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Achterbahn mit Handbremse: "Kasimir und Karoline" im Theater der Jungen Welt

Achterbahn mit Handbremse: "Kasimir und Karoline" im Theater der Jungen Welt

18 Figuren, verkörpert von 10 Schauspielern, eine rotierende Bühne und viele bunte Lichter: Für seine Inszenierung von Ödön von Horváths Volksstück "Kasimir und Karoline" fährt Jürgen Zielinski am Donnerstagabend wesentlich mehr auf als zwei Leipziger Regisseure, die sich im vorigen Sommer denselben Stoff vorknöpften.

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Sie will nur spielen: Anna-Lena Zühlke als Karoline. Erna (Elisabeth Fues) hält dafür mit zwei Oktoberfest-Utensilien in Händen - Teddybär und Eis am Stiel.

Quelle: Tom SchulzeTdJW

Christian Hanisch und Elisa Jentsch hatten drei Darsteller und den dreckigen Feinkosthof. Ihre Horváth-Version war trotzdem mitreißender als die im Theater der Jungen Welt.

Als "eine Ballade voll stiller Trauer, gemildert durch Humor" wollte Horváth sein Stück aus dem Jahr 1932 verstanden wissen. Zielinski liest "Kasimir und Karoline" offenbar genauso. Die schrillen Momente nehmen bei ihm trotz der teilweise grellen Kostüme seiner Figuren nicht überhand. Es wird gesoffen, gebrüllt, geflucht und geschimpft - aber eben nicht über das gewohnte Oktoberfest-Maß hinaus.

Anders als bei Hanisch und Jentsch, die das bierzelttypische Gebaren in ihrer Inszenierung bis zum Exzess persiflierten: ein Schuhplattler mit dem Kopf nach unten, die Rivalen Kasimir (damals Philipp Nerlich) und Schürzinger (Alexander Fabisch) beim Fingerhakeln und ein deftiges "Prost, Arschloch!". Das perfekte Hintergrundrauschen zu einer Liebesgeschichte, in deren Verlauf jegliche Ideale abhanden kommen.

Kasimir wurde gefeuert, seine Verlobte Karoline will sich trotzdem ins Vergnügen stürzen. Auf dem Oktoberfest findet sie die Ablenkung vom langweiligen Bürojob, nach der Kasimir gerade nicht sucht. "Ich bin ein anständiger Mensch", sagt er über sich selbst. Der Anstand wird auch ihm unter dem Einfluss der immer aggressiver werdenden Atmosphäre verloren gehen. Am Ende steht er Schmiere bei einem Auto-Einbruch. Sein Freund wird verhaftet, dessen Freundin hängt sich kurz darauf an Kasimir. Der hat nichts dagegen: Karoline ist weg, geflohen in die Arme eines reichen Ekels.

"Und die Liebe höret nimmer auf", stellte Horváth seinem Stück als Motto voraus. Er meinte wohl eher die Suche nach Liebe. Daneben steckt "Kasimir und Karoline" voller Sozialkritik, die auch 80 Jahre nach der Uraufführung im Leipziger Schauspielhaus noch wehtut. Was wird aus Beziehungen, wenn alle nach dem Prinzip der Ökonomie handeln? Was wird aus Menschen, die immer nur leisten sollen?

An der Figur der Karoline, und hier ist Zielinskis Inszenierung stark, lässt sich das exemplarisch nachvollziehen. Sie möchte eigentlich nur das, was alle wollen: ein bisschen Spaß haben und irgendwann die nächste gesellschaftliche Stufe erreichen. Wenn Anna-Lena Zühlke auf dem Schaukelpferd lasziv die Beine in die Höhe streckt oder vor Freude kreischend Achterbahn fährt, dann holt sie nur das nach, was ihr im Alltag versagt bleibt: mal nicht funktionieren zu müssen.

Neben der starken Zühlke bleiben Sven Reese als Kasimir und Martin Klemm als Schürzinger ein wenig blass. Ihre Aktionen beschränken sich meistens auf das Aufsagen von Text. Matthias Walter als hitziger Franz Merkl hat definitiv die dankbarere Rolle abbekommen. Seine Figur bleibt trotz all ihrer Rohheit immer doppelbödig. Das gelackte Rockabilly-Outfit aus Haartolle und Cowboystiefeln passt ideal zur Pose des nicht unsympathischen Checkers, die Walter hier mit Lust ausfüllt.

Mehr von diesem Mut zur überzogenen Figurenzeichnung, dafür weniger als die 100 Minuten Spieldauer: Zielinskis "Kasimir und Karoline" hätte beides gut vertragen können. Horváths episodenhafte Handlung schreit nach mehr Konzentration und Zuspitzung. Ein aufwendiges Bühnen- und Kostümbild (Fabian Gold) kann davon nicht ablenken.

"Kasimir und Karoline", weitere Vorstellungen: Dienstag, 10 Uhr, 17. April, 19.30 Uhr, 18. April, 11 Uhr, im Theater der Jungen Welt (Lindenauer Markt 21), Karten für 9/5 Euro: 03414866016, www.tdjw.de.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 09.03.2013

Verena Lutter

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