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15 Minuten Applaus: Wagners "Rheingold" wird in der Oper Leipzig bejubelt

15 Minuten Applaus: Wagners "Rheingold" wird in der Oper Leipzig bejubelt

"Folge mir, Frau", singt Wotan in trügerisch majestätischem C-Dur, "in Walhall wohne mit mir!". Da ist die erste Leipziger "Rheingold"-Premiere seit der als Jahrhundert-Ring gerühmten Nibelungen-Sicht des Joachim Herz beinahe Geschichte.

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"Rheingold" in der Leipziger Oper zur ersten Ring-Inszenierung seit 40 Jahren.

Quelle: dpa

Leipzig. Und eine traurige Prozession macht sich auf den Weg ins Treppenhaus: Wotan schlurft voran, Fricka und die degenerierten Nebengötter Freia, Froh und Donner folgen gesenkten Hauptes.

Eigentlich besteht hier schon kein Zweifel, wie das Ganze ausgeht. Gelohnt hat es sich jedenfalls nicht, dass Wotan fürs neue Eigenheim das Recht mit Füßen trat. Dieses Göttergezücht ist am Ende. Zukunft haben nur der quecksilbrige Loge, der sein Fähnlein in jeden Wind zu hängen weiß, und Alberich, der Zwerg, den die Zurückweisung durch die Privilegierten zum Bösen gemacht hat. 2016, in der "Götterdämmerung", wird seine Saat aufgehen, sein Sohn Hagen Siegfried meucheln, Loge das ganze Göttergewese in Flammen aufgehen lassen.

Es spricht für Rosamund Gilmores Ansatz, dass sie ein Fundament gießt, ohne in Bedeutungshuberei zu verfallen. Überhaupt erzählt die Britin mit erfreulicher Leichtigkeit ihre Geschichte, die Wagners Geschichte ist. Nun gut: Dass die einstige Tänzerin und Choreographin fortwährend zwölf "Mythische Elemente" über die Bühne wabern lässt, auch dann, wenn sie gerade nicht als Möbelpacker die Szene umbauen oder als Wurm oder Kröte Alberich doubeln, zerrt an den Nerven. Doch darüber hinaus vertraut die Regisseurin auf Wagner - und auf ihr Handwerk.

Mit leichter Hand erzählt

Gilmore kann Personen führen, Charaktere formen. Sie hat den Blick für das Wesentliche, für Beziehungen, natürliche Gesten und fürs Pathos. Vor allem bei Wotan, der sich, weil er ein Wicht ist, in Posen flüchtet. Das zeigt bereits die blaue Samt-Toga, mit der die Bühne betritt: Da nimmt ein Bürger-Gott Maß an antikischer Größe - und sieht trotz güldenen Lorbeers aus, als habe er Mutters Vorhänge von den Fenstern geholt.

In diesem Ring ist der Mensch das Maß. Moralisch, politisch wird dieses Theater, weil Individuen pars pro toto stehen. Und es wird umso kraftvoller, als Gilmore mit leichter Hand zu erzählen vermag, auf weiten Strecken bemerkenswert witzig - ohne erhobenen Zeigefinger oder ideologische Brechstange. Man mag das beliebig finden, und die Buhs, die sich am Ende tapfer gegen die Bravi stemmen, werden diesen Grund haben.

Man kann es aber auch so sehen: Wagners Geschichte ist konkret, die Weitung ins Allgemeingültige vollzieht sich im Kopf des mündigen Zuschauers. Der allerdings nur begrenzte Freude haben dürfte angesichts der gediegenen (Fricka, Freia) bis albernen (Riesen) bis billigen (Rheintöchter) Kostüme, die Nicola Reichert ersann, und im Angesicht der beliebigen Bühne Carl Friedrich Oberles: Ein Podest mit Wasser drauf für die erste Szene, später stehen da die zum Umzug verpacken Götter-Möbel, rundum verwahrloste Palast-Architektur, hinten führt eine Wendeltreppe als architektonisches Paradox um einen quadratischen Pfeiler. Akustisch indes funktioniert diese Bühne vortrefflich. Weil sie den Sängern hilft ­- denen überdies Ulf Schirmer im abgesenkten Graben das Leben erleichtert. So sind in Leipzig Sternstunden unverkrampft wortgezeugten Wagner-Gesangs zu erleben.

Über allem erheben sich Jürgen Linn als Alberich und Thomas Mohr als Loge. Beide machen ihre Partien durchlässig für die Verwerfungen, die beim Nachtalben in den Abgrund führen und beim Feuergott zur moralischen Geschmeidigkeit. Nun gut: Dass Gilmore Letzteren seine Chromatik nachtanzen lässt, nimmt ihm dämonische Wucht. Aber wie dieser Tenor Klüfte, Blicke in die Seele und die Hölle hörbar macht, wie er jedes Wort auf die Goldwaage legt und doch nicht buchstabiert, Musik aus Sprache wie Sprache aus Musik destilliert, das macht in dieser Partie derzeit niemand besser. Gleiches gilt für Linns Alberich. Albern spielt er, albern tönt er zu Beginn als notgeiler Geck, der, weil er grad nichts Besseres zu tun hat, den Rheintöchtern an die Wäsche will. Weltherrscher-Fantasien entwickelt er eher zufällig. Und dabei verhärtet sich unversehens die Stimme. In diesem "Rheingold" ist er, stimmlich wie inhaltlich, die Hauptperson. Nicht nur, weil er erst das Welttheater in Gang bringt.

Faelhafte Sänger-Besetzung

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Tuomas Pursios Wotan ist dem nicht gewachsen. Dabei ist ihm sängerisch nichts vorzuwerfen. Doch der göttliche Bauherr hat die Zügel nicht in der Hand. Im Grunde ist er schon der Wanderer, der er sonst später erst wird. Grandios: Dan Karlström als verschlagen-verschreckter Mime, der erhebliche Vorfreude auf "Siegfried" nährt. Auf erhabener Augenhöhe: Nicole Piccolominis erdenschwere Erda, Karin Lovelius' bei aller Kraft verletzliche Fricka und die trotz ihrer auf allzu vordergründige Reize setzenden Kostüme sinnlich glänzenden hell und transparent tönenden Rheintöchter Eun Yee You, Kathrin Göring und Sandra Janke. Sensationell ist der in Freia (Sandra Trattnig) verliebte Fasolt Stephan Klemms, ein Versprechen der abgründige Fafner James Moellenhoffs. Michael Kraus und James Allen Smith lassen als Donner und Froh keine Wünsche unerfüllt.

Gleiches gilt fürs Gewandhausorchester, das seiner Verantwortung für das Hauptwerk des größten in Leipzig geborenen Komponisten gerecht wird: Schirmer führt die Dynamik beinahe in die Regionen des gedeckelten Bayreuther Grabens - und bleibt dennoch der Partitur keine Farbe schuldig. Er kultiviert mit dem Orchester, das als erstes außerhalb Bayreuths diese Musik zum Klingen brachte, einen betörend transparenten Mischklang, der die Extreme nicht scheut, aber die Sänger auf Händen trägt, sie einbettet, ihre Ausführungen kommentiert und erläutert, aber nie nur doppelt oder gar übertönt. Weil Schirmer nicht auf vordergründige Effekte setzt, sondern auf natürlichen Fluss.

Da beginnt kein selbstgefälliger Jahrhundert-Ring, sondern einer, der dem Werk vertraut, der als Einstiegsdroge taugt in Wagners musikdramatischen Kosmos. Der folgerichtig für Begeisterungsstürme gut ist. Und für einige Buhs - weil er sich nicht gar so wichtig nimmt.

Vorstellungen: 18.5., 8., 16.6., Karten (mit viel Glück) unter Tel. 0341 1261261. Ein Interview mit der Regisseurin Rosamund Gilmore finden Sie unter www.lvz-online.de

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 06.05.2013

Peter Korfmacher

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