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„89/90“ und „Kruso“ feiern Premiere am Leipziger Schauspiel

Wenderomane „89/90“ und „Kruso“ feiern Premiere am Leipziger Schauspiel

Das Schauspiel Leipzig eröffnet die Saison mit Roman-Adaptionen über die Wendezeit. 89/90 erzählt von der Anarchie auf den Straßen und den Jugendlichen, die sich radikalisierten, während die staatlichen Autoritäten verschwinden.

Demonstration mit gewaltsamem Polizeieinsatz am 5. Oktober 1989 am Dresdener Hauptbhanhof: Peter Richter erinnert in 89/90 an die Anarchie der Wendezeit. Jetzt kommt der Roman als Theaterstück auf die Bühne des Leipziger Schauspiels.

Quelle: dpa

Leipzig. 25 Jahre Wende oder deutsche Einheit sind durch. Es geht offensichtlich und zum Glück nicht um pflichtschuldige Jubiläums-Festspiele, wenn die ersten großen Premieren der am Freitag beginnenden neuen Spielzeit am Schauspiel Leipzig in die Wendezeit zurückschauen. Es geht um eine sehr ernsthafte Befragung des Gestern. Es geht um Spurensuche mit den Roman-Adaptionen „89/90“ von Peter Richter zum Auftakt und Lutz Seilers „Kruso“ am 1. Oktober. Welche gesellschaftlichen Phänomene, die heute wuchern, wurden gesät im Moment des Systemzusammenbruchs?

Das ist nicht die einzige, aber eine Schlüsselfrage, die über beiden Inszenierungen schwebt. Richter, Jahrgang 1973, gebürtiger Dresdner und derzeit Kulturkorrespondent der Süddeutschen Zeitung in New York, blickt in „89/90“ mit großem zeitlichen und räumlichen Abstand auf eine Jugend in diesen beiden Jahren in Dresden. Er schreibt von der Anarchie auf den Straßen. Von Jugendlichen, die sich binnen Wochen parallel mit den sich pulverisierenden staatlichen Autoritäten radikalisierten und in Rechte und Linke sortierten. In Nazis – und wer kein Nazi war, war eben links. Aus latentem Alltagsrassismus wuchs offene Gewalt. Richter deutet die Frage in seinem Roman an: Hätte man damals bereits sehen können wohin die Gesellschaft steuert? Zu Pegida, populistischer Scharfmacherei, Ausgrenzung und Gewalt?

Die Uraufführungs-Rechte für Richters „89/90“ hatte sich das Staatsschauspiel Dresden gesichert und es im August auf die Bühne gebracht. Für Leipzigs Chefdramaturg Torsten Buß ist das kein Problem. Er findet es spannend, wenn sich zwei Häuser fast zeitgleich mit demselben Stoff auseinandersetzen und Vergleiche ermöglichen. Buß: „Wir werden anders darauf schauen als Dresden, dort ist der Stoff nochmals anders angebunden.“

Bei allem Dresdener Lokalkolorit bietet der Roman Ansatzpunkte, den Stoff aus seiner Örtlichkeit und Zeit zu hebeln. Und wie es gelingen kann, das Stimmengewirr des Romans ästhetisch zu sortieren, hat eine öffentliche Probe in der vergangenen Woche angedeutet. Dramaturg Matthias Huber vergleicht dort den Roman mit einem „Wimmelbild“. Denn nur wenige Figuren, die im Buch auftauchen, seien auserzählt. Ein Oratorium schwebe Regisseurin Claudia Bauer vor.

Sie stellt zum Ensemble einen 24-köpfigen Sprech-Chor, um den Sound des Buches zu übersetzen. Dennoch bekommen Figuren, die der pointiert nüchterne Roman nur schemenhaft andeutet, offensichtlich deutlich Kontur, Format, Gefühl. Mit Wenzel Banneyer in der Rolle des Ich-Erzählers. Tränen fließen. Groß eingefangen per Video – ein ästhetisches Mittel, auf das Bauer erneut setzt.

Literarisch einen ganz anderen Ton schlägt Lutz Seiler in „Kruso“ an. Sensibel erzählt mit Interpretationsraum zwischen den Zeilen. Ein Stoff aus der gleichen Zeit aber vom Rand der Gesellschaft. Es geht um Hiddensee als kleine Freiheit Andersdenkender, toleriert und überwacht von der Stasi. Der Student Edgar und Tellerwäscher Kruso stoßen dort aufeinander mit dem Gepäck ihrer Vergangenheit und ihrer Hoffnung. Und verpassen über ihre persönliche Freiheitssuche fast, wie das Gefängnis der DDR dabei ist, sich aufzulösen.

Mehrere Theater haben den 2014 mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichneten Roman bereits auf die Bühne gebracht. In Leipzig arbeitet Armin Petras mit dem Ensemble an der Premiere. Zusammen mit Ludwig Haugk hat er den Stoff für die Bühne bearbeitet. Und das Grundthema, das Verschwinden einer Idee und die damit zusammenhängenden biografischen Brüche, taucht in seinen Arbeiten immer wieder auf.

Petras, einer der profiliertesten Regisseure Deutschlands, inszenierte Ende der 90er Jahre als Hausregisseur in Leipzig und ist derzeit Schauspiel-Intendant in Stuttgart. Gespräche über ein Gast-Engagement in Leipzig hatte es schon für die vorige Spielzeit gegeben. Jetzt klappt es mit „Kruso“. Im mit 14 Schauspielern aufwendig besetzten „Kruso“, darunter einige Schauspiel-Studenten, kehrt Berndt Stübner auf die Bühne zurück, der bis 2013 zum Leipziger Ensemble gehörte. Ebenso ist Anja Schneider wieder in Leipzig zu sehen, die von Stuttgart gerade ans Deutsche Theater Berlin wechselte. Gäste mit anderweitigen Verpflichtungen machen die Planungen schwierig. Termine für „Kruso“ sind zunächst nur bis 2. Dezember gesetzt.

Im Anschluss an die zweite Vorstellung am 30. Oktober findet der Auftakt zur neuen Gesprächsreihe am Schauspiel statt. Themen der Spielzeit werden von anderer Seite beleuchtet. Heinz Bude, Soziologe an der Universität Kassel und Gregor Gysi diskutieren die Frage „Ist der Osten anders?“. Es geht um Entwicklungen und Brüche in Ost und West, moderiert von Jens Bisky.

Die nächste Premiere auf der großen Bühne folgt am 26. November. Das ist dann schon das Weihnachtsmärchen „Der schlaue Urfin und seine Holzsoldaten“, das zweite Buch der Zauberland-Reihe von Alexander Wolkow, die im vergangenen Jahr mit „Der Zauberer der Smaragdenstadt“ begonnen wurde.

Dimo Rieß

„89/90“, Premiere, 16. September, 19.30 Uhr; „Kruso“, Premiere, 1. Oktober, 19.30 Uhr; Schauspiel (Bosestr. 1), Kartentel: (0341) 12 68 168

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