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Abschied von Schlingensief: Erinnerung an einen Freund

Abschied von Schlingensief: Erinnerung an einen Freund

Ich werde nie den Vormittag im Mai 2003 vergessen, als mir Christoph Schlingensief in einem Café im Prenzlauer Berg unweit seiner damaligen Wohnung am Mauerpark etwas erzählte, was mich beruflich elektrisierte.

Berlin. Kurz zuvor hatte er sich mit Wolfgang Wagner, dessen Frau Gudrun und deren Tochter Katharina (heute Leiterin der Bayreuther Festspiele, zusammen mit ihrer Halbschwester Eva Wagner-Pasquier) in Berlin getroffen, die ausgerechnet ihm, dem „Bühnenschreck“ und „enfant terrible“ der deutschen Theaterszene, die nächste „Parsifal“-Inszenierung in Bayreuth 2004 anboten.

Als es am 5. Juli 2003 vom Grünen Hügel in Bayreuth auch offiziell verkündet wurde, schrieb Christoph von der Kunstbiennale in Venedig:

„Komischer Tag. Möllemann stirbt, ich gehe nach Bayreuth - Erlösung dem Erlöser. Stell dir vor, ich mache es! Und hier in Venedig wurde soeben meine „Kirche der Angst“ mit einem Dach versehen - es gibt Ereignisse, die passen alle zusammen.“

Später wird er sagen, er habe sich in Bayreuth den Krebs geholt. „Ich habe in Bayreuth und mit Parsifal mit Dingen Kontakt aufgenommen, die entsprechen nicht meinem Naturell, da habe ich mich verrannt.“ Aber seine Inszenierung hat den „heiligen Gral“ auf dem Grünen Hügel verändert. „Bayreuth hat mich berührt, und ich habe Bayreuth berührt, da ist ein Funke übergesprungen“, sagt er mir in einem dpa-Gespräch.

Seine Inszenierung mit einem verwesenden Hasen auf einer Großleinwand als Schlussbild zu den letzten „Parsifal“-Klängen war heiß umstritten und schon bei den Proben flogen die Fetzen. „Wo ist denn die (Karfreitags-)Aue?“ rief Wolfgang Wagner erregt dazwischen. Auf dem Höhepunkt der Auseinandersetzungen zog sich Christoph mitten in den Endproben sogar in eine Klinik zurück und verkehrte nur noch über Anwälte mit der Festspielleitung.

Die Abschiedsvorstellung im August 2007 geriet aber schließlich zum Triumph. Christoph konnte sein Glück kaum fassen, plötzlich zum Sonnyboy auch des Feuilletons geworden zu sein, das ihn bislang eher kritisch begleitet hatte - und jetzt wird er zur „Lichtgestalt unter all den Energiesparlampen“.

Ein halbes Jahr später der Schock. Christoph plagte im Dezember 2007 ein hartnäckiger Husten, dennoch flog er zum Jahreswechsel wie geplant nach Nepal. Und ist tief beeindruckt von den dortigen Ritualen, die er auch filmt für mögliche neue Inszenierungsprojekte. „Heute den ganzen Tag an einem Fluss verbracht, wo die Leute verbrannt werden, auf Scheiterhaufen“, schreibt er. „Ein unglaubliches Erlebnis, im Nebel der Verbrennenden zu stehen, gar nicht so grauenhaft wie man denkt. Vielmehr die Wahrheit.“

Nach der Rückkehr im Januar: „Bin zurück und in großer Angst. Die Ärzte haben einen drei Zentimeter dicken Knubbel in meiner linken Lunge entdeckt... Drück die Daumen bitte. Ich glaube nächste Woche geht der Daumen hoch oder runter.“

Ende Januar 2008 wurde er schließlich operiert. In einem Telefongespräch unmittelbar davor bedankte er sich nochmal ausdrücklich für die vielen Freundschafts- und Sympathiebekundungen von allen Seiten, „von meinen Freunden, meiner Armee“, was ihm sehr geholfen habe. Am 3. Februar, mitten in der Berlinale, die ihn für die Jury gewinnen wollte (ein Jahr später sollte es dann dazu kommen, zusammen mit seiner früheren Weggefährtin Tilda Swinton), besuche ich ihn am Krankenbett. Auch Patti Smith kommt in die Klinik.

Er hing noch an den Schläuchen. Viel sprechen konnte er noch nicht, nur soviel: „Ich denke natürlich viel nach. Aber ich frage nicht dauernd „warum ich?“.“ Er spricht über seine nächsten Pläne, die „Jeanne d’Arc“-Inszenierung an der Deutschen Oper Berlin und seine „Operngeisterbahn“ in Sao Paulo. Er ist wieder voller Ideen - und hat auch eine Bitte an den Kulturjournalisten: „Könnt ihr nicht mal auf das Etikett „Theaterprovokateur“ verzichten? Ich bin Regisseur!“

Am 1. August 2009 sind wir im kleinen Kreis bei seiner Hochzeit mit seiner langjährigen künstlerischen Mitarbeiterin Aino Laberenz (heute 29) auf dem idyllisch gelegenen Schloss Hoppenrade bei Meseberg in Brandenburg. Es geht privat und beruflich wieder aufwärts, aber der Krebs meldet sich wieder zurück.

Am ersten Hochzeitstag im August 2010 kommt seine letzte SMS: „Es waren superharte Wochen, kann ich kaum beschreiben...Aber heute ist ein schöner Tag, denn vor einem Jahr, da waren wir doch alle in Hoppenrade. Und das war eine gute Entscheidung! Ohne Aino wäre ich die letzten Wochen sicher verschwunden. Und nun trainiere ich für einen Aufstieg. Wird zwar noch sehr spannend, was die nächsten Wochen gesundheitlich bringen. Drück uns die Daumen bitte! Alles kaum zu fassen, geschweige denn auszuhalten. Das waren Schmerzen... Ich versteh’s nicht. Kann man auch nicht. Nach einem Sinn suchen? Wenn das jetzt wieder was wird, dann mache ich mehr als drei Kreuzzeichen.“

Wilfried Mommert, dpa

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