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70.000 Fans bejubeln Lindenbergs fulminante Doppel-Show

Konzerte in der Red-Bull-Arena 70.000 Fans bejubeln Lindenbergs fulminante Doppel-Show

Es wurde lange gefeiert am Sonntag in der Red-Bull-Arena Leipzig: Erst bejubelte das Publikum nach dem gemeinsamen Public Viewing den Einzug der Deutschen ins EM-Viertelfinale, dann eine mitreißende Show – dank Udo Lindenberg, seiner großartigen Band und zahlreichen Gästen. Am Samstag waren 45.000 gekommen.

Eine verdammt coole Socke: Udo Lindenberg und zwei von zahlreichen fantastischen Musikern, die ihm den Sound auslegten.

Quelle: Wolfgang Zeyen

Leipzig. Die Zeiten sind stürmisch. Der Rockliner geht durch schwere See, sinkt in gurgelnde Tiefe, wird in die Höhe gedrückt. Bedrohliche Bilder, die über die riesigen Leinwände toben. Da muss es einen geben, der kühlen Kopf bewahrt. Einen, der den Hut auf hat. Zum orchestral aufgepumpten Godfather Waltz aus „Der Pate“ schwebt Udo Lindenberg aus dem Himmel in einer Metallgondel heran, entert das Schiff und bringt es mit dem Stück „Odyssee“ auf Kurs.

Für jeweils beinahe drei Stunden hat der 70-jährige Panikrocker am Samstag und Sonntag in der ausverkauften Leipziger Red-Bull-Arena das Kommando übernommen, die Lage der Nation analysiert und klare Anweisungen gegeben – in fulminanten Auftritten vor insgesamt 70.000 Zuschauern. Der erste, ausverkaufte Abend mit 45.000 Fans wurde für die Produktion einer DVD aufgezeichnet. Zwei Shows, für die der Begriff „Konzert“ deutlich zu kurz greift.

Am Samstag, und trotz Unwetterwarnungen, trat der Altrocker im früheren Zentralstadion auf die Bühne. Wenn auch mit zehn Minuten Verspätung: Udo Lindenberg, schwebte herein und rockte Leipzig. (Bilder: Wolfgang Zeyen)

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Udo Lindenberg; der Name steht für ein Phänomen, das es nach ihm nicht mehr geben wird. Dieser schnoddrige Westfale, der einst auszog, das Musizieren und Saufen zu lernen, vereint das scheinbar Unvereinbare. Im Publikum versammelt er Malocher ebenso wie Manager, ist Gastgeber bombastischer, ausufernder Parties ebenso wie politischer Kundgebungen. Ein näselnder Spinner, der wieder ernst genommen wird, nachdem man ihn in den 90ern abgehakt hatte. „Nimm dir das Leben – und lass es nicht mehr los“, eine Songzeile des eigenen Oeuvres, das seine persönliche Wende beschreibt. Er verspricht, seinen Freunden noch lange erhalten zu bleiben. So viele sind gegangen, wie er aufzählt: Bowie, Roger Cicero, Prince. Zu viele große Namen auf einmal in diesem Jahr. Und zu dem Zeitpunkt, an dem er einen Gruß Richtung Himmel schickt, weiß er noch nicht, dass nun auch Schauspieler Götz George da oben ist. Hier unten kündigt der Sänger an, den Club der Hundertjährigen gründen zu wollen.

Lindenbergs Physiognomie scheint sich mit dem Alter dezent zu verselbstständigen, und wie er gummiartig durch die Bunte Republik Deutschland schlenkert, hat viel Komik – belächelt aber wird Lindenberg, auf ewig mit seiner Kunstfigur verschmolzen, nicht mehr. Er ist zurück mit einer Kraft und Energie, die ihm keiner mehr zugetraut hat. Und wenn er sich positioniert, macht er das nicht aus Kalkül, sondern aus echtem Unwillen darüber, dass es immer weniger gibt, die Haltung zeigen – im Bundestag, im Alltag.

Klartext von Udo

Eine Menge Bedeutung steckt in seinen Leipziger Besuchen. Es ist die Stadt, die den Mauerfall beschleunigt hat. Die er seit seinem ersten und berührenden Konzert kurz nach dem Ende der DDR liebt. Die Stadt, in der er diese irre „Stärker als die Zeit“-Tournee in ein fulminantes Finale führt. Die Stadt in einem Bundesland, das wie kein anderes wegen Fremdenfeindlichkeit mit einem Negativ-Image zu tun hat. Aber jetzt ist ja Udo da, um klarzutexten über alles, was mit arg rechten Dingen zugeht. Da wird gegen Rassismus gewettert, Hilfe für Flüchtlinge eingefordert und ein „weltoffenes, solidarisches Deutschland“. Einen gewissen Erdo-Wahn kanzelt er als Versuchssultan ab, der sein Land ins Mittelalter zurückregieren will. Kurz kokettiert Udo damit, eine Panik-Partei zu gründen. Es gibt wahrlich eine schlechtere Alternative für Protestwähler.

Diese Statements spricht der Sänger vom Ende des ins Publikum ragenden Mittelstegs, einer eckigen Zunge, die viel Platz zum Toben lässt. Hier federt Udo als Schmidtchen Schleicher mit Handkanten-Gang, umringt von blendend schönen Tänzerinnen, Tänzern, Sängerinnen und Sängern. Überhaupt ist die Bühne eine exorbitante Spielwiese für Performance und Maskenball, ein Landeplatz fürs – zum entsprechenden Titel – übergroße, rot leuchtende Cello, in dem sich eine Akrobatin anmutig räkelt. Zu „Ich lieb dich überhaupt nicht mehr“ sehnsüchtelt die E-Gitarre, ein sanfter Trost singt sich „Durch die schweren Zeiten“. Das ist aus lyrischer Sicht kein Kunstwerk, aber emotional sitzt der Song, an beiden Abenden sieht man Tränen fließen.

Kurz darauf lehnt Udo einen „Plan B“ ab, und der „Rock’n’Roller“ drückt aufs Tempo, angetrieben von dieser fabelhaften Band um Bassgitarrist Steffi Stephan, Hannes Bauer, Für Zauber, Charme und Sexyness sorgen im Background vor allem die stimmgewaltige Nathalie Dorra oder Josephine Busch – bloß ihr plakatives, etwas verulkendes FDJ-Hemd bei „Gegen die Strömung“ ist verzichtbar.

Udo bezieht mehrfach Stellung: „Dieser Gauleiter hat die Maske der AfD so weit runtergezogen, dass die hässliche Fratze des Rassismus voll zu erkennen war“. Er erinnert an das Hier und Jetzt, an Verantwortung der Mächtigen: Das Stück „Wozu sind Kriege da?“, mit einem Mädchen von den Panikkindern, ist 35 Jahre alt und fragt eindringlich wie nie. Gänsehaut. Udo, der biegsame Unbeugsame, wettert über das Waffengedonner, das aufgeführt wird wie ein Theaterstück – „und den Schampus säuft die Waffenindustrie“.

Nachgelegt wird kurz darauf mit „Sie brauchen keinen Führer“. Zu den vielen prominenten Gästen gehören bei diesem zweitägigen Udo-Finale Stefanie Heinzmann, Helge Schneider am Saxofon, Trompeter Till Brönner, Clueso, Daniel Wirtz und Axel Prahl, Otto Waalkes covert – leider nur am Samstag – sensationell AC/DC ostfriesisch („Auf dem Heimweg ist’s hell“) . Keine Frage, Axl Rose kann einpacken.

Spektakel mit Show-Effekten

Rund 300 Leute sind an der Wucht-Produktion beteiligt. Ein wahnwitziges Spektakel, aufgedonnert mit aufwendigem Licht und Show-Effekten. Dieser romantisch-rustikale Kindskopf liefert einen Rausch aus Kulisse und Kostüm, eine Gala und Rockrevue, ein Musical, ein Varietéstück, das gefangen nimmt und nur manchmal übertourt, wenn zu „Der Greis ist heiß“ Beteiligte in knittrigen Opamasken herumkaspern. Hinter allem flackern gigantische LED-Leinwände voller Animationen, Grafiken, Zeichnungen, Videos und mehr.

Am Sonntag vor dem Konzert ermöglichen diese Flächen das stimmungsvolle Public Viewing zum Achtelfinale der Europameisterschaft. Eine nicht uninteressante Kombination, dass nach dem Fußball-Patriotismus ein Musiker vor den Grenzen zu einem Nationalismus warnt, der den Kontinent schwächt. Über das 3:0 freut sich Lindenberg jedenfalls – „Boateng, yeah!“ ruft er anerkennend. Einige Zeit später wird Udo in „Bodo Ballermann“ für den FC Panik eine weniger filigrane Spieltaktik vorstellen.

Auch wenn etwa 20.000 Karten am zweiten Abend unverkauft bleiben, ist die Stimmung keinen Deut schwächer. Der Erfinder der Likörelle wirkt sogar noch etwas lockerer als 24 Stunden zuvor – im Wissen darum, dass es seine allerletzte Stadionshow ist, wie er im Vorfeld hat wissen lassen. Die exorbitante Ausstellung des Ausnahmerockers erlebt ihre Finissage, das Theaterstück in die Dernière, und die ist fantastisch.

Hat der Zigarrenquarzer schon zu „Candy Jane“ eine Runde über den Köpfen der Fans gedreht, klettert Lindenberg zu „Woddy Woddy Wodka“ letztmalig in den Korb und schwebt davon. Zurück lässt er eine Menge Qualm vom Feuerwerk, Hitze von Bengalo-Flammen – und ein Vermächtnis. Es ist ein Resümee, so beschwingt wie nachdenklich und melancholisch. Dazwischen besorgen tausende Handys das Licht zur „Sternenreise“. Unfassbar, dieser Kerl. Der 70-Jährige, der in die Gondel stieg und verschwand. Er muss wiederkommen und der Republik auf die Finger hauen. Einer muss den Job ja machen. Und wenn einer stärker als die Zeit ist, dann dieser Lindenberg.

Von Mark Daniel

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