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54 Millionen Euro für die Mission Museum: Bundeswehr zeigt in Dresden neue Ausstellung

54 Millionen Euro für die Mission Museum: Bundeswehr zeigt in Dresden neue Ausstellung

Vielleicht ist es sogar die wichtigste Mission der Bundeswehr: Wenn am 14. Oktober in Dresden das Militärhistorische Museum nach sieben Jahren Umbau seine Türen öffnet, erwartet den Besucher keine hochgerüstete Waffenschau.

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Am 14. Oktober öffnet nach sieben Jahren Umbau das militärhistorische Museum in Dresden.

Quelle: dpa

Dresden. Die 9250 Objekte erzählen davon, was ein Krieg mit Menschen macht. Militärhistorie vom Mittelalter bis in die Neuzeit wird hier auf insgesamt 20 000 Quadratmetern als Kulturgeschichte der Gewalt inszeniert - auch mit Exponaten, die dem Besucher einiges abverlangen. Nicht selten wird die große Tragödie eines Krieges erst am kleinen Detail sichtbar.

„Wir sind kein Kriegsmuseum“, sagt Oberst Matthias Rogg (48). Der promovierte Historiker übernahm das Museum im Sommer 2010 als Baustelle. Seit 2004 wird der mehr als 100 Jahre alte Bau, der vor dem Fall der Mauer als Armeemuseum der DDR diente, zu einer modernen Schau umgerüstet. Dabei übernahm kein Geringerer als US-Stararchitekt Daniel Libeskind das Kommando und entwarf den Deutschen ein Gebäude, das die Brüche ihrer eigenen Militärgeschichte deutlich machen soll. In das alte Gemäuer schiebt sich ein keilförmiger Neubau - wie ein Schiffsbug, der eine erstarrte Eisfläche bricht.

Während die Besucher im „alten“ Museumsteil 700 Jahre militärische Geschichte in chronologischer Folge abschreiten können, bietet der moderne Keil eine thematische Sicht. Da werden die Schrecken des Krieges an Prothesen oder an einem Schädel mit Einschussloch sichtbar. Oder an Filmaufnahmen einer Katze, an der man die Wirkung von Nervengift testete. Den Tieren im Krieg ist an anderer Stelle eine ganze Abteilung gewidmet. Wer kann sich heute noch vorstellen, dass schon die Römer Wildschweine mit Pech übergossen, anzündeten und als brennende Fackeln gegen die feindliche Front rennen ließen?

Der Missbrauch von Tieren hält bis in die Neuzeit an. In der Dresdner Ausstellung findet sich ein Schaf mit drei Beinen - es wurde mit vielen Artgenossen zum Räumen von Minenfeldern eingesetzt. Viele Exponate sprechen für sich, andere benötigen einen Kommentar. Rogg verweist darauf, dass an manchen Stellen Kinder nicht allein bleiben sollten. Die Museumsleute weisen mit Schildern darauf hin. „Es geht uns nicht darum, brutal Exponate zu präsentieren. Mitunter schließt erst die Fantasie die letzte Lücke.“ Manches wirkt unfassbar - vielleicht auch für die, die es selbst erlebt haben.

Da ist zum Beispiel eine Station, die Geruchsforscherin Sissel Tolaas aus Norwegen gestaltet hat. Sie hat auf synthetischer Basis einen Geruch kreiert, der die Verwesung eines Menschen simuliert. Rogg spricht von einem grenzwertigen Fall. Lange habe man im Kuratorium des Museums darüber diskutiert. Aber es gebe so viele Berichte von Soldaten, denen sich der Erste Weltkrieg vor allem als Geruch ins Gedächtnis brannte. Es war der Mix aus dem Gestank von Fäkalien, Chlorkalk, Brand- und vor allem Leichengeruch, der den Grabenkrieg ausmachte und für die Zeitzeugen unvergesslich blieb.

Rogg ist sich klar darüber, dass die Ausstellung Diskussionen auslösen wird. „Wir wollen einen Diskurs, kein vorgefertigtes Bild. Die Besucher sollen animiert werden, sich eine eigene Meinung zu bilden.“ Das könnte beispielsweise bei einem sehr aktuellen Exponat passieren. Die Ausstellung zeigt einen Jeep, der 2004 beim Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan durch einen ferngezündeten Sprengsatz völlig demoliert wurde. Drei Soldaten wurden schwer verletzt. „Wir erzählen die Geschichte der Männer, was sie heute machen“, sagt Rogg. Für die einen womöglich ein Chiffre für eine gescheiterte Mission, für andere aber nicht.

Immer wieder weist Rogg auf den „Perspektivwechsel“ hin. Der Begriff zieht sich wie ein roter Faden durch die Ausstellung. Der Besucher soll stets auch die andere Seite sehen oder Distanz zum Objekt bekommen. Und wenn es nur darum geht, Geschütze auf ein Podest zu stellen. So befindet sich der Betrachter nicht mehr auf gleichem Boden mit dem Objekt und kann sich so mit ihm auch nicht verbunden fühlen - sagt zumindest die Theorie modernen Ausstellungsdesigns. „Es geht in unserem Fall darum, Distanz zum Objekt zu schaffen, nicht emotionale Nähe“, sagt der Direktor.

Rogg geht davon aus, dass so ziemlich alle Bevölkerungsschichten ins Museum kommen, Jung und Alt, Frauen und Männer, Soldaten und Pazifisten. Nur gegenüber Neonazis empfindet er „null Toleranz“. Wer mit strammer Gesinnung ins Militärhistorische Museum marschiert und hier vermeintlichem deutschen Opfermut huldigen will, ist sowieso fehl am Platz. Denn davon zeugen weder die Exponate noch der Ansatz der musealen Konzeption. Die Dresdner Ausstellung will in erster Linie die Ursachen von Gewalt ergründen. Nie erreicht der Krieg heroische Dimensionen - eher geht es um die Schattenseiten.

Gut einen Monat vor Eröffnung sind Rogg und Presseoffizier Lars Patrick Berg fast täglich mit Journalisten in der noch unfertigen Ausstellung unterwegs. Viele Exponate befinden sich unter einer schützenden Hülle. Doch das Interesse im Ausland ist groß. Als die „New York Times“ im Januar Dresden als einziges deutsches Reiseziel unter die „41 Places To Go in 2011“ wählte, war das Museum der entscheidende Punkt. Seitdem ist Roggs Terminkalender gefüllt. „La Repubblica“ aus Italien war genauso da wie Japans zweitgrößte Zeitung „Asahi Shimbun“, demnächst kommt „National Geographic“.

dpa

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