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Rehe und Rabauken: Eine Provinzposse um totes Wild bedroht die Pressefreiheit

Vor Gericht Rehe und Rabauken: Eine Provinzposse um totes Wild bedroht die Pressefreiheit

Ein Jagdpächter aus Ueckermünde in Mecklenburg-Vorpommern hat ein totes Reh an die Anhängerkupplung seines Volvos geknotet und es über die Bundesstraße 109 bei Rathebur geschleift. Ein Foto des Vorgangs erregte sowohl Jägerkollegen als auch die sozialen Netzwerke.

Quelle: dpa/adi

Hannover. Man kann ohne Weiteres der Ansicht sein, dass es in dieser Geschichte nicht um die ganz großen Fragen der Menschheit geht. Da hat also ein Jagdpächter aus Ueckermünde in Mecklenburg-Vorpommern ein totes Reh an die Anhängerkupplung seines Volvos geknotet und es über die Bundesstraße 109 bei Rathebur geschleift.

Ein Foto des Vorgangs erregte sowohl Jägerkollegen als auch die sozialen Netzwerke („Drecksjäger“). Und Reporter Thomas Krause vom „Nordkurier“ schrieb über ebendiese Erregung einen Bericht. Überschrift: „Rabauken-Jäger erhitzt die Gemüter“. Daraufhin zeigte der Jäger den Reporter wegen Beleidigung an – und eine Richterin am Amtsgericht Pasewalk gab ihm am 21. Mai recht: Krause soll 1000 Euro Geldstrafe zahlen.

Nicht allein wegen des als beleidigend gewerteten Wortes „Rabauken-Jäger“, sondern – so beeilte sich der Leitende Oberstaatsanwalt Gerd Zeisler nachträglich zu versichern – weil der Artikel „umfangreiche Details zur Person des Jägers ausführte, die es einem großen Personenkreis ermöglichten, diesen zu identifizieren“.

Diese Details seien nicht erforderlich gewesen, um „den ethischen Umgang mit Tieren in einer öffentlichen Auseinandersetzung zu thematisieren“. Das war der Moment, als der Fall des Pasewalker Wildschleifers grundsätzlichen Charakter bekam. Denn die Redaktion des „Nordkuriers“ vertrat aus nachvollziehbaren Gründen die Ansicht, dass es auch im nordöstlichen Mecklenburg- Vorpommern nicht Sache einer Amtsrichterin ist zu entscheiden, was für eine Presseveröffentlichung relevant ist und was nicht.

Und so verteidigten die Journalisten im Prozessbericht die „Rabauken“- Wortwahl ihres Kollegen: „Nach Meinung unseres Reporters und auch der Redaktion wurde so das Verhalten des Wildschleifers auf den Punkt gebracht.“ Im Verfahren vor dem Amtsgericht sei der Staatsanwalt in seinem Plädoyer im Übrigen „gegen die Medien allgemein und den ,Nordkurier‘ speziell zu Felde gezogen“, heißt es weiter.

„Da ging es nicht mehr um den ,Rabauken- Jäger‘, sondern da gab es eine Generalabrechnung mit dem ganzen modernen Medienbetrieb.“ Lutz Schumacher, Chefredakteur des „Nordkurier“, zürnte in einem durchaus markigen Kommentar unter der Überschrift „Rabauken in Richter- Roben“ über „einen sich im Gerichtssaal mit Schaum vor dem Mund über die Presse ereifernden Staatsanwalt“ und seine „Erfüllungsgehilfin am Richtertisch“, die Artikel fünf des Grundgesetzes – der die Presse- und Meinungsfreiheit sicherstellt – offenbar nicht scherten. „Dieses Land hat zwei Diktaturen hinter sich und leider auch eine entsprechend fürchterliche Justizgeschichte“, schreibt er. „Die beiden über die freie Presse herfallenden Juristen haben daraus nichts gelernt.“

So wurde plötzlich mehr aus dem Vorgang als eine überdrehte Posse in einer sonst eher ereignisarmen Region. Denn Staatsanwalt Zeisler erstattete Strafanzeige wegen Beleidigung gegen Chefredakteur Schumacher (47) – wohlgemerkt: wegen eines Kommentars. Seitdem tobt ein Kleinkrieg mit Worten zwischen dem offensichtlich leicht erregbaren Staatsanwalt („persönliche Ehre“) und dem „Nordkurier“- Chef („übelste Nebelkerzen“, „wie ein Teenager“), der durchaus auch die Chance wittert, seinem Blatt als Jeanne d‘Arc der lokalen Pressefreiheit zu überregionalem Renommee zu verhelfen.

„Wer die Dinge klar beim Namen benennt, auch strittige Themen engagiert angeht und dabei deutlich Stellung bezieht, provoziert natürlich auch Widerspruch“, schreibt er nicht ohne Stolz. Tatsächlich ist es in höchstem Maße irritierend, wenn eine Staatsanwaltschaft in einem klar gekennzeichneten Meinungsartikel einen Klageanlass sieht. Ebenso irritierend ist es, dass die Staatsanwaltschaft das Verfahren gegen Reporter Thomas Krause bereits zweimal eingestellt hatte und offenbar erst nach Beschwerde des betroffenen Jägers und auf Druck des Generalstaatsanwaltes wieder aufnahm.

Längst geht es nicht mehr um die Frage, ob „Rabauke“ ein Schimpfwort ist, ob man die Verkantungen zwischen den Lagern nicht besser bei Kaffee und Keksen lösen könnte oder ob Tierschutz auch für tote Tiere gilt. Es geht um grundsätzliche Klarheit darüber, ob eine Amtsrichterin wegen des Missbehagens einzelner Amtsträger und aus grundsätzlicher Presseskepsis mal eben Artikel fünf des Grundgesetztes aushebeln darf.

Nach Auffassung praktisch aller Fachleute ist das nicht der Fall. Ein Richter dürfe einem Journalisten nicht vorschreiben, was er beruflich zu äußern habe, erklärte Corinna Pfaff, Landesgeschäftsführerin des Deutschen Journalisten-Verbandes Mecklenburg- Vorpommern. „Das Urteil erinnert an Zensur.“ Rechtsexperten erwarten nun eine Revision. Das Rostocker Oberlandesgericht wird sich wohl der Pasewalker Presseposse annehmen.

Imre Grimm

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