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„Fegefeuer“: Fiktion und Realität treffen sich im Schweiger-Tatort

Spiel mit der Tagesschau „Fegefeuer“: Fiktion und Realität treffen sich im Schweiger-Tatort

Nach den Anschlägen von Paris hat die ARD den Tatort mit Til Schweiger verschoben. Am Sonntagabend wurde klar, warum: Die Episode Fegefeuer ging ein gewagtes Spiel von Erfindung und Wirklichkeit ein.

Til Schweiger im Tatort.

Quelle: dpa

Leipzig. Das konnte den flüchtigen Betrachter schon verwirren gestern Abend im „Tatort“ mit Til Schweiger: Da ging um 20.15 Uhr die ganz reale „Tagesschau“ zu Ende. Alles wie immer: Lächeln. Zettelsortieren. Undnundaswetterfürmorgenmontag. Ende. Fadenkreuz. Krimivorspann. Aber dann, um 20.16 Uhr, folgte: noch mal das „Tagesschau“-Studio. Backstage mit Judith Rakers. Kameraleute. Newsroutine. Und dann: ein Überfall. Die ARD-Nachrichtenzentrale war über weite Strecken des Films Schauplatz einer Geiselnahme durch Terroristen. Wer sich zwischen Wetterbericht und Krimi ein Bier geholt und den „Tatort“-Vorspann verpasst hatte, konnte sich kurz im falschen Film fühlen. Terror in Hamburg? Geiselnahme in der „Tagesschau“? Oder wie oder was?

Ein Hauch von Orson Welles‘ „Krieg der Welten“ wehte durch Hamburg-Lokstedt – jener als Hörspiel gedachten fiktiven Radioreportage, die der US-Sender CBS am Abend vor Halloween 1938 ausstrahlte. Viele Hörer hielten die Meldungen von der Marsianer-Invasion auf der Erde damals für bare Münze. „Krieg der Welten“ wurde zum heiß diskutierten Sündenfall, was die Vermischung von Fiktion und Realität angeht. „Das war für uns ein Schock“, sagte Orson Welles später, „dass H. G. Wells’ alter Klassiker bei den Hörern solche Reaktionen auslöste. Die Invasion von Mars-Monstern war für uns nur ein Märchen.“

Bei der ARD dagegen war das Spiel mit den Ebenen gestern Abend – anders als bei Welles – volle Absicht. Eine bewusste dramaturgische Entscheidung. Nicht, um die Zuschauer zu täuschen, sondern um durch die Wiedererkennung eingeübter Nachrichtenrituale ein Authentizitätsgefühl herzustellen, das die Zugänglichkeit der Story erhöht. Regisseur Christian Alvart und der NDR allerdings muteten dem Publikum damit viel zu. Auch bekannte Nachrichtenmoderatoren wie Thomas Roth oder Linda Zervakis traten auf.

Ist das zulässig? Darf man die tradierten, ikonografischen Symbole des ARD-Nachrichtenflaggschiffs nutzen, um die Glaubwürdigkeit eines fiktiven Thrillers aufzuwerten? Tatsächlich wirkt es oft hölzern, wenn klar identifizierbare Medienmarken in Filmen und Serien andere Namen tragen. Der „stern“ hieß 1992 – aus rechtlichen Gründen – in Helmut Dietls Hitlertagebücher-Satire „Schtonk!“ ziemlich tapsig „HHpress“ (Er sollte eigentlich „Expressmagazin“ heißen, doch das verhinderte kurz vor dem Kinostart eine Klage des echten „Kölner Express“). CNN heißt in mehreren Paramount-Filmen ZNN. Allein bei den „Simpsons“ tauchen mehr als 100 fiktive Magazine auf („The Yorker“, „Newsweeque“). Im Cartoon ist das harmlos. Wenn es aber um das Nachrichtenwesen und um Terror geht, birgt die Vermengung von seriösen Realmarken und Fiktion Risiken. Gerade in einer Zeit, in der der Journalismus um seine Glaubwürdigkeit und das Vertrauen des Publikums zu kämpfen hat. Die ARD hatte die Ausstrahlung der beiden am Freitag und Sonntag gesendeten „Tatorte“ nach den Terroranschlägen von Paris am 13. November verschoben – vor allem wegen des gestern ausgestrahlten zweiten Teils mit dem apokalyptischen Titel „Fegefeuer“. Es war die richtige Entscheidung. Denn in Zeiten größter Unsicherheit wäre das muntere Chiffrespielchen kaum zu vermitteln gewesen.

Künstlerisch ist das Experiment außerordentlich reizvoll. Überhaupt sind gerade Selbstreferentialitätswochen bei der ARD: Erst der „Tatort“-Dreh im Tukur-Krimi, jetzt die „Tagesschau“. Zuschauer aber können erstaunlich leichtgläubig sein, was reales und fiktionales Fernsehen betrifft. Ein steter Quell des Erstaunens sind beim WDR jene Menschen, die sich um frei werdende Wohnungen in der „Lindenstraße“ bewerben, sobald jemand vom Serienstammpersonal „stirbt“. Ein Möchtegernmieter schrieb mal, er habe nichts dagegen, wenn dann immer wieder sonntags bei ihm gedreht würde. „Tagesschau“-Sprecher Jan Hofer berichtet von Briefen, in denen „Marienhof“-Zuschauer die „italienische Schönheit Teresa“ anschmachteten, die „es nicht verdient hat, so schlecht behandelt zu werden. Deshalb möchte ich sie persönlich kennenlernen.“

Nicht wenige ARD-Zuschauer, sagt Hofer, begriffen „Fiktion nicht als Realität zweiter Ordnung, sondern als direkte Wirklichkeit. Und das sind beileibe keine Ausnahmefälle.“ Zuschauer nähmen selbst Nachrichtensendungen zum Anlass, etwa „ihre Beziehungsprojektionen abzuarbeiten“. Höhepunkt solchen Realitätsverlustes war das Schreiben eines Mannes, der fest an die beidseitige Durchlässigkeit der Mattscheibe glaubte: „Langsam bin ich es leid, mich von den Sprechern der ,Tagesschau‘ beim Abendessen beglotzen zu lassen.“

Menschen, die solche Briefe schreiben, wird man kaum erklären können, dass das gestern im (nachgebauten) Studio keine echten Terroristen waren. Umgekehrt sollte sich ein fiktionales Kunstwerk wie ein Krimi nicht zwingend am schwächsten Glied in der Kette orientieren, um bloß keine Missverständnisse zu provozieren. Die „Tagesschau“ im „Tatort“ gestern war ein inszenatorischer Grenzfall. Aber ein zulässiger.

Imre Grimm

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