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„Ich finde Karneval furchtbar“

Interview „Ich finde Karneval furchtbar“

TV-Komödiantin Cordula Stratmann kehrt gleich mit zwei Serien zurück – über alles lachen kann sie aber nicht. Lesen Sie hier das Interview.

Nur echt mit Kuh: Cordula Stratmann als Belinda Mommsen

Quelle: dpa

LVZ: Frau Stratmann, wenn man Ihre zwei neuen Serien so sieht, könnte man glatt glauben, Sie stammen aus der Provinz. Dabei bin ich aus Düsseldorf, lebe in Köln und kann mir ein Leben auf dem Land bis heute nicht vorstellen.  Was verbinden Sie damit?

Stratmann: Urlaub, Kindheit, Langeweile. Wegen Letzterer hätte man mich, wenn ich gefragt worden wäre, in den Schulferien gar nicht aus Düsseldorf rausholen müssen. Heiterkeit scheinen Sie mit dem Landleben nicht zu verbinden. Mittlerweile finde ich das Reizreduzierte sehr erholsam, aber noch immer nicht allzu heiter. Warum gibt es dann gerade so viel Fernsehhumor vom Land? Ich mache mir nie Gedanken über Genres, nur über Figuren, und die haben mit in „Ellerbeck“ und „Kuhflüsterin“ gleichermaßen gefallen, ohne dass mir wichtig gewesen wäre, dass beide besonders komisch sind. Wenn das nicht der Fall gewesen wäre, hätte ich darin nach Heiterkeit gesucht. Sonst wird mir schnell langweilig.

Und werden Sie da fündig?

Meistens.

Sind Sie der Glas-halb-voll-Typ?

Nicht immer, aber sobald es auf halb leer zugeht, versuche ich nachzufüllen. Ich hab schon mal schlechte Laune, fühle mich davon aber so sehr gestört, dass ich alles daran setze, sie zu bessern. Spielen Sie deshalb nur  omödien und meiden tief greifenden Ernst? Nein, denn in jeder guten Komödie liegt tief greifender Ernst. Das  Klügste, was man in schwerer Lage oft machen kann, ist zu lachen. Weil ich eher Geschichtenerzählerin als Pointenreißerin bin, gebäre ich die Komik aber lieber aus alltäglichen Situationen, als dauernd die griffigste Punchline zu suchen. Wenn die Struktur eines Gags zu offensichtlich ist, langweilt es mich genauso. Die Struktur der Punchlines Ihrer zwei Provinzserien zielt gern auf Landeier ab, die oft leicht verschroben wirken.

Amüsiert sich da die Stadt übers Land oder umgekehrt?

Weder noch, da amüsieren sich Menschen über Menschen! Ich neige dazu, jeden gleich ernst zu nehmen, finde aber auch potenziell jeden komisch. Bedienen sich dabei aber allerlei Klischees übers Landleben… Ach, ich hab gar nichts gegen Klischees, solange sie nicht auf Vorurteilen basieren. Die dörfliche Gartenzaunkontrolle zum Beispiel kann man wunderbar klischieren, aber eben auch belegen. Andererseits wäre meine Kuhflüsterin in Köln womöglich genauso wissbegierig wie in Oberbreitbach, weil es eher eine Frage der Mentalität als eine des Umfelds ist.

Welche der beiden Figuren ist für Sie denn abstrakter?

Eine neugierige Tierheilpraktikerin ist genauso abstrakt für mich wie eine Erzieherin in der Lokalpolitik. Aber in „Ellerbeck“ geht‘s mehr um bürgerliches Engagement, Energiepolitik, Wutbürger, solche Sachen; das betrifft mich persönlich etwas mehr – obwohl ich mich weder zur Politikerin noch zur Wutbürgerin berufen fühle. Beide Gegenden ähneln sich darin, dass man dort wie überall auf dem Land knorrige Menschen trifft, die in ihrer Eigenart für Außenstehende oft abweisend wirken, im Kern aber sehr herzlich sind.

Mögen Sie solche Typen mehr als rheinische Frohnaturen?

Ich mag Menschen, die zügig zu gutem Miteinander finden, weil mir der Sinn einer schlecht gelaunten Individualität um ihrer selbst willen unergründlich ist. Da bin ich zu sehr Rheinländerin. Zelebrierte Einsamkeit, allein beim Bier an der Theke, ist mir fremd.

Sagt die Karnevalistin?

Nein! Ich finde Karneval furchtbar. Zu viele Pointen, zu wenig Geschichten? Vielleicht. Aber ich unterscheide zwischen Karnevalisten und denen, die im Karneval feiern. Erstere sind eher humorlos, Letztere lassen es gern mal krachen und haben dazu ein paar Tage im Jahr ideale Bedingungen. Brüllend komisch finde ich allerdings, morgens früh an der Bushaltestelle eine lebensgroße Maus, zwei Cowboys und eine Nonne zu sehen, die todernst auf ihre Smartphones blicken. Von solchen Momenten fühle ich mich bestens unterhalten!

Weil sie darin den Keim eine lustigen Geschichte suchen, die zu erzählen sich lohnte?

Da überschätzen Sie meinen humoristischen Ansatz. Ich suche nicht dauernd nach was Lustigem, sondern freue mich, es zu finden. Am lustigsten ist es, wenn man förmlich dabei zusehen kann, wie die völlige Selbstgewissheit eines Menschen am Arschloch Alltag scheitert, der also in Gefahr gerät, seine Würde zu verlieren.

Bedeutet Humor Würdeverlust?

Nein, den Kampf dagegen. Freude am Würdeverlust eines anderen ist Schadenfreude, da hört auch bei mir der Spaß auf. Apropos: Man hatte zwischendurch das Gefühl, nach „Schillerstraße“ und etwas Impro-Comedy mit Annette Frier hätte der Fernsehspaß mit Ihnen ein Ende. Das Gefühl trügt gar nicht so sehr. Ich bekam so manches Lustige angeboten, was ich leider nicht so lustig fand wie die Anbieter.

Interview: Jan Freitag

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