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Kein Land für Helden: „1992“ erzählt realistisch von einem italienischen Politskandal

Sky-Serie Kein Land für Helden: „1992“ erzählt realistisch von einem italienischen Politskandal

Was ein Novize im Mailänder Kriminaldezernat ab Freitag auf Sky erlebt, ist nicht nur zu drastisch für Wirklichkeitsbewältigung; es ist auch bis an die Schmerzgrenze authentisch. „1992“ heißt die von der Kritik bereits hochgelobte von Sky Italia produzierte Serie.

Miriam Leone gibt in „1992“ das Showgirl Veronica Castello, das für ihre Karriere fast alles tut.

Quelle: Sky

Rauchen zählt bekanntlich zum dramaturgischen Standardrepertoire von Film und Fernsehen, so wie schnelle Autos, schöne Frauen, harte Männer. Bis heute ist Rauchen ja nicht nur ästhetischer Ausdruck von Genuss, sondern Nominativ, Genitiv, Akkusativ, Dativ der gängigen Kino-Grammatik in einem: Wer was wann wo wie mit wem macht oder auch nicht – das zeigt sich gern am blauen Dunst im Mund der Protagonisten.

Allein der Imperativ blieb seltsam ausgespart. Bis jetzt. „Rauchst du?“, fragt der Wirtschaftsermittler Rocco seinen neuen Kollegen Luca bei Amtsantritt und entgegnet auf dessen Verneinung hin, als sei es ein Befehl: „Du wirst rauchen!“ Basta. Denn was der Novize im Mailänder Kriminaldezernat ab Freitag auf Sky erlebt, ist nicht nur zu drastisch für Wirklichkeitsbewältigung; es ist auch bis an die Schmerzgrenze authentisch. „1992“ heißt die von der Kritik bereits hochgelobte von Sky Italia produzierte Serie.

Ihr Autorenteam, das zuvor schon mit der wahrhaftigen Mafia-Aufarbeitung „Gomorrha“ Furore machte, verarbeitet die Realität jener Tage, als das italienische System grassierender Korruption erstmals implodierte, so versiert zu fiktionalem Entertainment, dass man nie so ganz sicher sein kann: Ist es nun Dichtung oder Dokumentation? Im Mittelpunkt des Zehnteilers steht die Kunstfigur Luca Pastore (Domenico Diele), der im Team des echten Staatsanwalts Antonio Di Pietro (Antonio Gerardi) jene Form organisierter Kriminalität aufklären hilft, die als „Tangentopoli“ in die Geschichtsbücher einging.

„Tangentopoli“ bedeutet wörtlich etwa „Stadt der Schmiergeldzahlungen“. Mit jeder Minute hängen mehr Opfer und Täter im Netz aus Machtmissbrauch bis hin zum Mord. Mit jeder Sekunde stehen die Ermittler fassungsloser, wütender, kämpferischer vor diesem Berg aus Bestechung und Käuflichkeit. Doch der Nachwuchspolizist will den mafiösen Sumpf seiner Heimat nicht nur aus Ehrgeiz trockenlegen, sondern weil verseuchte Blutkonserven des sinistren Unternehmers Michele Mainaghi ihn einst mit HIV infiziert haben.

Zum Auftakt untersucht der rachlustige Ermittler seinen Körper auf erste Zeichen der drohenden Krankheit und zeigt sich somit im mannshohen Schlafzimmerspiegel als Nemesis jener Figuren der Zeitgeschichte, die Italiens Realpolitik vor 23 Jahren ins Drehbuch einmarschieren ließ: Marcello Dell’Utri, Mario Chiesa, Bettino Craxi, Umberto Bossi und natürlich ihn: Silvio Berlusconi. 1992 erzählt also, wie Berlusconi überhaupt an die Macht kam.

Leider ist es die Ironie der umwerfenden Serie, dass Di Pietros Putzaktion „Saubere Hände“ zwar ein paar schmutzige abhacken konnte. An deren Stelle allerdings gerieten Krallen, die noch viel dreckiger waren. Trotzdem glänzt „1992“ nicht nur als Inszenierung einer politischen Zeitenwende, die Italiens herrschender Klasse erstmals spürbar vor den Bug schoss; mehr noch als die deutschitalienische Koproduktion „Allein gegen die Mafia“ vor 30 Jahren wird das Jagdfieber gesellschaftlicher Gerechtigkeitsjagd hier weitestgehend ohne Pathos präsentiert. Natürlich gibt es ein paar überflüssige Sexszenen makelloser Körper, die immerhin ein paar Frauen Eingang ins testosteronsatte Casting gewähren.

Natürlich geraten Verbrecher zuweilen arg böse. Denn natürlich siegt in einem Produkt fürs Pay-TV zuweilen Form über Inhalt. Anders als in handelsüblichen Geschichtsrückblicken jedoch geht es Regisseur Giuseppe Gagliardi selten erkennbar um Nostalgie oder Kostümorgien. Dafür ist die Mode von damals derzeit auch zu angesagt; vor allem aber ist das Thema dafür viel zu realistisch. Und die Wirklichkeit braucht keine Überzeichnung. Allenfalls viel Nikotin.

Jan Freitag

„1992“ | Sky Atlantic
Politserie mit Domenico Diele
freitags 21 Uhr

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