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Abgeklärter Melancholiker: Ewiger Geheimtipp Digger Barnes im Schauspiel

Konzert Abgeklärter Melancholiker: Ewiger Geheimtipp Digger Barnes im Schauspiel

Melancholisch unterkühlte Dauerreise durchs Leben und über Highways: Digger Barnes besucht mit seiner „The Diamond Road Show“ am Freitag das Schauspiel Leipzig.

Digger Barnes und Band vor zweieinhalb Jahren im Leipziger Schauspiel.

Quelle: Rolf Arnold

Leipzig. Es ist der wahrscheinlich meiststrapazierte Topos der nordamerikanischen Musik: das Unterwegssein, der Highway, „on the road again“. Unzählige Male zum Hit geworden, als Gleichnis für die Entwicklung und „es muss immer weitergehen“ – aber oft genug auch als Eins-zu-eins-Beschreibung des Künstlerdaseins im wahnsinnig großen
. In Deutschland allerdings, das immer noch eine Truck-Stop- und Boss-Hoss-verseuchte Diaspora für jeden ist, der ernsthaft mit Schnauzbart, Banjo und Pedal Steel Guitar hantiert. Irre viele Shows hat er schon absolviert, feine Alben abgeliefert, dem musikalischen Outlaw-Status ist er indes nie entkommen.

Ein immerwährender Geheimtipp ist seine „The Diamond Road Show“, mit der er am Freitag nach zweieinhalb Jahren mal wieder im Leipziger Schauspiel gastiert. Mit den antipoden Klischees von Country hat sie wenig gemein. Weder mit dem pathostriefenden Glamour-Nashville-Gestus, für den man in den vielen schlimmen Momenten ganz Amerika hassen möchte, noch mit den alkohol- und heroindurchschossenen Depressiva-Songs, die parallel dazu einen Großteil der Faszination für das Americana der Mobile Homes und Truckercaps ausmachen. Digger Barnes jedoch ist Hamburger und wahrscheinlich schon deshalb jeder übergroßen Expressivität unverdächtig. Er ist ein geradezu gemäßigter, abgeklärter Melancholiker, nicht mehr als einer von vielen hart arbeitenden Musikern im riesigen Americana-Weinberg. Einer allerdings, der ein ganz besonderes Händchen nicht nur für Songs selbst hat, sondern auch dafür, wie man sie in Szene setzt.

Das Kopfkino wird mit einer sehr eigenen Ästhetik befeuert

„The Diamond Road Show“ zeigt das auf ganz selbstverständliche, fast schon wieder hamburgisch unterkühlte Art. Eine unaufgeregte Band spielt vor der Leinwand mit den Filmen des langjährigen Barnes-Kompagnon Pencil Quincy. Der Maler und Trickfilmer fügt den in sich schon schlüssigen, ganz Country-gemäß eher simpel gehaltenen Geschichten des Songwriters eine weitere Ebene hinzu, die – und das ist der Trick – das Kopfkino zur Musik nicht ersetzt, sondern mit einer sehr eigenen Ästhetik befeuert. Gut aufgehoben ist das im Schauspiel mit seinen gemütlichen, weichen Sesseln, versteht sich. Die Regel ist der geradezu luxuriöse Standard nicht. Schon gar nicht im deutschen Country, und ganz sicher nicht für Digger Barnes. Der bespielt buchstäblich alles, wo man eine Band einstöpseln und eine Leinwand aufhängen kann, vom Eisenbahnwaggon bis zum Flugzeughangar, von der Friedhofskapelle bis zum – und das ist dann auch schon wieder ein bisschen Szene-urdeutsch – besetzten Haus.

Im Frühjahr hat Digger Barnes sein neues, viertes Album veröffentlicht. Und auch, wenn in einer ganzen Dekade des Schaffens das On-the-road-Sein eine stete Komponente war – „Near Exit 27“ ist da nochmal ganz explizit, wechselt mühelos die Unterwegs-Perspektiven. Vom fatalistisch durchhauchten „Travelin’ Man“ zum poetisch zarten „Way Too Long“, der Geschichte des – klar – Scheiterns einer Beziehung. Vom vergleichsweise beschwingt losgaloppierenden, immergültigen „You Can’t Run From The Devil“ zu „Homeward Bound“, das eine ganz besonders eindringliche Visitenkarte des Digger-Barnes-Kosmos ist; mit seinem prägnanten Bluegrass-Banjo, dem Mantra-artigen – fast schon – Textfragment und dem metaphysisch schwebenden Sound des knapp hundert Jahre alten Synthesizer-Vorläufers Ondes Martenot.

Natürlich ist der Ausklang des Albums versöhnlich: „I wanna shine shine shine like a diamond, shine like a peace of gold. But for now I’m just an old chunk of coal.“ Das ist eine Verbeugung vor einem kleinen Klassiker des Country, geschrieben vom knorrigen Althelden Billy Joe Shaver in den frühen Achtzigern, als es ihm gerade wirklich dreckig ging. Country an sich hatte damals keine gute Zeit, an „Americana“ war noch nicht zu denken, und sogar Johnny Cash – auch der hat „I’m Just An Old Chunk Of Coal“ gecovert – war musikalisch ganz unten. 30 Jahre später sind wir mit Country mehr als versöhnt. Und mit Johnny Cash glücklich. Und hören Digger Barnes.

Digger Barnes und Pencil Quincy: „The Diamond Road Show“, Freitag, 20 Uhr, Schauspiel Leipzig (Bosestraße 1), Vorverkauf 21 Euro

Von Jörg Augsburg

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