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„Abschalten" – Martin Suters Geschichten aus der Business Class sind bestürzend komisch

„Abschalten" – Martin Suters Geschichten aus der Business Class sind bestürzend komisch

„Hitze ist ja nicht nur eine Wetterlage. Hitze ist vor allem ein Lebensgefühl." An Tagen wie diesem spürt Schöneberger seinen Körper. Und er will raus. Nicht gleich aus der Haut, das nicht, aber aus der Zugeknöpftheit seines Business-Anzugs.

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Quelle: dpa Verlag

Leipzig. Als er sich nach Tagen heimlicher Anprobe endlich traut, in beigen Shorts und rosa Lacoste-Shirt ins Büro zu gehen, wird ihm dieser Spaß in letzter Minute doch noch verdorben ...

Es sind die kleinen Ausbruchsversuche in einer Welt, in der Martin Suter sich auskennt. Der Autor von „Small World", „Lila, Lila", „Der Teufel von Mailand", „Der Koch" oder zuletzt den Allmen-Krimis war früher Creative Director einer Werbeagentur, hat selbst eine gegründet und war Präsident des Art Directors Club der Schweiz. Seine Kolumnen-Reihe „Geschichten aus der Business-Class" begeistern nicht nur Zeitungs-Leser, sondern auch die Stiftung Marktwirtschaft, die Suter 2010 den Swift-Preis für Wirtschaftssatire verliehen hat.

Regelmäßig sind die Kolumnen zudem in Buchform erschienen, eine Auswahl daraus liegt jetzt unter dem Ferien-Titel „Abschalten" im Diogenes Verlag vor, 13 der kurzen Texte von zwei bis drei Seiten zum ersten Mal. Hitzeopfer Schöneberger gehört dazu. Oder Nievergelt, der im Urlaub für zwei Strandliegen so viel ausgibt wie am Anfang seiner Karriere für ein Doppelzimmer mit Balkon. „Ich hätte auf dem Engadin bestehen sollen", denkt Nievergelt aus wiederholt gegebenen Anlässen. Hat er aber nicht, und darum muss er nun am Strand einen optischen Kontrast zu seiner 15 Jahre jüngeren zweiten Frau bilden und sich vor allen blamieren. „Fehlentscheid auf Führungsebene" heißt diese Geschichte und zeigt das Dilemma zwischen Tragik und Komik, Selbstverschulden eingeschlossen.

Ein bisschen Mitleid haben sie schon verdient, diese Männer, die den Stress brauchen, unter dem sie leiden, und die Sätze denken wie: „Leute, die pünktlich bei der Arbeit sind, sind nicht ausgelastet." Männer, die beim Abschlaffen von Bauchmuskeln träumen, Männer, die sich vor dem Familienurlaub drücken, was der Familie allerdings sehr recht ist.

Mehr noch als Männer sind es Manager. Richtig abzuschalten können sie sich gar nicht leisten, weil das aufs Selbstvertrauen schlägt. „Und es kann ja nicht der Sinn von Ferien sein, dass der Manager mit angeschlagenem Selbstbewusstsein aus ihnen zurückkehrt." Also werden sie erfinderisch bis betrügerisch, die gemeinsamen Familien-Wochen zu vermeiden.

Denn große Gefahren lauern außerhalb der Firma, die größten aber in der Ehe, wo Hierarchien anders verteilt sind, Lächerlichkeiten lächerlich genannt werden. Ganz schlimm wird es, wenn die Firma „Quality Time" mit der Familie befiehlt und so minderjährige Familienangehörige gezwungen werden, mit den ihnen im Grunde fremden Vätern im Nieselregen Badminton zu spielen. Oder wenn der Gatte nach einer Beförderung plötzlich schon abends um sechs in der Küche steht statt um zehn, überdies das Kochen für sich entdeckt und sonntags Ausflüge machen will.

All diese Schauer-Satiren erlauben als leicht verdauliche Lektüre zum Abschalten entweder Einblicke in eine fremde Welt, die doch nur eine Variante der vertrauten ist. Oder umgekehrt. Dass die Stiftung Marktwirtschaft bei der Verleihung ihres Swift-Preises an Suter „einen originären Anstoß zur Festigung und Weiterentwicklung der freiheitlichen, auf Markt und Menschenwürde gestützten Gesellschaftsordnung" würdigt,zeugt von Humor. Denn bei aller satirischen Zuspitzung bleibt doch ein Gefühl, hier über Typen zu lachen, die besser keine Verantwortung tragen sollten.

Ende August erscheint im Diogenes Verlag Martin Suters neuer Roman „Die Zeit, die Zeit" (298 Seiten, 21,90 Euro)

Janina Fleischer

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