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Weichspüler im ZDF

Sommerinterview Weichspüler im ZDF

Im Sommerinterview mit Kanzlerin Merkel wird nicht hart nachgefragt – wieder einmal. 24 Minuten und kaum neue Erkenntnisse im Interview des ZDF.

24 Minuten und kaum neue Erkenntnisse: Die Leiterin des ZDF-Hauptstadtstudios Bettina Schausten (rechts) und BundeskanzlerinAngela Merkel beim ZDF-Sommerinterview in Berlin.

Quelle: dpa

Leipzig. Wer hätte gedacht, dass sich ein politisch interessierter Mensch dies jemals fragen würde: Was ist wegweisender – ein 24-minütiges ZDF-Sommerinterview mit Angela Merkel oder ein vierzeiliger Facebookeintrag des Schauspielers Til Schweiger, in dem er die Lobhudelei über ein seidenweich gestaltetes Kanzlerinnen-Interview kritisiert?

Der nuschelnde Filmemacher liegt vorn. Mit dem ZDF-Interview in sanfter Idylle befinden sich die öffentlich-rechtlichen Alphajournalisten auf der Verliererseite. Ohne Haltung ist heutzutage im Politjournalismus kein Blumentopf mehr zu gewinnen.

Erst renkt Schweiger mit seiner Flüchtlingsinitiative die deutsche Asyltradition wieder zurecht, dann treibt er den ZDF-Jublern mit einem einfachen Post hoffentlich die Schamesröte ins Gesicht. „Gewalt ist unseres Landes nicht würdig“, hat die Kanzlerin im Sommerinterview des Zweiten festgestellt. Die Frage auf der nach oben offenen Nichtigkeitsskala angesichts dutzendfach brennender Unterkünfte für Flüchtlinge und Asylbewerber lautete: „Wie nennt man das beim Namen?“ Beim Zweiten, mit dem man besser sehen soll, freut man sich über „klare Worte“ der Kanzlerin. Klar ist da nur Schweigers Reaktion: „Hallo...? ZDF?! Schuss nicht gehört?! Klare Worte wären folgende: Wir werden niemals tolerieren, dass Menschen, die vor Krieg und Terror fliehen, in unserem Land bedroht und angegriffen werden! Wir werden jeden, der dies tut mit aller Härte des Rechtsstaates verfolgen!!!!“

Weshalb ist es journalistisch so schwer, im Gegenüber mit einer Bundeskanzlerin das zu tun, was journalistische Selbstverständlichkeit sein sollte: Fragen stellen mit der Absicht, etwas zu erfahren, Gesprächspartner nicht entkommen zu lassen? Kritischer Journalismus beweist sich doch nicht schon durch ständige Unterbrechungen nach ersten Antworthalbsätzen. Es war einmal im Kanzleramt, vor vielen Jahren, da fuhr die amtierende deutsche Regierungschefin bei einem aufgezeichneten Fernsehinterview einen sich sehr wichtig fühlenden TV-Alpha- Journalisten ungehalten an, dass man eine bestimmte Frage doch „so nicht“ stellen dürfe, sondern besser mit einem anderen Erkenntnisinteresse. Das war ein klares Wort der Kanzlerin und eine journalistische Zumutung. Erstes kann man ihr nicht verübeln, Letzteres ist unwürdig. Die Reaktion des bedeutsamen Medienmenschen mit sicherer Lebensanstellung fiel überraschend aus: Er begann die Frage neu, ganz im Sinne der Chefin.

Seit diesem Vorfall vor vielen Jahren haben sich Verhaltensmuster im Kontaktbereich der Kanzlerin verfestigt. Das Gros der journalistischen Vortänzer packt die populäre Merkel von Jahr zu Jahr mehr in Watte. Man verwechselt Stichworte mit kritischen Erkundigungen, vertuscht ein fehlendes zielgerichtetes Fragekonzept durch ein Lächeln der wechselseitigen Sympathie.

Weil sich das längst herumgesprochen hat, hauen viele Journalisten bei allen möglichen Gesprächspartnern demonstrativ auf die Pauke, nur eben nicht bei Angela Merkel. Sie lassen Sigmar Gabriel keinerlei unklare Beschreibung der miserablen SPDLage durchgehen. Die Kanzlerin und CDU-Vorsitzende wird dagegen gar nicht erst zur Lage in der Union befragt. Auf die Frage nach Griechenlands Grexit („Ist Schaden geblieben für Deutschland in Europa?“) kommt die Antwort: „Nein, ich glaube nicht.“ Solche Sommerinterviews mit der Mächtigsten der Mächtigen in Berlin sind – klare Sache – schlicht und einfach ärgerlich.

Und erstaunlich: Waren sich die etablierten Journalisten nicht jüngst noch einig, dass der Youtuber Le Floid der Kanzlerin viel zu brave Fragen gestellt hatte?

Von Dieter Wonka

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