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Interview mit MDR-Chefin Karola Wille

Drei-Länder-Anstalt übernimmt 2016 ARD-Vorsitz Interview mit MDR-Chefin Karola Wille

Karola Wille (56) führt seit November 2011 den MDR. Ab 2016 lenkt sie auch als Vorsitzende die Geschäfte der ARD. Im Interview spricht Wille über Glaubwürdigkeit, ein neues Zentrum für Medienkompetenz und den Umbau des Senders.

MDR-Chefin Wille im Interview – ab 2016 hat der MDR zwei Jahre lang den ARD-Vorsitz.
 

Quelle: LVZ

Leipzig.  Karola Wille, 56, war lange Jahre Justiziarin des MDR, bevor der Rundfunkrat sie im November 2011 gegen den Widerstand der sächsischen Staatskanzlei zur Intendantin gewählt hat. Von 2016 an führt sie als Vorsitzende die Geschäfte der ARD. Themen ihrer Amtszeit werden unter anderen sein: der angemeldete höhere Finanzbedarf der ARD, der Erwerb von Sportrechten (Olympia, Bundesliga) und die Umstellung von UKW auf DAB plus.

Im Januar übernehmen Sie zusätzlich zu Ihren Aufgaben als MDR-Intendantin den ARD-Vorsitz. Ist Ihnen schon mulmig?

Mulmig nicht, aber die Spannung wächst. Der MDR übernimmt den Vorsitz in einer Zeit, in der Politik, Gesellschaft und Medien vor wichtigen Herausforderungen stehen.

… was man eben so sagt. Irgendetwas mit Herausforderung.

Ich habe Lutz Marmor bei der letzten Intendantentagung zwar schon das Abschiedsgeschenk, einen Basketball, überreicht. Aber noch hat der NDR-Intendant und leidenschaftliche Basketballspieler Lutz Marmor den ARD-Vorsitz und das Sagen.

Marmor hat sich für seine Amtszeit Transparenz auf die Fahne geschrieben. Und Sie?

Unser Ziel muss sein, dass die Zuschauer und Hörer uns Glauben schenken und vertrauen. Dafür ist Transparenz nötig. Glaubwürdigkeit schreibe ich zusätzlich auf die Fahne. Als öffentlich-rechtlicher Rundfunk müssen wir diese Debatte führen. Wir müssen unsere Glaubwürdigkeit immer wieder neu untermauern und stärken.

Als Intendantin, die einen von Betrugsaffären gezeichneten und in den Fängen der Politik gefesselten MDR übernommen hat, wissen Sie, wovon Sie reden.

Der MDR hatte ein Problem mit seinem Unternehmensimage, weniger mit der Glaubwürdigkeit seiner Berichterstattung.

Wie ist der Stand der Verfahren rund um den Kika und den ehemaligen Unterhaltungschef Udo Foht?

Was wir aufklären konnten, haben wir aufgeklärt, die Konsequenzen sind gezogen. Beim Kika laufen die Schadenersatzverfahren zum Teil noch. Die Vorgänge um den ehemaligen Unterhaltungschef sind noch nicht abgeschlossen. Das liegt in der Hand der Justiz.

Wie glaubwürdig ist eine Intendantin einer Drei-Länder-Anstalt, deren Parlamente es nicht schaffen, sich auf einen neuen Staatsvertrag zu einigen und den Rundfunkrat staatsferner und damit verfassungsrechtlich konform zu besetzen?

Die Glaubwürdigkeit des Hauses hängt von der Seriosität seiner publizistischen Angebote und von seinem wirtschaftlichen Handeln ab, nicht von Landtagsbeschlüssen.

Erst einmal aber wurde der Rundfunkrat für die nächsten sechs Jahre nach den alten Regeln neu besetzt. Ganz so, als habe es das Karlsruher Urteil nicht gegeben.

Das Gremium hat bei meiner Wahl vor vier Jahren bewiesen, dass es sich gegen politische Einflussnahme zu wehren weiß.

Wie impertinent ist es aber, dass sich am Dienstag mit Steffen Flath ausgerechnet der langjährige sächsische CDU-Fraktionschef zum Vorsitzenden des Rundfunkrats wählen lassen will? Da der MDR den ARD-Vorsitz bekommt, würde er zudem Chef aller ARD-Gremienvorsitzenden, obwohl er sich in der Medienpolitik gar nicht auskennt.

Für uns ist wichtig, dass die Führung des Hauses ihre Aufgaben bewältigen und glaubwürdig agieren kann. Personalentscheidungen im Rundfunkrat sind Sache des Gremiums, Rechtsfragen sind Sache der Länder.

Ohne die Unterstützung des Rundfunkrats sind Sie machtlos.

Das stimmt. Er wacht über das Programm, entscheidet über den Wirtschaftsplan und in wichtigen Personalfragen. Bisher hatte ich nicht den Eindruck, dass mir die notwendige Unterstützung fehlt.

Zuletzt haben Sie unkonventionelle Personalentscheidungen getroffen. Boris Lochthofen, ein Manager vom Privatradio, wird Chef des Thüringer Landesfunkhauses, der als kritisch bekannte Medienjournalist Steffen Grimberg wird einer von zwei ARD-Sprechern. Welches Zeichen wollen Sie damit setzen?

Wir brauchen auf allen Ebenen gute Leute. Entscheidend ist, was jemand kann. Das ist auch eine Frage der Unternehmenskultur.

Die bei der ARD von Selbstgerechtigkeit geprägt ist.

Das ist mir zu pauschal. Wir sind selbstkritischer geworden.

Immer wieder werden Dinge verteidigt, bei denen in Wahrheit jeder weiß: Da ist etwas schief gelaufen.

Sollte tatsächlich einmal etwas schief laufen, müssen wir das künftig anders machen. Das ist eine Frage der Fehlerkultur.

Waren Sie so überrascht wie der hessische Intendant Helmut Reitze, als es neulich hieß, Thüringen wolle weg vom MDR und bei nächster Gelegenheit zum Hessischen Rundfunk rübermachen?

In der Tat. Es gibt eine strukturelle Schieflage, die schon im Staatsvertrag angelegt ist. Thüringen hatte zudem den Eindruck, der MDR investiere zu wenig. Das stimmt aber nicht. Es gibt neben „Familie Dr. Kleist“ inzwischen den Thüringer „Tatort“, auch die „Jungen Ärzte“ und „Akte Ex“. Außerdem gibt es seit vielen Jahren den Kinderkanal in Erfurt. Darüber hinaus die Werbe GmbH des MDR, aber deren Steuern fließen nach einer normativen Änderung mittlerweile nach Leipzig. Da geht es um Millionen.

Wie haben Sie Thüringen besänftigt?

Der MDR wird beispielsweise in Erfurt für ganz Mitteldeutschland ein Zentrum für Medienkompetenz mit einer eigenen, trimedial arbeitenden Redaktion aufbauen. Wir wollen in Zusammenarbeit mit bestehenden Einrichtungen in allen Facetten herausfinden, wie die Menschen mit den Medien umgehen, wie kritisch sie Medien sehen, was sie von ihrer Funktionsweise wissen. Die Redaktion soll TV- und Radio-Formate und eine eigene Webseite konzipieren, Beiträge für bestehende Sendungen produzieren, aber auch ein eigenes Medienmagazin aufbauen.

Wie „Zapp“ vom NDR?

Es soll konsequent trimedial werden, Hörfunk und Netz einschließen. Ich bin von der strategischen Relevanz des Themas überzeugt. Es geht um nicht weniger als den selbstbestimmten Umgang mit der sich ständig ändernden Medienwelt.

Apropos trimedial: Der Umbau des MDR ist auf die Schiene gebracht. Statt nach TV, Radio, Online, unterteilen Sie künftig einerseits in Jugend, Bildung, Wissen, Kultur in Halle und Information in Leipzig. Wer kümmert sich um die Umsetzung wenn Sie sich auf den ARD-Vorsitz konzentrieren?

Ich habe meinen Stab in der Intendanz, acht Direktoren und einen Abwesenheitsvertreter, Lenkungsausschüsse... Das sollte reichen. Ich bin ja nicht aus der Welt.

Der Radiosender MDR Info und die Webseite MDR Online werden zugunsten einer einheitlichen Marke umbenannt und heißen künftig wie das TV-Format MDR aktuell. Wann wird das sein?

Im Sommer 2016, spätestens zum 1. Januar 2017, dem 25. Geburtstag des MDR. Der ganze Sender wird dann ein neues Erscheinungsbild bekommen. Leider wird der 1000 qm große trimediale Newsroom in Leipzig erst im Jahr darauf fertig, mit dem neuen Studio in Halle wird es ebenfalls dauern. Erst 2018 werden alle Umzüge bewältigt und der Idealzustand erreicht sein.

Gibt es dann noch zwei Programmchefs, obwohl zwischen Hörfunk und Fernsehen nicht mehr unterschieden wird?

Neben Kultur und Information gibt es ja auch noch die Fiktion und Unterhaltung. Auch die Radiowellen bleiben.

Also noch mehr Direktoren?

Bestimmt nicht.

Was hat der MDR davon, nun zwei Jahre lang den Vorsitz bei der ARD innezuhaben?

Es ist eine Anerkennung, dass die ARD uns diese Aufgabe zutraut. Zweitens werden wir als MDR dadurch, dass sich auch die Mitarbeiter für die anstehenden Themen engagieren, nicht nur Wissen ansammeln, sondern weiter in die ARD hineinwachsen. Und wir werden Entwicklungen aktiv gestalten können.

Welche Zeichen kann ein mittlerer, ostdeutscher Sender in der ARD setzen?

In Zeiten, in denen Europa auseinanderzufallen droht, ist es gut, wenn eine starke Stimme aus Ostdeutschland an der Spitze der bundesweiten ARD spricht. Wir wissen um die Schwierigkeiten in Polen, haben dort und in Tschechien Kooperationen geschlossen und können den Dialog mit den osteuropäischen Nachbarn mitgestalten.

Für Polen ist in der ARD der Rundfunk Berlin-Brandenburg zuständig.

Wir haben gute Erfahrungen in der Zusammenarbeit gemacht: Mit den europäischen Nachbarn und mit dem RBB.

Interview: Ulrike Simon

Von Ulrike Simon

Leipzig 51.339695 12.373075
Leipzig
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