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Abgeklärte Vollkommenheit

MDR-„Zauber der Musik“ im Leipziger Gewandhaus Abgeklärte Vollkommenheit

Michael Francis dirigiert im „Zauber der Musik“ der MDR-Klangkörper im großen Saal des Gewandhauses Werke von Purcell/Stucky, Panufnik und Haydn.

Fabelhaft: der Dirigent Michael Francis.

Quelle: Marco Borggreve

Leipzig. Eine viel komplexere Aufgabe hätte der MDR dem britischen Dirigenten Michael Francis, Jahrgang 1976, seit 2015 Chef des Florida Orchestra, kaum stellen können für sein Leipzig-Debüt im „Zauber der Musik“. Unter der Überschrift „Letzte Worte“ stehen da nach der Pause im allenfalls passabel gefüllten großen Saal (es nicht noch nicht lange her, da war der „Zauber“ ausabonniert) genau die auf dem Programm: Joseph Haydns „Sieben letzte Worte unseres Erlösers am Kreuze“, ein Oratorium, dessen Gesangs-Teile Haydn auf die Orchesterversion aufpropfte, die er den ursprünglich für Streichquartett gesetzten Kirchensonaten nebst Einleitung und Schluss-Erdbeben abtrotze. Meditationen sind dies, die ihre Bestimmung für die Karfreitags-Liturgie nicht verleugnen. Ruhig, verhalten, jeden äußerlichen Effekt meidend wie der Teufel das Weihwasser. Und darum kann sich diese runde Stunde der Versenkung in Christi Tod am Kreuz gewaltig ziehen.

Bei Francis dagegen leuchten Schönheit und Wahrhaftigkeit aus diesen Sätzen, die an der Oberfläche so schlicht scheinen, aber Haydn auf der Höhe seines Könnens zeigen. Weil er nicht außen poliert, sondern von innen leuchten lässt, weil er Solisten und MDR-Klangkörpern nichts aufpfropft, sondern die Meditationen aus sich selbst heraus all ihre abgeklärte Vollkommenheit entfalten lässt.

Ohne erstklassige Mitdenker ist mit dieser Musizierhaltung kein Blumentopf zu gewinnen. Aber in diesem „Zauber“ kann Francis aus dem Vollen schöpfen: Das Solistenquartett (Esther Dierkes, Stefanie Irányi, Werner Güra und Mathias Hausmann) enthalten sich aller Selbstdarstellung, schließlich geht es hier nicht um das individuelle Schicksal des Menschensohns am Kreuz, sondern um das Mysterium der Passion, und balancieren sich in höchster Ensemble-Kunst so subtil aus, dass sie den Kosmos, den der von Edward Caswell präparierte Rundfunkchor in ihrem Rücken entfaltet, im Kleinen widerspiegeln: Höchste Gesangskunst in jeder Dimension – vom Orchester um Konzertmeisterin Waltraut Wächter beinahe auf Augenhöhe getragen.

Dass beim Funk die Bläser die etwas glanzlosen Streicher ein wenig abgehängt haben, zeigt sich bereits im ersten Teil, der auf orchestrale Überrumpelung setzt: In Steven Stuckys Bearbeitung von Purcells Trauermusik für Queen Mary bleiben die Bläser ohnehin weitgehend unter sich, nur Klavier, Harfe und Schlagwerk grundieren diese Trauerfanfaren mit denen Holz- und Blechbläser ins Mark fahren. Und in Andrzej Panufniks (1914–1991) Dritter, seiner Sinfonia sacra, werden sie in der dritten Vision dynamisch abgehängt vom enthemmten Blech.

Das schadet dieser wirkungsmächtigen Al-fresco-Sinfonik aber kaum, die Francis da, von vier gellenden Signal-Trompeten in die Mangel genommen, gekonnt aus dem vollen Block modelliert. Ein fabelhafter junger Dirigent, der mit stilsicherem Geschmack und wasserdichtem Handwerk eindrucksvoll zeigt, welches Potenzial im MDR-Orchester steckt. Hoffentlich kommt er bald mal wieder.

Das Konzert ist eine Woche lang nachzuhören unter www.mdr-kultur.de nachzuhören

Von Peter Korfmacher

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