischer sind. Als publizistisches Rückgrat der demokratischen Öffentlichkeit bleiben Journalisten unersetzlich und natürliche Verbündete der politischen Bildung. Beiden geht es darum, Sachverhalte zu erklären, Kontroversen aufzuzeigen und letztendlich das demokratische Bewusstsein und die aktive Mitarbeit zu stärken.

Offenbar haben auch Journalisten einiges falsch gemacht. Umfragen deuten an: Das Vertrauen ist bei vielen Bürgern erschüttert. Haben Journalisten vielleicht wie Oberlehrer aufs Volk hinabgeschaut – was die Bürger eben nicht mögen?

Wenn Journalisten etwas falsch gemacht haben, dann höchstens zwei Dinge: Erstens, dass sie sich zu spät in die Debatten im Netz, in den sozialen Medien eingeschaltet haben. Hier haben viele Journalisten die Möglichkeiten unterschätzt, sich frühzeitig Gehör zu verschaffen. Und zweitens haben Sie ihr Licht unter den Scheffel gestellt. Guter Journalismus setzt sich schon durch, dachte man, dass dazu aber heute eine transparente Kommunikation gehört, haben viele noch nicht begriffen.

Sind die Sympathisanten noch zu erreichen? Die Menschen, die den Hasspredigern Beifall zollen?

Am Auf- und Abschwung der Pegida-Veranstaltungen sieht man ja, dass dem so ist. Die zunehmende Radikalisierung der Forderungen hat nicht dazu geführt, dass die Demonstrationen mehr Zulauf bekommen – im Gegenteil. Ein für mich eindeutiges Zeichen, dass auch Personen noch erreichbar sind, die dem dort verbreiteten Gedankengut in Teilen zustimmen oder in der Bewegung zeitweise ein Ventil für ihre Sorgen gesehen haben.

Erleben wir die Dämmerung der Demokratie? Wächst langsam wieder die Sehnsucht nach einem, der alles besser macht?

So schwarz sehe ich auf gar keinen Fall. Laut Kishon ist Demokratie ja das beste politische System, weil man es ungestraft beschimpfen kann. Ich bin überzeugt, dass sich dessen auch viele derer bewusst sind, die gerade ihre sogenannten Sorgen sehr lautstark äußern. Außerdem erlebe ich täglich zahllose engagierte Akteure, die daran mitarbeiten, die Demokratie lebendig zu halten. Dieser Einsatz, das Wissen und der Einfallsreichtum dieser Menschen sind die Voraussetzungen dafür, dass auch jene, die an unserer Gesellschaft zweifeln, wieder auf die richtige Seite gezogen werden können. Deshalb müssen wir sie mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln unterstützen.

Wie sehen Sie die Rolle der Institutionen?

Die darf man nicht unterschätzen. Natürlich geben sie als „Teil des Systems“ ein dankbares Ziel für Kritik ab. Trotzdem ist es wichtig, dass Ministerien, Behörden, alle Teile der öffentlichen Hand ein klares Signal senden, indem sie Vielfalt und Demokratie vorleben. Nur so bleibt beides zukunftsfähig.  

Interview: Paul-Josef Raue

Leipzig 51.339695 12.373075
Leipzig
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