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"Aladin und die Wunderlampe" in Leipzig: Der kleine Muck im falschen Märchen

"Aladin und die Wunderlampe" in Leipzig: Der kleine Muck im falschen Märchen

"Aladin und die Wunderlampe" ist ein Märchen aus "1001 Nacht", und Nino Rotas Oper "Aladin und die Wunderlampe" ist eine Märchenoper. Ohne Wenn und Aber, doppelten Boden, erhobenen Zeigefinger.

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Paula Rummel als Prinzessin, Lukas Gosch als kleiner Muck und Jürgen Kurth als saukomischer dicker Sultan.

Quelle: Volkmar Heinz

Leipzig. Sinnlich, üppig, schmeichlerisch, exotisch. Kurzum: Ein Theaterfest für die ganze Familie. Im Falle der Leipziger Inszenierung Jasmin Solfagharis, die am Samstagabend in der anständig besuchten Oper ausführlich bejubelt wurde, liegt der Schwerpunkt auf den jüngeren Familien-Teilen.

Die brauchen ein wenig, bevor sie aus den ersten Bildern, die Solfaghari auf der einschlägige Orient-Reisen bildender Künstler reflektierenden schlichten Bühne Aida-Leonor Guardians entwickelt, hineingezogen werden in die Abenteuer vom liebenswert sorglosen Aladin. Denn vom Text ist auch in der deutschen Übersetzung nicht viel zu verstehen. Doch sobald das Verständnis einrastet, wer da wer ist, der böse Magier mit den Armen fuchtelt, Pyrotechnik ins Spiel kommt, sitzt die Zielgruppe auf der Sesselkante, zweieinhalb Brutto-Stunden lang.

Dabei hilft, dass Solfaghari großen Wert darauf legte, dass es immer was zu sehen gibt. Hier ein besonders schräges Kostüm (Sven Bindseil), dort der apart durchgeknallte Pinguin-Tanz des Kinderchors (Choreographie: Tina Slabon), ein fliegender Teppich, ein Glitzerkamel, die Grotte aus finsteren Fratzen, schließlich gespenstische Schatten-Hampelei des Flaschengeistes. Und wenn nichts mehr hilft, scheucht Solfaghari Lukas Gosch als Defa-Muck, der sich ins falsche Märchen verirrt hat, durchs Bild. Für Langeweile bleibt da keine Zeit.

Ein Märchen ist ein Märchen ist ein Märchen. Da macht "Aladin und die Wunderlampe" keine Ausnahme. Folgerichtig machen die Charaktere keine Entwicklung durch, kommt es darauf an, sie zu treffen. Und das gelingt den Leipziger Darstellern geführt von Solfaghari durch die Bank gut bis ausgezeichnet. Vor allen anderen schließt das Publikum Rodrigo Porras Garulo in der Titelpartie ins Herz, einen grundsympathischen Nichtsnutz, der schwärmerisch auf die Segnungen des Glücks vertraut. Auch sein Gegenspieler Milcho Borovinov macht als Gangsta-Magier und sinistrer Großwesir seine Sache fabelhaft oder Jürgen Kurth, der als Sultan ein urkomisches Kabinett-Stückchen abliefert.

Nino Rota (1911-1979), der Komponist dieses Märchenoper-Exoten, kommt von der Filmmusik. Das hört man in jedem Takt. Man merkt es an der Ökonomie im Umgang mit dem Material, das beinahe samt und sonders in irgendeiner Weise aufs Aladin-Motiv zurückzuführen ist.Diese Technik sorgt für eine einheitliche Farbe, Verdi hätte es "Tinta" genannt, die so subtil wie glänzend instrumentiert ist und dafür sorgt, dass die Musik sich schnell im Ohr festkantet. Schon in der Pause, erst Recht auf dem Heimweg pfeift es und summt, grummelt, brummelt von allen Seiten die Melodien. Kein schlechter Schnitt für die Erstbegegnung mit einer Oper des 20. Jahrhunderts.

Dennoch hat die Musik es mitunter schwer. Denn die Oper Leipzig entschied sich, bei einer Familienoper muss es wohl so sein, für die deutsche Fassung. Aber die Übersetzung Ralph Mundlechners holpert so unsinnlich, unmusikalisch, unelegant, dass sie allen weit gespannten Bögen den Garaus macht. Den Rest besorgt Johannes Pell am Pult des Gewandhausorchesters. Der verwaltet gekonnt die vielen Töne, baut in der Vertikalen mit den Musikern um Konzertmeister Julius Bekesch schöne Klänge, findet leuchtende Farben, orientalische Reflexe, Töne von einer Emotion, wie sie in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wohl wirklich nur einer vom Film finden konnte. Aber in der Horizontalen fehlen seinem recht massiven Musizieren Geschmeidigkeit und Gestaltungswille. Was es den Sängern neben der hüftsteifen Gebrauchslyrik der Übersetzung, doppelt schwer macht, dem Zauber dieser Oper auf den Grund zu gehen.

Die machen ihre Sache dennoch größtenteils fabelhaft. Allen voran Porras Garulo, der die für dieses Genre riesige und vielgestaltige Titelpartie mit geschmeidiger Kraft und augenzwinkernd angeberisch anlegt. So muss ein Aladin singen. Und so abgründig, wie Borovinov sich ihm entgegenstemmt, stellt sich die Zielgruppe auch akustisch den bösen Zauberer vor. Wie Paula Rummel singen wohl im Orient die Prinzessinnen: schön, aber vom vielen Luxus auch ein wenig ermattet. Was sich im dicken Sultan Jürgen Kurths folgerichtig fortsetzt. Ansonsten keine Einwände. Bei Sandra Jankes Mama Aladin so wenig wie bei Bénédicte Hilbert als Dienstmädchen, Sejong Chang als Ring- oder Manuel Helmeke als Flaschengeist. Bei Alessandro Zuppardos Chor, der süffige Exotismen beisteuert, sowieso nicht. Schon gar nicht bei Sophie Bauers Kinderchor, der mit seinen wunderbar weißen Stimmen die Chose rahmt und auch mittendrin immer wieder nicht nur mit höchst erfreulicher stimmlicher, sondern auch durch darstellerische Präsenz begeistert.

Kurzum: Bei allen Fragen, die bei dieser Produktion auf musikalischer Seite ungeklärt bleiben und trotz der vielleicht allzu grimmen Entschiedenheit, mit der Jasmin Solfaghari die Kleinen als Zielgruppe ins Visier nimmt, zeigt Rotas "Aladin und die Wunderlampe" doch eindrucksvoll, dass es auf dem Musiktheater ein Weihnachtsmärchen-Leben jenseits von "Zauberflöte" oder "Hänsel und Gretel" gibt. Als Einstiegsdroge ins Genre ist diese Oper vielleicht sogar besser geeignet, weil sie nicht unschicklich wagnert, sondern über alle stilistischen Grenzen hinweg auf die unmittelbare Kraft der Musik setzt. Und weil sie keine Rätsel stellt, sondern ganz einfach eine Geschichte erzählt. Von Gut und Böse, Zauberei und Liebe, fernen Ländern und Menschen.

Vorstellungen: 30.11., 18., 22.12., 1.2.; Karten und Infos unter Tel. 0341 1261261.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 10.11.2014

Korfmacher, Peter

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