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Adolf Südknecht zeigt mit „Kampf der Welten“ reduziertes Hörspieltheater

Premiere im Horns Erben Adolf Südknecht zeigt mit „Kampf der Welten“ reduziertes Hörspieltheater

Nur die Köpfe von vier Schauspielern sind zu sehen in „Kampf der Welten“. So entsteht ein von Mimik angereichertes Hörspieltheater mit live eingespielten Sounds. Das formal spannende Theaterprojekt schickt den fiktiven Kneipier Adolf Südknecht auf eine Alptraum-Reise – und spiegelt historische und aktuelle populistische Rhetorik.

Claudius Bruns, Elena Lorenzon, Armin Zarbock und August Geyler (v.l.) zeigen „Kampf der Welten“.

Quelle: Wolfgang Zeyen

Leipzig. Der Zeppelin schwebt silbern glänzend über dem Völkerschlachtdenkmal. Die Masse wartet gebannt auf die Botschaft des Heilsbringers im Luftschiff. Es ist Adolf Südknecht, Leipziger Wirt und Spirituosen-Brenner, der – vom Himmel herab gestiegen – Schnaps predigt. Im Traum ist alles möglich. Im Theater ebenso. In „Kampf der Welten“ findet beides zusammen. Am Dienstagabend war Premiere des hörspielartigen Mini-Guckkastentheaters im Horns Erben.

Der fiktive Wirt Adolf Südknecht hat in Leipzig einen gewissen Bekanntheitsgrad erreicht. Seit bald fünf Jahren schlendert das Leben der Familie Südknecht als Improtheater-Soap in monatlichen Fortsetzungen entlang historischer Fakten durch das vergangene Jahrhundert. In der Soap liegt der Zweite Weltkrieg gerade hinter den Südknechts. Auf diesem Punkt der Zeitleiste steigt „Kampf der Welten“, mit Adolf Südknecht (Armin Zarbock) als Fixpunkt des Geschehens, ein. Das Leben ist schwer, Frau Südknecht abgehauen, Sohn Anton (August Geyler) in Gefangenschaft. Und Südknecht teilt das Dach mit dem kauzigen Krause (ebenfalls von Geyler gespielt).

Der erste Spot setzt den Tresen ins Licht. Doch bleibt der leer. Man hört nur den rastlosen Südknecht, der sich hoffnungsvoll an einen Brief seines Sohnes klammert, ehe er einschlummert. Ein Quasi-Prolog als erste Einladung zur Imagination und Wegweiser ins Traumland. Oder besser: Alptraumland.

Die Bühne von Alexander Wachsmuth besteht aus einer schwarzen Wand mit vier Quadraten irgendwo zwischen Peepshow-Fenster und Legehennenkäfig. Die Beleuchtung erhellt wechselnd die vier Gesichter – und nur die Gesichter. Mehr ist von Zarbock, Geyler, Elena Lorenzon (unter anderem in der Rolle von Antons Freundin Ariane) und Claudius Bruns nicht zu sehen. Mimik und Ton sind die Elemente, aus denen sich der Abend zusammensetzt.

Bruns spielt verdeckt auf dem Keyboard die Begleitung zu kurzen, von Lorenzon gesungenen Liedausschnitten. Die Spieler sind mit Sampler, Effektgerät und Theremin beschäftigt, um im Bühnen-Untergrund den Soundtrack der Story zu zaubern.

Die geht sehr knapp gefasst so: Südknecht und Krause verschlägt es an die Front mit ihren Schützengräben, Gewehrsalven, Giftgasangriffen. Parallel wird KPD-Mitglied Anton von den Nazis verfolgt. Das ist mal scheinbar real, mal offenkundig Traumgespinst, etwa in der erwähnte Zeppelin-Szene. Die wiederum gelungen den Handlungsstrang aus dem Südknecht-Universum mit realen Zeitdokumenten verschmilzt. Anstelle Hitlers tritt Südknecht 1939 vor die Massen.

Bruns trägt das in gekonnter Imitation propagandistischer Radio-Berichterstattung jener Zeit mit langsam kippender Stimme vor. Politische Forderungen, von denen nicht klar ist, ob sie aus dem Jahr 1916, 1936 oder 2016 stammen, wirbeln im Lauf des Abends durcheinander. Reale Feldpost spiegelt Südknechts Erlebnisse im Schützengraben. Die Ausschreitungen gegen Asylbewerber in Rostock-Lichtenhagen werden zur Oberfläche für Erlebnisse Antons und Arianes ein halbes Jahrhundert früher. Und wenn Südknecht im Keller über die Ratten spricht, gerät das zur Anspielung auf die Analogien von „Mein Kampf“ bis zu Alexander Gaulands AfD-Entgleisungen. Südknecht: „Wir dürfen uns von kleinen Rattenäuglein nicht erpressen lassen.“

Immer wieder gelingt ein brillantes und mahnendes Verwirrspiel um dem Kontext entrissene Zitate, um die ewig gleiche Rhetorik, die Persistenz von rassistischem Gedankengut und das begierige Schnappen der Massen nach dem Populismus-Wurm an der Angel der Menschenfischer.

Das überzeugt als Grundkonzept in diesem „Hör- und Gesichtstheater“ (Bruns). Das zugleich Zwickmühlentheater ist, weil immer wieder selbst gestellte Dilemma-Situationen zu lösen sind. So gelingt es, die in der Soap gewonnenen Charaktere der Figuren zu erhalten. Doch fügen sich die Figuren nicht immer glücklich in den neuen Kontext ein, etwa wenn der karikaturhafte Krause durch die Monstrosität der Kriegsszenen taumelt.

Bei aller geschickt gesetzten Abwechslung von Dialog, Lied, Brief, Propaganda-Rede, Predigt-Duktus – die spielerischen Varianten sind begrenzt. Die Aufmerksamkeit des Publikums legt sich umso mehr auf das versierte Mienenspiel, das zur Premiere noch manchmal vom Blick auf das Textblatt oder die versteckte Klang-Apparatur abgelenkt scheint.

Letzteres sind Kleinigkeiten, die sich einschleifen werden. Spielraum, die eine oder andere Szene etwas zu raffen, gibt es ebenfalls. Das spielerische Timing funktioniert bereits beachtlich angesichts des schwierigen Arrangements, das den Schauspielern untereinander keinen Blickkontakt erlaubt. Im Mai steht die nächste Aufführung des formal spannenden Theaterprojekts an, das die unheimliche Rhetorik der Gegenwart eindrücklich mit deutscher Geschichte koppelt.

Nächster Termin: Horns Erben (Arndtstr. 33), 9. Mai, 20 Uhr; www.suedknecht.de

Von Dimo Riess

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