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Alexander Zemlinskys „Der Zwerg“ im Chemnitzer Theater

Glanzvolle Opernpremiere Alexander Zemlinskys „Der Zwerg“ im Chemnitzer Theater

Alexander Zemlinskys 1922 uraufgeführter Opern-Einakter der Zwerg, frei nach Oscar Wilde librettiert von Georg, C. Klaren, feierte in der OPer Chemnitz Premiere. Regie führte Walter Sutcliffe, am Pult der Robert-Schumann-Philharmonie: Generalmusikdirektor Frank Beermann.

Maraike Schröder als Donna Clara, Dan Karlström als Zwerg.

Quelle: dpa

Chemnitz. Georg C. Klaren griff tief ein, als er Oscar Wildes „Geburtstag der Infantin“ als „Der Zwerg“ zum Opernlibretto umformte: Ist die Titelfigur, die die Prinzessin zum 18. Geburtstag geschenkt bekommt, beim überspannten Ästheten Wilde ein tumber Junge aus dem Wald, bekommt die aus Verwöhntheit zur Menschenverächterin gewordene Salome-Enkelin Clara auf dem Musiktheater vom Sultan ein Geschöpf geschickt, das trotz der Entstelltheit, um die es nicht weiß, der Schönheit teilhaftig ist – als Sänger und als Dichter. Zemlinsky ließ es geschehen, denn in diesem Zwerg fand ich sich wieder: kleinwüchsig, unansehnlich, einst hoffnungslos in seine Schülerin Alma verliebt, die später Mahler heiratete und nach dessen Tod zum erotischen Wanderpokal wurde, war er doch einer der einflussreichsten Komponisten der Zeit. Nicht nur als Lehrer Schönbergs.

Vor diesem Hintergrund schrieb er für den „Zwerg“ seine sicher persönlichste, vielleicht beste Musik für das Theater. Weniger auftrumpfend als das Schwesterwerk „Eine florentinische Tragödie“, präziser in seiner schillernden Sensualistik, verinnerlicht und wahrhaftig in seiner symbolistischen Aufgeladenheit. Und verteufelt schwer. Die Anforderungen vor allem an die Titelpartie mögen einer der Gründe sein, warum dieser berührende Einakter nicht ins Repertoire gefunden hat.

Das könnte sich nun, nach der Premiere in Chemnitz, ändern. Denn in Gestalt Dan Karlströms aus dem Ensemble der Oper Leipzig hat die Welt nun die vollkommenen Besetzung für diese strapaziöse Partie. Nicht, weil auch Karlström nicht hochgewachsen, sondern weil er ein wirklich großer Sängerdarsteller ist.

Sein immer schon höhensicherer und beweglicher, überdies perfekt ausartikulierter Tenor hat in den letzten Jahren zunehmend an Geschmeidigkeit gewonnen, sein Metall die Kälte verloren. Und so verfügt er mittlerweile über die weiche Kraft, die es ihm ermöglicht, diese gewaltige und gewaltig hohe Partie nicht nur ungefährdet durchzustehen (was auch schon nicht wenig ist), sondern sie durchzugestalten.

Hinter der bizarren Kreatur, von der Welt nur als Spielzeug betrachtet, das man, ganz nach Laune, auch zertreten kann, zeigt er einen Menschen, dessen aussichtslose Liebe zur spanischen Königstochter nicht lächerlich ist, sondern von antikischer Tragik. Sein trauriges Lied von der blutenden Orange rührt ebenso zu Tränen wie das Liebesduett mit der so naiven wie zynischen Infantin. Und intensiver sind Ausgestoßensein, Einsamkeit und Verzweiflung nicht auf die Bühne zu bringen, als durch Karlström, der am Schluss sterbend auf der Bühne liegt, wie ein Embryo den Körper um das Kissen gewunden, auf dem Clara einst saß, die weiße Rose in der Hand, die sie im schenkte.

Dieses beeindruckende Rollenporträt bleibt nicht einsam auf der Chemnitzer Bühne. Denn keiner der Beteiligen bleibt Karlströms sensationeller Leistung etwas schuldig. Maraike Schröder nicht, die als Donna Clara, Infantin von Spanien, mit ihrem farbsatten und kraftvollen Sopran die menschenverachtende Unbedarftheit der Prinzessin immer wieder so weit aufbricht, dass Empathie immerhin möglich scheint. Franziska Krötenheerdt nicht, die als Zofe Ghita, die als einzige zum Mitgefühl befähigt ist in dieser schaurigen Hofgesellschaft, weite, warme, entrückt schöne Bögen spannt. Auch nicht Kouta Räsänen, der mit seinem profunden und markanten Bass als Haushofmeister die Fäden dieses bösen Spiels gesponnen hat. Und von den Nebenzofen bis hinunter zu den Chordamen gibt es keine Einwände.

Beim Orchester hört es sich nicht anders an. Dem scheidenden Generalmusikdirektor Frank Beermann, einst Dauergast in der Oper Leipzig, gelingt das Kunstwerk, die schillernde Diszipliniertheit dieser Partitur sinnlich aufzubrechen und in hintergründiger Schönheit funkeln zu lassen. So ausmusiziert lassen es die melodischen Wonnen, der harmonische Reichtum, die klangliche Fantasie dieser Oper um so rätselhafter erscheinen, dass sie sich nicht durchsetzen konnte. Die Chemnitzer Robert-Schumann-Philharmonie jedenfalls, die mit Beermann als Chef neben ihrer Klangschönheit auch zu mehr Präzision und Disziplin gefunden hat, packt die Gelegenheit beim Schopf und präsentiert sich in allerbester Form als erstklassiger Klangkörper. Quer durch alle Gruppen.

Dass dies nicht zu Lasten der Sänger geht, verdankt die Produktion auch der Bühne Okarina Peters und Timo Dentlers. Die verschiedenen Räume und Spielorte haben die beiden in Geschenkkartons gepackt, deren Außengrenzen die Stimmen bündeln helfen, so dass sie mühelos übers Orchester hinweg tragen. Überdies entwickelt diese Drehbühnen-Lösung erheblichen Schauwert. Darin erzählt Walter Sutcliffe sauber das tragische Märchen nach, das Klaren für Zemlinsky ersann. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Lang anhaltender Applaus und viele Bravos für eine rundum beeindruckende Opernproduktion. Sollte man gesehen haben und vor allem: gehört!

Vorstellungen: 13., 18.11., 18.12., 7., 24.1., 27.2., 28.3., 19.4.; Karten und Infos unter Tel.: 0371 4000430 oder www.theater-chemnitz.de

Von Peter Korfmacher

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