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38. Leipziger Jazztage beginnen in der Oper unter dem Motto "Sound of Heimat"

38. Leipziger Jazztage beginnen in der Oper unter dem Motto "Sound of Heimat"

Am Donnerstag haben sie begonnen, in einer gut besuchten Oper. Die 38. Leipziger Jazztage, deren diesjähriges Programm sich unter dem Motto "Sound of Heimat" bündelt.

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Eröffnungskonzert der Leipziger Jazztage: Hauschka (Piano) und das MDR Sinfonie-Orchester unter Leitung von Kristjan Järvi in der Oper.

Quelle: Wolfgang Zeyen

Leipzig. Und die mit "Heimat" einen Terminus bemühen, den man mit Jazz nicht wirklich assoziiert - was freilich auch den Veranstaltern vom Jazz Clubs Leipzig bewusst ist. Man wolle den Begriff "Heimat" zurückholen "ins Herz", ihn "befreien" vom Missbrauch als "politisches Dogma", wird in der Anmoderation auf der Bühne erklärt. Klingt gut. Erschließt sich aber nur bedingt.

Doch vielleicht hat das auch ganz andere Gründe. Vielleicht hätte man sich daheim, vor dem Aufbruch ins Opernhaus, nicht mit alten Charlie-Parker-Nummern auf den Abend einstimmen sollen. Also mit diesem Klang urbanen Fiebers aus den glorreichen Zeiten, als Jazz noch wild und ganz und gar nicht bürgerlich war. Ein Sound der seine Heimat in Straßen und Clubs und nicht in Akademien hatte.

Diese Sicht mag etwas einfältig Romantisches haben. Aber dass sie einem gerade an diesem Abend in der Oper überkommt, hat Gründe. Etwa den, dass der Reigen mit Stücken Arvo Pärts beginnt (der am Donnerstag seinen 79. Geburtstag feierte). Nichts gegen Pärt. Der Este ist ein großartiger Komponist, und dass sein Landsmann und MDR-Sinfonieorchester-Chef Kristjan Järvi ihm die Reverenz erweist, ist mindestens legitim.

Nur: Ist das dramaturgisch klug, einen Festivalabend mit einer Musik zu eröffnen, die eine tiefster Innerlichkeit und nicht zuletzt berückender Welt-Abgewandtheit ist? Musik wie kurz vor dem Verstummen, die etwas ahnen lässt vom großen Rest, der Schweigen ist?

Genau deshalb auch möchte man ja nach Klängen wie denen von "Fratres" oder "Festina Lente" erst einmal gar nichts mehr hören (bestenfalls in sich selbst hinein). Aber dann gesellt sich der Pianist und Klangexperimentator Hauschka dazu, in der anstehenden Spielzeit als "artist in residence" beim MDR Orchester, um mit ihm zusammen Kompositionen der CD "Abandoned City" vorzustellen. Werke, die sich entfalten mit ein wenig Film-Score-Dramatik hier, treibenden Rhythmusschleifen in Wiederholspur dort und mit einem mal stärkeren, mal schwächeren Sprühregen sphärischer Ambient-Anleihen samt dezenten Experimental-Avancen. Wer mag, kann gelegentlich etwas jenes dynamischen Soundschichten-Mäanderns in diese Musik hineinhören, wie man es einst von Big-Band-Innovator Gil Evans so grandios vorexerziert bekam. Aber wahrscheinlich hört man da schon viel zu viel hinein - und mithin sind das auch genau jene Momente, in denen man spürt, dass hier zur wirklichen Komplexität originärer Musik noch einiges fehlt.

Was beim Auftritt von Avishai Cohen dann schon ganz anders klingt. Nicht zum ersten Mal Gast bei den Jazztagen, hat der israelische Kontrabassist dieses Mal sein Trio um ein Streichquartett und einen Oboisten erweitert. Und es ist faszinierend, was die Musiker in dieser Konstellation zaubern.

Cohen bringt zusammen, was im Grunde vielleicht wirklich zusammengehört. Man zelebriert leicht und spielerisch eine Idee von "Heimat", deren "Sound" sich als erstaunlich organisch, als ganz selbstverständliches und eben nicht im Namen einer Fusion-Idee mehr oder weniger grob zurechtgebogenes Zusammenspiel entpuppt.

Das flirrt und tänzelt zwischen Kammermusik, American Songbook, einem Lied der Roten Armee, einem "Arab Medley" und jüdischen Traditionals, die vom sephardischen Liebeslied bis zum hebräischen Gassenhauer reichen. Das ist hinreißend, lyrisch, klug arrangiert und kraftvoll dargeboten.

Fast hätte man darüber die innere Litanei von wegen "Jazz damals und heute" vergessen, würde nicht nach und nach ein nicht geringer Teil des Publikums während des Konzertes hinausströmen. Dass sich gerade auch die guten, teuren Plätze in Bühnennähe leeren, ist interessant, vielleicht bezeichnend. Und bleibt Cohens Kommentar zum nicht ignorierbaren Gewusel samt Türen-auf-und-Zu souverän, lassen er und seine Musiker sich auch vom langen, begeisterten Applaus des verbliebenen Publikumsgroßteils zu keiner Zugabe mehr locken.

Was so bedauerlich wie verständlich ist. Etwas resigniert gehen die Lichter im Zuschauersaal an. Irgendwie erzählt auch das etwas über Jazz, damals und heute. Und über Heimat sowieso.

Jazztage Samstag: 11 Uhr, Oper: Tumba-Ito: Jazz für Kinder; 19.30 Uhr, Oper: Simin Tander 4tet / John Scofield: Überjam Deux; 23.59 Uhr, Nato: Maciej Fortuna Trio; Sonntag: 18 Uhr, Philippuskirche: Nils Wogram Vertigo Trombone Quartet

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 13.09.2014

Steffen Georgi

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