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"18109 Lichtenhagen" - Theater in Plattenbau - Wohnung

"18109 Lichtenhagen" - Theater in Plattenbau - Wohnung

Michael Rabert öffnet selbst die Tür, begrüßt die Ankommenden, zeigt ihnen die Garderobe und wo sich das Klo befindet. Nur als jemand wissen will, ob die kleine Wohnung extra für das Stück "18109 Lichtenhagen" so eingerichtet wurde, wird er ungehalten.

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Strampelt sich für einen Film ab: Michael Rabert (Christian Streit).

Quelle: André Kempner

"Wieso? Wir wohnen doch hier. Auch wenn es gerade nicht sehr wohnlich aussieht."

So streift man zunächst etwas ratlos durch leere, geweißte Zimmer. Auf ein paar Monitoren flackern Ausschnitte aus Nachrichten- und Werbesendungen. Später kann man hier das Geschehen in den anderen Räumen verfolgen. An den Wänden lehnen Menschen, von denen man nicht so recht weiß, ob sie Zuschauer oder Teil der Inszenierung sind. Andere stehen rauchend auf dem Balkon. Sie nehmen damit vorweg, was Mutter Rabert gleich ansagen wird: "In der Wohnung wird aber nicht geraucht!"

Authentizität ist eben alles, meint zumindest Michael. Der will sich mit einer Dokumentation über seine Familie an einer Filmschule bewerben. Und diese Familie wohnt, wie er mehrfach in seine Handkamera spricht, in "Achtzehneinhundertneun Lichtenhagen". Dieser Rostocker Stadtteil ist seit den Übergriffen eines wütenden Mobs auf das von Asylsuchenden und vietnamesischen Vertragsarbeitern bewohnte Sonnenblumen-Hochhaus im Sommer 1992 zu einem Synonym für das hässliche Deutschland geworden.

In dem Stück, das vor vier Jahren in Chemnitz uraufgeführt wurde und Anne Rabe den Kleist-Förderpreis für junge Dramatiker beschert hat, geht es aber weniger um diese Ereignisse. Sie bilden den Hintergrund für eine sicher nicht nur durch die Wende 1989 zerrüttete und um ihren Zusammenhalt ringende Familie. Die Mutter (Andrea Léonetti) macht auf heile Welt, der sich cool gebende Michael (Christian Streit) bemüht sich um Authentizität, will aber nicht, dass ein Schatten auf den von ihm vergötterten, aber abwesenden Vater fällt. Klare Worte wie "Du bist genau so ein Arschloch wie der Alte!" kommen anfangs nur von seiner Schwester Klara (Sarah Kempin). Die gibt jedoch - hochschwanger, von ihrem Freund verlassen und von der Uni geflogen - auch eine recht trostlose Figur ab.

Durch den Kniff von Christian Müller, in Leipzig lange bei der Theaterbaustelle aktiv, das Stück tatsächlich in einer Privatwohnung zu inszenieren, wird man unmittelbar Zeuge dieser unfreiwilligen Selbstentblätterung. Das hat komische Momente, wenn Möchtegernfilmer Michael die Leute hektisch herum dirigiert und von einem Raum in den anderen schickt, um Platz für seine Aufnahmen zu schaffen. Oder wenn die Mutter Kaffee und Schnittchen anbietet. Gleichzeitig rückt einem das Schicksal dieser stellenweise etwas plakativen, aber überzeugend gespielten Figuren buchstäblich hautnah.

Anders als in Stuttgart, wo die Inszenierung bereits im November Premiere hatte, kann das Ensemble Citizen.Kane dafür in Leipzig eine echte Plattenbauwohnung nutzen. Der ganze, demnächst zum Abriss freigegebene Block in Grünau wird Zeuge, als Michael zwischendurch vom Balkon auf den schneebedeckten Rasen springt und seinen Frust herausschreit.

Am Ende sind zwar einige lange unausgesprochene, schmerzhafte Geheimnisse gelüftet. Mutter und Schwester überzeugen Michael trotzdem, das mit dem Film lieber sein zu lassen. Was würden Nachbarn oder zukünftige Arbeitgeber sagen, wenn sie wüssten ... Frank Schubert

Karten für die letzte Aufführung heute (20 Uhr, Frankenheimer Weg 11) an der Abendkasse.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 30.03.2013

Frank Schubert

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