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„Mitten in Deutschland: NSU“: Rechte Spurensuche in der ARD

Dreiteiler „Mitten in Deutschland: NSU“: Rechte Spurensuche in der ARD

Die NSU-Terroristen sollen zehn Menschen ermordet haben. Darf man sich ihnen annähern, als seien sie die eigenen Klassenkameraden gewesen? Das ARD-Projekt „Mitten in Deutschland: NSU“ versucht es.

Uwe Mundlos (Albrecht Schuch), Beate Zschäpe (Anna Maria Mühe) und Uwe Böhnhardt (Sebastian Urzendowsky) in einer Szene des SWR-Films „Die Täter“.

Quelle: SWR;ARD

Berlin.  Es gibt da eine Szene mit einer wandgroßen Deutschlandkarte, relativ am Anfang des neuen ARD-Dreiteilers. Beate Zschäpe (gespielt von Anna Maria Mühe) trifft Anfang der 90er Jahre zum ersten Mal Uwe Mundlos. Der hat einen Pinsel in der Hand und malt etwas mit schwarzer Farbe auf eine Wand. „Soll das 'ne Deutschlandkarte sein?“, fragt Zschäpe. Er antwortet: „Klar, 1937.“ Da nimmt das Unheil seinen Anfang.

Die ARD bringt jetzt nach Ostern das Filmprojekt „Mitten in Deutschland: NSU“ über den rechtsradikalen Untergrund und seine Drahtzieher ins Fernsehen. Der erste von drei Spielfilmen, „Die Täter - Heute ist nicht alle Tage“, läuft an diesem Mittwoch (30.3., 20.15 Uhr; weitere Teile am Montag, 4.4., und Mittwoch, 6.4.) und erzählt, wie aus Menschen rechte Gewalttäter werden können. Während Zschäpe in Realität also in München vor Gericht steht, fragt der Film: Wie kann so etwas passieren?

Regisseur Christian Schwochow („Novemberkind“) sagt, er habe sich dem Fall - so weit man das tun könne - ohne Ideologie nähern wollen. Sie hätten versucht, die Drei zu sehen, als seien sie Klassenkameraden, die man nicht richtig gekannt habe. Der Zuschauer lernt Beate Zschäpe also 1989/1990 in Thüringen kennen. Da ist sie noch mehr Beate als Zschäpe, trägt eine rosafarbene Jacke und freut sich, als Fremde ihr einen Walkman schenken.

Bei Mutti im Plattenbau gibt es Geburtstagskuchen und im Supermarkt nach der Wende neue Waschmittelpackungen, gegen die sie mit ihrer Freundin die Nase presst. In einer Szene hört man Kanzler Helmut Kohl von den „blühenden Landschaften“ sprechen, die er dem Osten voraussagt. Dann taucht Beates Cousin mit kurz geschorenen Haaren und Bomberjacke auf: „Willste mitkommen, mal 'ne Aktion machen?“

Was sich dann entwickelt, ist in manchen Szenen schwer auszuhalten. Uwe Mundlos (gespielt von Albrecht Schuch) redet bald von Ariern, die in ihrer in Reinkultur bedroht seien. Und auf einer Neonazi-Party singt dann irgendwann einer, dass die Beate Geburtstag hat, da „knallen wir den Ali mit 'nem Schießgewehr“ ab. Dem sogenannten „Nationalsozialistischen Untergrund“ wirft die Anklage heute zehn überwiegend rassistische motivierte Morde vor.

Der Film versucht, einen Ansatz zu liefern, warum es so gekommen sein könnte. Sie wollten nicht eine historische Geschichte aufarbeiten, sagt Produzentin Gabriela Sperl. Sie wollten unter keinen Umständen allein die Geschichte des Trios abbilden. „Wir erzählen eine deutsche Geschichte“, sagt sie. „Wir werfen Fragen auf.“ Ist Zschäpe da so reingerutscht, wie man halt in dem Alter in so einiges hinein rutscht? Was hat dazu geführt, dass sie in Parolen, Hass und Gewalt – so zeigt es zumindest der Film - aufgeht?

Für Schauspielerin Mühe war es nach eigenen Angaben schwer, beim Dreh abzuschalten. „Schwierig war für mich, einen ruhigen Schlaf zu finden. Tagsüber „Heil Hitler“ durch Jena zu grölen, lässt sich nicht so einfach abschütteln“, sagte die 30-Jährige. Mühe, sonst blond, sieht Zschäpe mit dunklen Haaren ein wenig ähnlich, aber sie sieht doch so anders aus, dass man sie wenig mit den Bildern aus dem Gericht zusammenbringt.

Insgesamt umfasst das ARD-Projekt „Mitten in Deutschland: NSU“ drei Spielfilme und eine Dokumentation. Auch das ZDF hat bereits einen Film über Zschäpe gemacht. Teil zwei des ARD-Projekts befasst sich mit der Sicht der Opfer. Es ist die Verfilmung des Buchs von Semiya Simsek, deren Vater Enver 2001 in Nürnberg ermordet worden war. Teil drei nimmt mögliche Pannen bei der Aufklärung der Mordserie in den Blick. Alle drei Filme sind von unterschiedlichen Regisseuren, es gibt vereinzelt Verbindungen.

Die Filme seien „eines der aufwendigsten, auch eines der schwierigsten Fernsehfilmprojekte“, die die ARD in den vergangenen Jahren gezeigt habe, sagte Fernsehfilmkoordinator Jörg Schönenborn bei der Vorstellung des Projekts in Berlin. Die Filme arbeiteten sehr persönlich, sehr nah. Beim Thema NSU habe er als erstes die Aufnahmen vom Prozess in München im Kopf. Der Prozess sei ein Beispiel, wie Fernsehjournalisten an ihre Grenzen stießen.

Denn nur auf die Optik reduziert sieht man das Immergleiche. Auch wenn man immer neue Details erfahre, sei die Wahrnehmung oft, es werde immer komplexer und verschwimme. Auf den ersten Blick habe das mit der Schwere, der Bedeutung dessen, was da zehn Jahre passiert sei, nicht viel zu tun. Der Fernsehfilm habe die Chance, Dinge mit anderen Mitteln zu beschreiben, Deutungen offenzulassen. „Die drei Filme sind mehr als die Summe ihrer Teile.“

Regisseur Schwochow sagt, sich den Personen wie Mitschülern zu nähern, sei auch ein in Teilen empathisches Vorgehen. Wenn es darum gehe, erstmal ganz nüchtern zu gucken, wo Rechtsextremismus wachse. Bis heute werde Rechtsextremismus als ostdeutsches Randphänomen beschrieben. „Wir wissen, dass es nicht stimmt.“ Der Zuschauer soll aufgefordert werden zum Mitdenken und Fühlen. Produzentin Sperl: „Wir müssen selber eine Haltung haben zu dem, was da stattfindet.“

Von Julia Kilian

Die ARD-Filme zum NSU im Überblick

Teil eins: Regisseur Christian Schwochow erzählt in „Die Täter – Heute ist nicht alle Tage“ (30. März, 20.15 Uhr) davon, wie die drei mutmaßlichen NSU-Mitglieder in Thüringen aufwachsen und sich kennenlernen. Im Mittelpunkt steht Beate Zschäpe - und die Frage: Wie könnte es dazu kommen, dass sich Menschen so radikalisieren? Der Film endet 1998, als das Trio in den Untergrund abtaucht.

Teil zwei: Grundlage für „Die Opfer – Vergesst mich nicht“ (4. April, 20.15 Uhr) ist das Buch von Semiya Simsek, deren Vater Enver 2001 in Nürnberg erschossen wurde. Der Film von Regisseur Züli Aladag konzentriert sich ganz auf die Familie - auf die Trauer, aber auch darauf, dass die Familie selbst in den Fokus der Ermittler geriet.

Teil drei: Was lief womöglich schief bei den Ermittlungen? Das fragte der dritte Spielfilm „Die Ermittler – Nur für den Dienstgebrauch“ (6. April, 20.15 Uhr). Regisseur Florian Cossen kündigte einen Film „über das Scheitern der Behörden im NSU-Fall“ an.

Dokumentarfilm: „Der NSU-Komplex - Die Rekonstruktion einer beispiellosen Jagd“ (im Anschluss an Teil drei, 6. April, 21.45 Uhr) soll die drei Spielfilme um eine Doku ergänzen. Stefan Aust und Dirk Laabs haben bereits das Buch „Heimatschutz - Der Staat und die Mordserie des NSU“ veröffentlicht. Jetzt legen sie eine Dokumentation nach, in der laut Programm Ermittler, Szene-Mitglieder und Insider zu Wort kommen sollen.

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