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25 Jahre Oomph! – Dero, Crap und Flux spielen im Leipziger Täubchenthal

Jubiläumstour 25 Jahre Oomph! – Dero, Crap und Flux spielen im Leipziger Täubchenthal

Tabuthemen? Die gibt es für Dero Goi (45), den Sänger von Oomph! nicht. Das beweisen die Songtexte, die er in den vergangenen 25 Jahren geschrieben hat. Warum aber ausgerechnet Bonobos die besseren Menschen wären und warum Vielseitigkeit für die Gesellschaft wichtig ist, verrät er im Interview, bevor die Band am Freitag im Täubchenthal ihre Jubiläumstour beginnt.

Andreas Crap, Dero Goi und Robert Flux sind Oomph!.

Quelle: PROMO

Leipzig . Interview mit Dero Goi von Oomph!

Ihr steht seit 25 Jahre auf der Bühne. Normalerweise haut man doch zum Jubiläum ein Best-of raus ...

... das macht jeder. Wir sind eine Band, die anders ist als andere und kopieren uns nicht selbst. Das heißt, unsere Alben hören sich fast alle unterschiedlich an, ohne dass wir dabei unsere Wurzeln verleugnen. Aber wir sind schon ’ne mutige Band, die sich auch weiterentwickeln möchte, genauso wie wir uns als Menschen weiterentwickeln. Darüber hinaus hatten wir genügend Songs auf Tasche, so dass es uns gar nicht in den Sinn kam, ein Best-of rauszubringen, sondern eine knackige Scheibe.

Worum geht es auf „XXV“?

Wir beschäftigen uns mit den seelischen Abgründen in der menschlichen Psyche. Das heißt, das Album ist schon sehr dunkel geworden, mit vielen Schattierungen – sehr ruhigen Momenten, sehr harten und auch aggressiven. Traurigerweise ist ein Thema davon aktuell. Ein 13-Jähriger soll seinen Freund umgebracht haben. Mit dem Titel „Mary Bell“ greifen wir einen Fall aus den 60er Jahren in England auf. Dort hat ein Mädchen mit ihrer Freundin gemeinsam zwei kleine Jungs getötet. Ein Phänomen, das es leider schon immer gibt, das kein Zeitzeichen ist. Diese Gewalt scheint im Menschen vorhanden zu sein, das bringen wahrscheinlich unsere evolutionären Vorfahren, die Schimpansen, mit sich. Die Bonobos, von denen wir auch abstammen, sind da schon entspannter. Die lösen Konflikte mit Sex.

Gibt es für euch Tabu-Themen?

Nein. Ich glaube, wir haben in den vergangenen 25 Jahren eine große Bandbreite von sozialkritischen Themen aufgearbeitet. Ich finde immer nur wichtig, wie man das tut. Es gibt durchaus Bands, da hat man das Gefühl, die schocken nur um der Provokation willen.

Beispielsweise?

(lacht). Das müssen andere herausfinden. Aber ich habe das Gefühl, dass es eine Menge Bands tun. Das finde ich langweilig. Es sollte immer einen Grund geben, warum man provoziert. Bei uns war das seinerzeit so mit „Gott ist ein Popstar“. Da haben wir auf der einen Seite die Castingwelle durch den Kakao gezogen, auf der anderen aber auch Religionskritik betrieben. Es ist nach wie vor legitim, sich damit auseinanderzusetzen, weil Religionen meist manipulativ arbeiten. Wir sind Freigeister, sind pauschal nicht gegen den Glauben, aber wir glauben, dass Glauben Privatsache ist. Das hat uns 2006 die Ausladung vom Echo eingebracht. Wir waren damals ein wenig schockiert. In einer freiheitlichen Gesellschaft sollte man mit Köpfchen provozieren dürfen. Damals waren die Mohammed-Karikaturen gerade aktuell. Man hatte da wahrscheinlich zu große Manschetten, leider. Aber Meinungsfreiheit geht immer noch vor.

„Die Leipziger sind sehr tolerant.“

Legida, Pegida, AfD – wie weit darf Meinungsfreiheit gehen?

Dass Menschen derzeit verunsichert sind und schnell Leuten nachlaufen, die auf sehr komplexe Themen sehr, sehr einfache und laute Antworten haben, ist irgendwie nachvollziehbar. Das gab es Anfang der 90er auch schon. Man hat das Gefühl, dass sich Geschichte wiederholt. Einstein hatte Recht, als er sagte: „Es gibt nur zwei Dinge, die unendlich sind. Das eine ist das Universum, das andere die Dummheit der Menschen.“ Man muss konstatieren, dass es genügend Menschen gibt, für die unser weltoffenes demokratisches Wertesystem nichts ist. Das macht mir natürlich Angst. Aber ich muss damit leben – und das in einer Gesellschaft, in der Meinungsvielfalt erlaubt ist. Deswegen halte ich auch nicht viel von Parteienverboten. Egal, ob religiöser oder politischer Fanatismus, wenn er offen zur Schau gestellt wird, kann ich immer noch sagen: Danke für das Stoppschild. Ich weiß jetzt ja, wie ich nicht sein möchte. Das trägt auch zur Meinungsbildung bei. Meinungsfreiheit in allen extremistischen Auswüchsen sollte eine Gesellschaft ertragen können. Ich bin nicht tolerant der Intoleranz gegenüber. Veränderung beginnt außerdem mit Selbstreflexion. Genau das machen vielen extremistischen Gruppierungen eben nicht. Die kommen nicht auf den Gedanken, sich selbst zu hinterfragen.

Sie kennen Leipzig mittlerweile ganz gut. Wie empfinden Sie die Stadt und ihre Bewohner?

Ich bin regelmäßig als DJ im Darkflower, auf dem Wave-Gotik-Treffen waren wir als Band bestimmt auch schon sechs oder sieben Mal, und dann natürlich auf unseren Touren. Ich finde, die Leipziger sind sehr weltoffen und tolerant. Als wir angefangen haben zu spielen, war das in Connewitz. Da war eine sehr bunte Palette an Subkultur vorhanden. Sehr vielseitig. Ich persönlich steh auf Vielseitigkeit. Die Evolution beweist, dass Vielseitigkeit eine Bereicherung für die Gesellschaft ist und Monokultur uns nicht wirklich viel bringt.

Am 1. April seid ihr mit eurer Jubiläumsshow im Täubchenthal – mit einem Best-of oder nur der neuen Platte im Gepäck?

Auf Tour sollte man einen gesunden Querschnitt seiner Schaffenskraft darbieten. Wir sind nun mal seit 25 Jahren da. Auf der Bühne sind wir zu siebt, bei uns ist komplett alles live – kein Band, kein Sequenzer, kein Sampler, nichts was da im Hintergrund mitläuft. Ein Konzert sollte ein einmaliger Fingerabdruck sein. Du musst dir verdammt noch mal den Arsch abspielen und die Seele aus dem Leib singen. Dann bekommst du auch ganz viel vom Publikum zurück. Und so schaukelt sich das zu einem emotionalem Supergau hoch.

„Ich schlafe viel.“

Quasi ein O(h)rgasmus?

Ja natürlich. Ich finde, wenn man seine Aggression, seine Wut, seine Trauer, seine Freude – diese elementaren Gefühle, die jeder mit sich herumschleppt – auf den Konzerten rauslässt, abgrölt oder mosht, dann hat Kunst doch schon unheimlich viel geleistet.

17 Konzerte stehen im April im Tour-Kalender. Sie sind keine 20 mehr. Wie bekommen Sie die fast täglichen Auftritte glatt über die Bühne?

Dafür muss ich meine Stimme trainieren und schonen. Ich sing mich vor den Shows sehr lange warm. Die Stimme ist auch ein Muskel, der gepflegt werden muss. Außerdem achte ich auf gesunde Ernährung und schlafe viel.

Klingt nicht gerade nach Rock ’n’ Roll ...

… aber nach der Pflicht, ’ne ordentliche Show auf den Konzerten abzuliefern. Wenn du auf der Bühne ein Schlappschwanz bist und auf der Aftershow-Party der wildeste Hengst, dann ist das zwar toll für die, die mit dir feiern, aber fürs Publikum am nächsten Tag ist es die Hölle.

Sie trinken seit Jahren keinen Alkohol mehr, rauchen nicht und sind seit 28 Jahren Vegetarier. Warum haben Sie das für sich entschieden?

Ich habe mich sehr früh damit auseinander gesetzt, was Fleischkonsum bedeutet, wie Tiere gehalten werden, wie die ökologischen Auswüchse des ganzen Wahns sind und habe mich dann so entschieden. Als Vegetarier bekommt man durch Käse und Milchprodukte genügend tierisches Eiweiß, da brauchen keine Tiere mehr getötet werden. Ich habe das auch nie bereut und lebe damit gut. Und ich bin kein Missionar, der sagt: Ihr müsst jetzt alle auf Fleisch verzichten.

„Nina Hagen kann erfrischend normal sein.“

Die Band stand schon mit einigen Künstlern auf der Bühne. Nina Hagen zählt dazu. Wie ist sie so drauf?

Nina Hagen ist eine sehr aufgeschlossene, lustige, gesanglich sehr vielseitige und professionelle Frau. Wenn man sie kennt, wird einem schnell bewusst, dass sie eine Rolle spielt, die sie zum Großteil für die Medien überspitzt darstellt. Zum Handwerk gehört ein bisschen Klappern dazu. Sie kann auch wirklich erfrischend normal sein. Das mag kaum einer glauben – und sie vielleicht auch gar nicht über sich hören.

Verstellen Sie sich für die Öffentlichkeit?

Man hat ja das Gefühl, dass es bei manchen Künstlern wichtiger ist, was im Privatleben passiert. Ich schätze die, die durch ihr Handwerk glänzen. Wer gerne rausposaunt, mit wem er gerade alles Geschlechtsverkehr hat, soll es tun. Aber das scheint dann eher ein Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom zu sein. Dagegen gibt es wirksame Behandlungen. Wahrscheinlich hätten wir es einfacher gehabt, wenn wir Celebrity XY ins Bett geholt hätten und die ein oder andere Zeitschrift noch dazu. Ich hätte mich dann nicht mehr im Spiegel anschauen können.

Abschließend zurück zu den Anfängen. Ihr seid drei Braunschweiger, die sich 1989 in Wolfsburg überlegt haben, Oomph! aufzumachen. Entdeckt wurdet ihr aber in New York. Wie das?

Ja, 1993 haben wir auf dem New Music Seminar gespielt. Das ist so etwas, was bei uns die Musikmesse Popkomm mal war. Dort sind wir vielen Leuten aufgefallen und wurden viel im amerikanischen College-Radio gespielt. Da haben wir auch unseren damaligen Manager von Machinery aus Berlin kennengelernt. So hat im Ausland alles angefangen.

Oomph! und Death Valley Hig spielen am Freitag, 20.30 Uhr (Einlass ab 19.30 Uhr), im Täubchenthal (Wachsmuthstraße 1)

Von Alexander Bley

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