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Abgründe in der Dorfschänke

Carl Maria von Webers „Freischütz“ feiert Premiere an der Oper Leipzig Abgründe in der Dorfschänke

Psychologisch genau und dramaturgisch klug gearbeitet: Christian von Götz inszeniert, Christoph Gedschold dirigiert Carl Maria von Webers „Freischütz“ an der Oper Leipzig.

Dramatische Verlobungsfeier mit Totem.

Quelle: leipzig report

Leipzig. Keine Schlucht nirgends. Schon gar kein Wolf. Auch kein Baum – jedenfalls kein lebendiger. Und doch bleiben Regisseur Christian von Götz und sein Bühnenbildner Dieter Richter der Wolfsschlucht nichts schuldig. Sie verlängern die Schrecken des Ersten Weltkriegs, nach dessen Ende von Götz und Jessica Karge (Kostüme) Webers nach dem 30-jährigen Krieg spielenden„Freischütz“ ansiedeln, in die Dorfschänke. Dort, wo bei Wein, Weib und Gesang Verdrängung noch am besten funktioniert, schweben, wenn es dunkel wird und der Nebel wabert, Tische und Stühle, schlingen Baumleichen ihre Wurzeln um die Gebeine Gefallener. Dort brechen Ängste und Traumata hervor, lebt der Alb der Vergangenheit fort. Wir sehen es deutlich am Schluss: Da wendet sich die Festgesellschaft bereits wieder ihrer schönen heilen Scheinwelt zu, während Max, der Förster-Geselle, der sich mit dem Bösen einließ, um Braut und Amt zu gewinnen, den Dolch aufnimmt, den Kaspar, sein finsterer Rivale, von Samiel empfing. Das Böse hat einen neuen Sachwalter, das Verderben geht in eine neue Runde.

Ein Happy End sieht anders aus. Von Götz zeichnet das psychologisch genau und dramaturgisch intelligent nach. Und weil er im Gegensatz zu Guy Joosten, der 2003 in Leipzig in Puff und Kühlhaus sexuelle Obsessionen ins Zentrum des Interesses rückte, seine Deutung dennoch eng an der Vorlage entwickelt, folgt ihm auch das Publikum bereitwillig in die Abgründe des Unbewussten. Dort braucht er für den Samiel keinen gehörnten Bockfüßigen. Er lässt Verena Hierholzer die Inkarnation des Bösen nach eigener Choreographie das Verstörende dieser dunklen Macht eher beiläufig entwickeln. Und doch bleibt in keinem Moment offen, wer in dieser Versuchsanordnung die Strippen zieht.

Dieser Ansatz verlangt den Sängern darstellerisch einiges ab, und wenn die liefern, entwickelt dieser „Freischütz“ unbändige Kraft. Zum Beispiel dann, wenn Tuomas Pursio als Kaspar Max ins Netz seiner Intrige spinnt, dunkle Mächte beschwört oder ein letztes Mal sein Glück bei Agathe versucht. Ein großer Darsteller, der ungeheuer präsent hinter der Rolle verschwindet, die er auslebt. Was auch für Magdalena Hinterdobler als Ännchen gilt. Sie spürt in dieser oft als naives Sonnenscheinchen über die Bühne irrlichternden Rolle Abgründe auf, unerfüllte Träume und Sehnsüchte – und spielt damit ihre Cousine Agathe ebenso an die Wand wie Pursio den Max. Denn ausgerechnet diese beiden, Gal James als Agathe und Thomas Mohr als Max, bleiben farblos, wo die Handlung sich nach innen kehrt. Wie um davon abzulenken, setzt von Götz dann die Drehbühne in Bewegung, die auf der einen Seite die Schänke zeigt und auf der anderen Agathes pompöses Jugendstil-Schlafzimmer.

Dass Max und Agathe nicht in die Gänge kommen, liegt erstens daran, dass beide eher einstudierte Posen vorführen, als Charaktere zu zeichnen, und sie zweitens, das teilen sie mit vielen Akteuren in nicht nur in diesem „Freischütz“, ihre Dialoge im teigigen Sänger-Sprech aufsagen. Lange allerdings stört dies meist nicht, weil ja nach jedem Dialog wieder Musik wartet. Gal James entschädigt dann mit den Samt-Farben ihres Soprans, der dem Text nicht allzu viel Bedeutung beimisst, aber direkt in die Seele zielt. So zart, so verletzlich, so schön ist „Leise, leise“ nicht oft zu hören. Hinterdoblers Ännchen bleibt der Cousine nichts schuldig, lässt die Koloraturen elegant strahlen und hält sie durchlässig für die Regungen im unsicher pochenden Mädchen-Herzen. Pursio kann ohnehin so ziemlich alles singen, spitzt seinen Kaspar kraftvoll zu, ohne die Schönheit der Musik auf dem Altar des Ausdrucks zu opfern. Ausgerechnet der weltweit gefragte Thomas Mohr bleibt indes auch stimmlich hinter den hohen Erwartungen zurück. Hell ist sein Tenor, höhensicher, metallisch und ungefährdet. Aber wenn Zwischentöne gefragt sind, bleibt er die Farben schuldig. Eigentlich klingt er immer gleich – und auch nicht immer sauber.

Ansonsten ist dieser „Freischütz“ exzellent (Jonathan Michie als Ottokar, Rúni Brattaberg als Eremit, Patrick Vogel als Kilian) bis akzeptabel besetzt – und glänzt mit druck- und machtvollen Chor-Tableaus. Die hat von Götz szenisch gewitzt belebt, Alexander Stessin sicher einstudiert – und setzen damit einen ersten Glanzpunkt im Jubiläumsjahr dieses Ensembles. Denn noch im März feiert der Chor der Oper Leipzig 200. Geburststag. Den fabelhaften Sängerinnen und Sängern gehen im Feuereifer des Gefechts auch schon mal die Pferde durch: Nicht nur der Jägerchor wird dann schneller als die Polizei erlaubt, respektive Christoph Gedschold am Pult es vorsieht. Doch der bringt die Chose schnell zurück in die Spur – und macht überhaupt bei seiner ersten großen Eigenproduktion am Augustusplatz einen erstklassigen Job.

Die „Freischütz“-Partitur ist nicht leicht zum Klingen zu bringen, weil sie zwischen den Epochen klemmt: Strukturell noch Mozart verpflichtet, weist sie in ihrer dramastischen Verdichtung weit in eine Musiktheater-Romantik, der mit philharmonischer Üppigkeit nicht beizukommen ist. Also hält Gedschold den Klang des Gewandhausorchesters bei aller Wärme schlank und drahtig. Gekonnt lässt er die Perioden klassisch federn – und lenkt damit um so mehr Aufmerksamkeit auf das Unerhörte, mit dem Weber Harmonik und Instrumentation auflud. Dabei trägt er mit präzisem Schlag die Sänger ebenso sicher auf Händen wie die herrlichen Soli im Graben. Folgerichtig ist der Jubel fürs Gewandhausorchester besonders groß – aber eigentlich werden alle Beteiligten reich beschenkt. Pursio, James, Hinterdobler, auch Mohr, der Chor und nicht zuletzt das Inszenierungsteam noch ein wenig reicher.

Vorstellungen: 18. März, 30. April, 10. Juni; Karten (15–73 Euro) gibt’s unter anderem in allen LVZ-Geschäftsstellen, über die gebührenfreie Tickethotline 0800 2181050 und auf www.lvz-ticket.de, unter Tel. 0341 1261261 oder an der Opernkasse.

 

Von Peter Korfmacher

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