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10 000 feiern die Erde, die Liebe und die Freiheit

Neil Young am Völkerschlachtdenkmal in Leipzig 10 000 feiern die Erde, die Liebe und die Freiheit

Gut drei Stunden lang hat Neil Young am Mittwochabend vor dem Leipziger Völkerschlachtdenkmal und rund 10 000 Fans seine großen Themen besungen: Mutter Erde, die Liebe und die Freiheit

Neil Young in Leipzig.
 

Quelle: Kempner

Leipzig.  Neil Young braucht nicht viele Worte. „Ziemlich viel Sonne hier“, nölt er kurz nach dem (verspäteten) Beginn am Mittwochabend den gut 10 000 Besuchern seines Leipzig-Konzerts am Völkerschlachtdenkmal entgegen. Drei Stunden später ruft er ein knappes „Thank You Germany“ in die Menge. Dazwischen erläutert er knapp, dass die Kirschen, die er fortwährend zwischen seine Zähne schiebt und unter die Leute bringt, selbstredend aus Deutschland kommen.

Ansonsten verzichtet der Meister, der seit einem halben Jahrhundert als musikalischer Prediger den Globus umrundet, konsequent auf Erläuterungen. Die adretten Farmerinnen, die zu Beginn die Saat ausbringen auf der Bühne, die Kammerjäger mit ihren Chemie-Keulen, die rührend verwackelte Videokunst vom Bodensatz der Gattung – all das bleibt unkommentiert. Wer es genauer wissen will, kann sich ja im Global Village kundig machen, wo mitten auf dem Konzertgelände und ziemlich im Weg über das soziale, ökologische und sonstige Engagement Youngs und seiner Verbündeten in aller Welt informiert wird.

Wie passt diese erstaunliche Maulfaulheit zusammen mit dem Zorn, der Hartnäckigkeit, der Sendung dieses so eminent politischen Barden? Wie erst mit „Rebel Content“, dem Titel der aktuellen Tour, die ihn nur für zwei Konzerte nach Deutschland führte, am Mittwoch nach Leipzig und gestern nach Berlin? Die Antwort fällt nicht schwer nach dieser traumschönen Sommernacht am Völkerschlachtdenkmal: Neil Young braucht nicht viele Worte – er braucht die großen. Und er muss sie nicht sagen, weil er sie singen kann. Und er, der nicht erträgt, was die Menschheit anrichtet, weil er die Menschen liebt, kann sie singen, weil er sie lebt.

25 Titel umfasst die Setlist des Leipzig-Konzerts. Und es fällt auf, dass hier, zum ersten Mal im Rahmen der ausgedehnten Rebel-Content-Tour, ausgerechnet sein aktuelles Studio-Album „Monsanto Years“ keine nennenswerte Rolle mehr spielt. Vielleicht ist ihm im Laufe der vielen Konzerte aufgegangen, dass, obschon das (Konzept-)Album auch verdammt gut geworden ist, seine Musik in dem Maße an Kraft verliert, wie die Texte sich ins Konkrete vortasten.

So schieben sich nun zwischen „After the Gold Rush“ zu Beginn und „Rockin’ in the Free World“ am Schluss in all den Hits wie „Razors Love“, „Alabama“, „Love to Burn“, „Mansion in the Hill“, „Western Hero“, „Don’t Be Denied“, „Change Your Mind“ und „Love and Only Love“ immer wieder vor allem die ganz großen Worte ins Licht. Um Liebe geht es da, um Menschen, um den Respekt vor ihnen und der Natur, um unsere „Mutter Erde“, um Frieden, Freiheit, Gerechtigkeit ...

Schlicht fängt es an, dieses Konzert, das auf so ziemlich jedes Attribut verzichtet, das es zur Show machen könnte. Allein entert der Meister die Bühne, hockt sich ans Klavier, spielt mit sich, den 88 Tasten und seiner Blues-Harp „After the Goldrush“. Dann wechselt er für „Heart of Gold“ und „The Needle and the Damage Done“ an die Gitarre, zu „Mother Earth“ an die Kirchenorgel – die stille, schlichte, beinahe penetrante Exposition von etwas, das sich im Laufe der folgenden drei Stunden zum großen Gitarren-Rock-Konzert auswachsen wird.

Auf 70 Lenze blickt der Meister mittlerweile zurück. Und diese 70 Lenze haben Spuren hinterlassen auf seinem so charakteristisch hellen Organ. Hier reicht der Atem nicht. Da bröselt ein Registerwechsel. Und die Intonation hat auch schon bessere Tage gehört. Könnte peinlich sein – ist es aber nicht. Sondern großartig, von der ersten Silbe an. Weil diese Stimme sich unter dem Schorf der Jahre das jugendlich Übergriffige bewahrt hat. Weil sie sich sofort zwischen den Ohren einnistet, nicht nur Worte trägt und Töne, sondern Haltung und Gefühl. Und weil dieser seltsam spröde und intime Beginn das Fundament gießt für eine spektakuläre Steigerungs-Dramaturgie.

Für die hat Neil Young Promise of the Real mitgebracht, seine fabelhafte fünfköpfige Begleitband, in der auch Micah und Lukas Nelson ihren Dienst leisten, die Söhne des Country-Granden Willie Nelson. Mit ihnen dehnen sich die Einzeltitel von drei Minuten auf Viertelstunden, wachsen und wuchern Folk-Aphorismen peu à peu zu gewaltigen Rock-Epen, zu Tableaus, die klingen wie aus dem Herzen der 70er – und seither nichts von ihrer Kraft verloren haben.

Und Youngs Gitarren-Soli nichts von ihrer Einzigartigkeit. Ein wenig ungelenk klingen sie immer. An den Übergängen holpert es, und das Spannen der ganz weiten Bögen überlässt er lieber den hochtalentierten Jungspunden aus der Band, die ihre Sache ausgezeichnet machen. Aber nur ein Neil-Young-Solo ist eben ein Neil-Young-Solo. Es bezieht die Magie aus seiner Sprachkraft. Hier finden die großen Worte ihre Entsprechung in großen motivischen Gesten. Silben, Wortfetzen,Worte, Sätze schreit diese Gitarre in die Nacht. Sie fährt an die Gurgel und in die Beine. Sie heult und sie lacht, sie fordert zum Protest und bittet zum Gebet – und tatsächlich, auf der Zielgeraden, beim weite psychedelische Klanglandschaften durchmessenden „Change Your Mind“ und beim gänzlich die eigenen Grenzen auflösendem „Love and Only Love“, knien Menschen am Boden, den Blick verzückt gen Himmel gerichtet, wo der rechts hinter dem Völkerschlachtdenkmal aus dem Schatten tretende fast volle Mond das Seine zur spirituellen Aura dieses großen Abends beiträgt, der ganz still und sanft ausklingt mit „Greensleeves“.

Ein tiefes Erlebnis für ein bemerkenswert gemischtes Publikum. Fans der ersten Stunde sind dabei und jüngste Semester, Zausel und Gestriegelte, Hippies und Hipster. Und sie alle eint, kurz bevor der neue Tag beginnt, die Erkenntnis, dass früher wahrscheinlich nicht alles besser war. Aber gegen das viele Schlechte, das uns erhalten blieb, vielleicht die bessere Musik sich erhob. Weil sie noch ohne Unter- auf Haltung setzte.

Von Peter Korfmacher

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