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Mutiger Erzähler mit vielen Stilen und Themen: Amazon produziert TV-Serien – mit Erfolg

Mutiger Erzähler mit vielen Stilen und Themen: Amazon produziert TV-Serien – mit Erfolg

New York ist ein dunkler Moloch unter einem tief hängenden, grauen Himmel. Unter der Hochbahn stehen Männer in brauen Uniformen mit Schäferhunden, die Subway heißt U-Bahn und im Fernsehen ist ein grauhaariger Hitler zu sehen, der an Alzheimer leidet.

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Amazon-Hit: "Transparent" um Mann, der die Frau in sich entdeckt.

Quelle: Amazon

Amerikas Metropole liegt 1962 unter einer Fahne mit roten Streifen, die an Stelle der Sterne ein Hakenkreuz ziert. Hier, an der US-Ostküste, ist das Greater Nazi Reich, während im Westen die Japanese Pacific States liegen. Dazwischen: eine neutrale Zone, in der sich amerikanische Rebellen treffen und Spione unterwegs sind. Wer wer ist, scheint nicht immer sicher.

Willkommen bei der neuen TV-Serie "The Man in the High Castle", von der es allerdings bisher nur den knapp einstündigen Piloten gibt. Die Vorlage heißt "Das Orakel vom Berge", geschrieben von Philip K. Dick (1928-1982), der für das Kino bereits die SF-Geschichten zu "Blade Runner", "Total Recall", "Minority Report" lieferte, einer der Produzenten ist der Brite Ridley Scott ("Alien", "Gladiator"), der Auftraggeber Amazon.

Der globale Riese ist inzwischen nämlich nicht nur ein Versandhaus, sondern unter die Produzenten gegangen - für sein Prime Instant Video-Portal. Was mit der Sitcom-Klamotte "Alpha House" um vier eigenwillige Senatoren und der braven App-Erfinder-Serie "Betas" zaghaft 2013 begann, hat sich zu einer ernstzunehmenden Unternehmung entwickelt. Im Januar ging Amazon den nächsten Schritt. Was in Deutschland SAT.1 mal vor einigen Jahren machte, aber nie wiederholte, zog das weltweite Amazon mit Kraft durch. Mit einem Schlag wurden 13 Serien-Pilotfolgen bei Prime Instant Video für eine Abstimmung eingestellt.

Nur fünf schafften den Sprung über diese Hürde: "Mad Dogs" um eine Gruppe erfolgloser Mittvierziger (Remake einer britischen Serie), "The New Yorker Presents" (mal Kurzfilm, mal Interview, mal Doku), "The Man in the High Castle" sowie zwei Kinderproduktionen. Leider nicht realisiert wird "Point of Honor" über eine Familie aus Virginia im Bürgerkrieg, die gegen den Norden kämpft, trotzdem ihre Sklaven frei lässt. Der Pilot sah grandios aus. Weniger schade ist es hingegen um die"Down Dog" (kalifornischer Yogalehrer legt Frauen flach), während man "Hand of God" (Richter sucht mit Visionen nach Verbrechern) gern gesehen hätte. Regie führte nämlich Marc Forster ("Monster's Ball", "Drachenläufer", "Ein Quantum Trost").

Die 13 vorgestellten Pilotfolgen zeigten allerdings eines: Amazon hat als Produzent einigen Ehrgeiz - von der Sommercamp-Comedy im "Dirty Dancing"-Stil ("Red Oaks") über ein Model-Drama ("Salem Rodgers") bis zu Mystery ("The After") war eine Menge an Themen und Stilen dabei. Andererseits geht Amazon jedoch auf Nummer sicher: Wenn viele für eine Produktion stimmen, werden die komplette Serie dann auch viele sehen. So lockt Amazon Prime Instant (49 Euro jährlich, womit gleichzeitig alle Versandkosten bei Käufen gespart werden) neue Kunden. Netflix (einziger Streaming-Anbieter mit exquisiten Eigenproduktionen - "Lilyhammer" bis "House of Cards") gibt es ab 7,99 Euro im Monat, Watchever für 8,99 Euro, Maxdome für 7,99 Monat und Snap von Sky für 3,99 Euro.

Dass Amazon-Serien (wie Netflix-Serien) die lange ehern verankerten TV-Sehgewohnheiten verändern wird, ist ziemlich sicher. Zumal drei der letzten Produktionen Qualitäten haben, die es bisher nur bei HBO, Netflix, BBC oder in Skandinavien gab. Mit der Krimiserie "Bosch" ging Amazon erstmals auch den Weg von Netflix: Alle zehn Folgen wurden auf einmal online gestellt. Es geht, nach den "Harry Bosch"-Romanen von Michael Connelly, um einen Detectiv in L.A., der am Kindheits-Trauma leidet (seine Mutter, eine Prostituierte, wurde ermordet - erinnert an James Ellroy), in Irak und Afghanistan war. In einer Regennacht erschießt Bosch, der raue Einzelgänger, einen Mexikaner, den er für einen Prostituierten-Mörder hält. Dafür steht er zwei Jahre später vor Gericht, als auf einem Hügel Kinderknochen und in einem Transporter ein Toter gefunden werden. Es gibt Intrigen, die Suche nach einem Serienkiller und düstere Bilder.

Am erfolgreichsten bei Amazon war bisher "Transparent" (zwei Golden Globe) um einen ehemaligen Dozenten, der im gestandenen Alter entdeckt, dass in ihm eine Frau steckt. Was seine drei Kinder irritiert: Die eine Tochter (Ehefrau und Mutter) erlebt ihr lesbisches Coming-out, die andere sucht verunsichert sich selbst, der Sohn wechselt locker seine Frauen. Bisweilen allerdings gerät das Spiel um Geschlecht und Sexualität zur lauten Charlys-Tante-Nummer.

Da ist "Mozart in the Jungle" von ganz anderem Zuschnitt. Rodrigo, ein junger, wilder, abgedrehter, unkonventioneller Dirigent mit mexikanischen Wurzeln, übernimmt in New York ein Symphony-Orchester vom altgedienten Thomas und mischt die Klassik kräftig auf. Es gibt Affären und Liebeleien, Eifersüchte und Rivalitäten, eine junge Oboistin, eine lebenserfahrene Cellistin, eine umtriebige Geschäftsführerin, eine Probe im sozialen Problemviertel und sogar ein Treffen von Rodrigo mit Mozart.

Ein munterer, übermütiger, so witziger wie ironischer, gewitzter wie intelligenten Blick hinter die Kulissen des Musikgeschäftes und ins Private der Musiker - alles in neun Folgen zu jeweils 25 Minuten. Kein Wunder, dass so flottes Erzählen auch die wirklich großen Meister des Kinos anzieht. Nun will sogar Woody Allen eine Serie für Amazon drehen.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 04.05.2015

Norbert Wehrstedt

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