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„Täter werden erst in Gefängnissen gefährlich oder noch gefährlicher gemacht“

Buchvorstellung „Täter werden erst in Gefängnissen gefährlich oder noch gefährlicher gemacht“

In Gefängnissen werden Kriminelle noch gefährlicher. Das sagt ausgerechnet der ehemalige Direktor der Justizvollzugsanstalt (JVA) Zeithain, Thomas Galli. Sein neues Buch heißt „Die Gefährlichkeit des Täters“.

Thomas Galli, Buchautor und früher Direktor der JVA Zeithain.

Quelle: Andreas Debski

Leipzig. In Gefängnissen werden Kriminelle noch gefährlicher. Das sagt ausgerechnet der ehemalige Direktor der Justizvollzugsanstalt (JVA) Zeithain, Thomas Galli. In seinem neuen Buch „Die Gefährlichkeit des Täters“ zeigt der 43-Jährige anhand authentischer Fälle, dass Freiheitsstrafen in den meisten Fällen keinen Sinn machen – sowohl für die Täter als auch für die Kriminalitätsbekämpfung. Galli fordert deshalb drastische Maßnahmen.

„Die Gefährlichkeit des Täters“ ist der zweite Aufschlag von Ihnen. Weshalb besteht die Notwendigkeit, ein weiteres Buch zum Strafvollzug nachzulegen?

Es geht um Fallgeschichten, wie man sie sonst aus dem medizinischen oder psychologischen Bereich kennt. Anhand dieser Fälle versuche ich, bestimmte Probleme im Strafvollzug zu beleuchten und Fragen zu stellen. Im ersten Buch ging es eher um das Wegsperren und was mit dieser Vergeltung erreicht wird – nämlich nicht sonderlich viel. Jetzt geht es um die Gefährlichkeit von Tätern. Die Frage dahinter ist: Was können wir unternehmen, um Gefahren zu reduzieren – und reicht das bisherige System aus? Meine Antwortet lautet: Die Allgemeinheit muss viel besser geschützt werden.

Ist es nicht so, dass gefährliche Täter weggesperrt werden?

Das denkt man – so ist es aber nicht. Die große Mehrheit glaubt: Der Staat wird die Leute schon wegsperren und einer Behandlung zukommen lassen, dass sie nicht mehr gefährlich sind. Diese Grundannahme ist einfach falsch. Denn es lässt sich nicht mal annähernd sicher einschätzen, ob jemand gefährlich ist. Und was noch schlimmer ist, diese Gefährlichkeit lässt sich auch nicht behandeln. Wer an Therapien glaubt, lügt sich und der Öffentlichkeit in die Tasche.

Das klingt sehr hart. Was ist die Alternative - wollen Sie alle für immer wegsperren?

Man muss mit offenen Karten spielen und sagen, dass es keine Patentlösungen gibt. Viele, insbesondere Politiker, gaukeln schnelle und einfache Lösungen vor. Doch man kann eine Gefahr, die von Menschen ausgeht, niemals völlig in den Griff bekommen. Deshalb müssen wir endlich damit aufhören, uns auf Prognosegutachten zu verlassen. Selbst die meisten Fachleute sagen, dass solche Einschätzungen kaum etwas bringen – und Therapien, die oft über Jahre hinweg gehen, nur rausgeworfenes Geld sind. Wer etwas Schweres verbrochen hat, sollte nicht mehr auf die Menschheit losgelassen werden. Mir ist klar, dass es schwierig ist, dafür eine Grenze zu ziehen. Da fällt nicht jeder Vergewaltiger darunter, und auch ein Mord allein könnte nicht reichen, aber jemand, der ein Kind missbraucht und umgebracht hat. Das heißt: Freiheitsentzug bis zum Lebensende – in Extremfällen.

Haben Straftäter kein Recht auf Menschenwürde und eine Chance auf Änderung?

Die geltenden Regelungen gaukeln doch nur Gerechtigkeit vor. Irgendwann ist der Punkt erreicht, an dem der Staat eine Grenze ziehen muss. Natürlich sollen diese Schwerverbrecher, wenn sie ein Leben lang eingesperrt werden, auch menschenwürdig untergebracht sein. In den Niederlanden gibt es dafür Beispiele. Therapien und Resozialisierungen kosten Millionen. Das ist ein Irrsinn. Dabei geht es nur um das Selbstbild der Gesellschaft: Nach dem Motto: Wir sind so gut, dass wir selbst die Schlimmsten wieder anständig machen können. Unterm Strich steht aber, als Gegenleistung, so gut wie nichts. Natürlich wird eine Regelung, wie ich sie vorschlage, in Einzelfällen ungerecht sein – doch wir müssen das Ganze betrachten.

Soll das Wegschließen auch eine größere Abschreckung haben?

Bei schweren Straftaten spielt der Abschreckungsgedanke meist sowieso keine Rolle. Da geht es eher um Affekte und Triebe, nicht um eine vernünftige Abwägung. Insgesamt fallen Rufe nach härteren Strafen, um die Kriminalität zu reduzieren, in den Bereich von Populismus und Aktionismus und sind nur Balsam für die Volksseele. Denn drohende Haftstrafen schrecken kaum ab. Viel wichtiger wäre es, an die Ursachen von Kriminalität heranzugehen: Es muss viel mehr um die Strukturen gehen, aus denen diese straffällig gewordenen Menschen kommen. Das heißt, man muss heute bei den Kindern und Jugendlichen ansetzen – damit diese nicht in zehn oder zwanzig Jahren kriminell werden. Da geht es um eine viel stärkere Suchtprävention, um deutlich mehr Schulsozialarbeit und einiges mehr. Es braucht ein ganzes System an Maßnahmen, um diese Kinder und Jugendlichen nicht abdriften zu lassen.

Das passt zu einer weiteren Aussage von Ihnen: Es wird zu vielen Menschen die Freiheit entzogen. Das heißt, Haftstrafen bringen nichts?

Genau, bei geringeren Haftstrafen ist das so: Die Täter werden in den Gefängnissen erst gefährlich oder noch gefährlicher gemacht. Wenn der Staat es schon nicht schafft, die Gefährlichkeit einzuschätzen, muss er wenigstens versuchen, diese Leute nicht noch gefährlicher zu machen. Das bedeutet auch, dass das gegenwärtige Strafrecht die Gefährlichkeit noch vergrößert. Die Strafe für eine Tat müsste deshalb ganz anders aussehen: Ich würde viel mehr in Richtung soziale Arbeit ver-urteilen. Das heißt: Statt ein oder zwei Jahre Freiheitsentzug zum Beispiel fünf Jahre lang für zwei Tage in der Woche eine gemein­nützige Tätigkeit übernehmen. Und wer sich weigert, dem werden staatliche Leistungen gekürzt. Bei großem Widerstand wäre dann Ge­fängnis das letzte Mittel.

 Was ist mit der Resozialisierung, gerade von jüngeren Straftätern?

 Da wird in den Ge-fängnissen einiges versucht, nicht selten sogar mit Erfolg, und das unter widrigen Bedingungen. Nur: Die Leute machen eine Ausbildung oder einen Schulabschluss – und wenn sie rauskommen, haben sie auf dem Arbeitsmarkt auch bloß so gut wie keine Chance. Wer nimmt schon einen Kriminellen, der zwei oder drei Jahre gesessen hat? Das Ende vom traurigen Lied ist eine enorm hohe Rückfallquote. Viel sinnvoller wäre doch, die Resozialisierung nach draußen zu verlagern, neue Kontakte und ein anderes Umfeld zu ermöglichen, Therapien und Ausbildungen anzubieten, und parallel die Strafe abzuarbeiten. Jedem sollte allerdings klar sein: Wer einmal auf die schiefe Bahn gekommen ist, wird nur schwer ein normales Leben führen, wiees sich die Gesellschaft vorstellt. Des-halb muss das System so umgestaltet werden, dass man möglichst viele erreichen kann.

Sie sagen, Straftäter werden im Gefängnis nicht nur gefährlicher – sondern auch radikaler. Was heißt das?

 Was in Deutschland bislang kaum öffentlich thematisiert wird, ist die Radikalisierung in der Haft. In Frankreich ist dieses Problem längst bekannt. Deshalb müssen wir uns fragen, ob es sinnvoll ist, die entsprechenden Straftäter auf engstem Raum zusammenzusperren. Dabei werden Einzelne mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit erst richtig gefährlich und scharf gemacht. Das gilt für potenzielle Extremisten aller Couleur, insbesondere aber für ausländische Straffällige. Das Problem ist allerdings: Die Gefängnisse sind so voll, dass eine Separierung momentan nahezu unmöglich ist.

Interview: Andreas Debski

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