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Abschied von Bimbo Town - Nachruf auf Kunststadt

Leipziger Spinnerei Abschied von Bimbo Town - Nachruf auf Kunststadt

Am Donnerstag und Samstag stieg in Jim Whitings Bimbo Town das „Grande Finale“: Performer Carnival of Hellucinations, Comedian Otto Kuhnle, die Bands Budzillus und Dirty Honkers und andere waren Acts der Finissage in Halle 7 der Spinnerei, in die bald das Naturkundemuseum, Lofft und Leipziger Tanztheater ziehen. Ein Nachruf.

Comedy zum Abschied: der Brite Andrew Bailey in Bimbo Town.
 

Quelle: Kempner

Leipzig. Eine hungrige Sitzgelegenheit, durch die Luft fliegende Jacken, schräge Shows – das waren die Merkmale der Bimbo Town, die Aktionskünstler James „Jim“ Whiting in Leipzig aufgebaut hat. Am Donnerstag und Samstag feierte man den endgültigen Abschied mit einer Doppel-Finissage. Beim „Grande Finale" traten unter anderem die Performer Carnival of Hellucinations, Comedian Otto Kuhnle, die Bands Budzillus und Dirty Honkers auf. In die Halle sollen bald das Naturkundemuseum, Lofft und Leipziger Tanztheater einziehen. Ein Nachruf auf ein Areal mit einzigartiger Kunst.

Whiting, 1951 geboren in Paris, aufgewachsen in London, studierte zunächst Elektrotechnik und anschließend Kunst. Schon in den 1980ern und war er eine veritable Nummer auf dem Kunstmarkt. Seine „Unnatural Bodies“ erregten großes Aufsehen, schmückten Videos von Künstlern, unter anderen Herbie Hancocks Hit „Rockit“. Die erste Version seines Theaters aus Maschinen baute er in Basel auf. Doch dann brach er die Brücken hinter sich ab und zog in die verlockende Terra incognita hinter der frisch eingestürzten Mauer. Hier fand er überreichlich, was er für seine Ideen suchte: Verwirklichungsräume in großen, leeren Hallen sowie verlockende Mengen Altmöbel und Schrott aller Art in wachsenden Brachen aus leeren Industrie- und Wohnarealen.

Es hat sich ausgefeiert im Bimbotown. Mit einer Finisage ging das wohl ungewöhnlichste Partykonzept Leipzig zu Ende. (Bilder: André Kempner)

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1995 begann er, auf dem Gelände der Agra in Markkleeberg zu schrauben. Ohne größere Werbung wurde die begeh- und erlebbare Großinstallation schnell zur kleinen Sensation. Unvergessen die Anfangstage, als das Konzept noch neu und die Gags nicht bekannt waren. Die weit aufgerissenen Augen und entsetzten Schreie, als die Gäste von den Barhockern, Sesseln und Sofas, auf denen sie eben Platz genommen worden, in die Höhe gehoben und teilweise heftig geschüttelt wurden. Die menschenfressende Couch, deren Lehne plötzlich ein dunkles Loch freigab, das die fassungslosen Nutzer nach dem Hochklappen der Sitzfläche komplett verschlang: der Klassiker. Ebenso legendär die rollenden Betten, auf denen sich Gäste entspannt rekeln, während sie an kaum sichtbaren Kettensystemen durch die Halle gezogen werden. Ganz frei unterwegs sind das Wohnzimmer, die Sitzgarnitur und sogar ein kleines Kirchlein, die voll besetzt als Inseln im Raum umherfahren. Woanders folgten Torsi aus Hemden, Mänteln oder Hosen druckluft-gespeisten Choreographien, andere fuhren mit weit ausgebreiteten Armen nach anfangs schwer zu erkennendem System durch den Raum, an der Bar teilte eine Puppe unvermittelt Schläge mit der Handtasche aus.

Die Besucher mussten immer schon sehr aufmerksam durch die magisch-mobilen Zauberwelten des Jim Whiting gehen. Aber das taten sie ohnehin, es gab einfach zu viel zu entdecken. Auch filigrane bewegliche Maschinenkunst, die hinter Gittern zu Bestaunen war, dreidimensionale Bilder über den Bars, schließlich war sogar die große Bar selbst, gemauert aus Flaschenböden, ein Kunstwerk für sich. Und wenn sich eine Dame ein Herz gefasst und in einer der schaumgefüllten Wannen des Bimbo-Bades hinter Glasscheiben Platz genommen hatte, wurde es auch schon mal erotisch.

Kein Kommerz und keine "Kunst"

Zwei Dinge mag der medienscheue Jim Whiting nicht: Erstens die ehrfürchtige Erhebung seiner Installationen zu großer Kunst – obwohl sie natürlich genau das sind. Zweitens jeden Anflug von Kommerzialisierung des Bimbo Town. Es hat nicht wenige Versuche gegeben, ihm die Verwandlung der Halle in eine Partylocation mit schickem Schrottappeal, teurer Gastronomie und Vermietpotenzial für Firmenfeiern schmackhaft zu machen. Doch da blieb er stur. Der Eintritt bei den Partys ging für die abgedrehten Bühnen-Shows drauf, die er sich und den Besuchern gönnte. Hier wählte er mit Hang zu skurrilem Performance-Klamauk sehr sorgsam aus und holte seine Gäste von weit her – auch an den beiden Abenden der Finissage, die am Donnerstag und Samstag vergangener Woche das Ende der Bimbo-Town-Story in Leipzig markierten.

Der Agra war am Fockeberg zunächst ein verlockenderes, weil größeres Areal gefolgt. Hier gab es allerdings schnell Probleme mit Anwohnern, die schließlich zum ersten Ende des Gesamtprojekts führten. Auf dem Gelände der Baumwollspinnerei wurde 2004 in der Halle 7 eine neue Heimat gefunden. Das ließ sich zu nächst ganz gut an. Doch die größer werdenden Events mit Massenandrang riefen schließlich die Bauordnungsbehörden auf dem Plan. Und da war einiges im Argen. Bald gab es nur noch Ausnahmegenehmigungen für wenige Veranstaltungen im Jahr.

Das Ringen um die Zukunft des Bimbo Town ist deutlich älter als die Pläne der Stadt zur Sanierung der Halle für ein neues Naturkundemuseum. Es gibt ein großes Unterstützerteam, die Stadt war aktiv einbezogen. Einige Standorte wurden geprüft, zeitweise schienen Lösungen nah, um am Ende doch zu scheitern. Jim Whiting ist Mitte 60, eine Übergangslösung auf unbestimmte Zeit will er nicht mehr. So wird er sein Bimbo Town in Leipzig erst mal einpacken; laut Friedemann Jetter der zu seinem Team gehörte, wird es sie nie wieder geben. Wir hatten sie, immerhin 20 Jahre.

Von Lars Schmidt

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