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Alle Jahre wieder anders: Beethovens Neunte zum Jahreswechsel im Gewandhaus

Alle Jahre wieder anders: Beethovens Neunte zum Jahreswechsel im Gewandhaus

Für viele gehört sie dazu, Beethovens Neunte zum Jahreswechsel. Fürs Gewandhausorchester sowieso. Arthur Nikisch hat diese Tradition begründet. Seit 1918, nach dem Ende des Ersten Weltkriegs, hat sie sich festgesetzt.

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Riccardo Chailly dirigiert im Gewandhaus Beethovens Neunte.

Quelle: André Kempner

Und allein unter dem amtierenden Gewandhauskapellmeister Riccardo Chailly hat Leipzigs Orchester seit 2005 mit dieser chorsinfonischer Weltumarmung 25 Mal ein Jahr verabschiedet, ein neues begrüßt. Da in der Zwischenzeit das Orchester und sein Chef diesen vielleicht deutschesten Ausweis von tönendem Humanismus auch sonst gern spielen auf der Welt, gerade im endenden Jahr die Neunte im Zuge des 25. Jahrestags der Friedlichen Revolution Hochkonjunktur hatte, ist die Gefahr groß, dass Routine sich breitmacht zwischen diesen Tönen, die die Welt bedeuten. Aber von Routine kann keine Rede sein an diesem letzten Montagabend des Jahres 2014 im (natürlich) längst ausverkauften Gewandhaus. Denn Chailly hält die Spannung aufrecht, indem er sich eben nicht ausruht auf dem bisher Erreichten.

Er könnte es tun. Denn nicht nur auf CD haben er und sein Orchester mit den neun Sinfonien Ludwig van Beethovens neue Maßstäbe gesetzt. Folglich sind derzeit nur wenige andere Orchester in der Lage, die Schwierigkeiten, die Beethoven in seine Partitur schrieb, die Chailly ungefiltert weiterreicht, so selbstverständlich in Schönheit zu gießen, in Kraft, in Wahrhaftigkeit.

Tatsächlich muss der Gewandhauskapellmeister deutlich weniger schlagtechnischen Aufwand betreiben als in den ersten Jahren nach seiner Amtsübernahme. Doch auch dies ist nicht Ausweis von Gewöhnung, sondern eher die Folge orchestraler Wachheit. Denn gerade im Detail ist Chailly immer wieder für Überraschungen gut. Selbst in Tempofragen, in denen nahe an Beethovens Metronom-Vorgaben das Ende der Fahnenstange längst erreicht schien.

Doch der Italiener legt anno 2014 noch einmal einen Scheit nach, ist nach 61 Netto-Minuten durch mit den vier Sätzen. Und, ja, zwischenzeitlich ist immer mal wieder zu hören, dass dieses neuerliche Nachschärfen einzelne Musiker an ihre Grenzen führt: In der Exposition des Kopfsatzes kommt Unruhe in den Klang, droht hier und da Rasanz in Hektik umzuschlagen. Aber immer wieder gelingt es Chailly, besonders eilige Schäfchen wieder einzufangen. Auch am anderen Ende des Werks, wo Bassist Thomas E. Bauer ganz pragmatisch "andere Töne" anstimmt, den "Zauber" so auf die Goldwaage legt, dass der Puls zu stocken droht.

Solche Momente agogischer Unschärfe bleiben die Ausnahme. Und insgesamt bewegt sich das Gewandhausorchester so sicher übers glatte Parkett, dass Chailly selbst an heiklen Scharnieren auch mal die Zügel lockern kann. Da lässt etwa Clemens Rögers grandios unspektakuläres Solo-Horn sich einen beglückenden Moment mehr Zeit zum Atmen, stürmen im Gegenzug die Hemiolen, die im Scherzo die Formteile begrenzen, noch ein wenig vehementer voran. Da staut sich im himmlischen dritten Satz zwischen Adagio- und Andante-Abschnitten kaum spürbar, aber um so wirkungsvoller der Fluss, schwingen die Orchester-Rezitative zu Beginn des Finales bemerkenswert frei aus. Das alles schweißt die vier Sätze eher noch mehr zusammen, als dass es trennte.

Dem Solisten-Quartett (neben Bauer singen die unverwüstlich prachtvolle Luba Orgonásová, Bernarda Fink und der fabelhafte Steve Davislim) sind die Zumutungen dieser Partitur kaum anzumerken, wie sie da fernab jeder Einzelkämpferei als solide ausbalanciertes Ensemble agieren und Eile in Leichtigkeit ummünzen.

Das indes gelingt dem von Gregor Meyer, Frank-Steffen-Elster und Nicolas Fink präparierten Vokalkombinat aus Gewandhaus-Chor, Gewandhaus-Kinderchor, sowie dem MDR-Chor nicht durchweg. Das mag an der doch sehr deutlich Frauen-lastigen Besetzung liegen. So ist es zwar für sich genommen beeindruckend, mit welchem Glanz, welcher Schönheit hier ausgehaltene Spitzentöne das Orchester überstrahlen. Aber die Mittelstimmen haben es doch sehr schwer, sich Gehör zu verschaffen. Was umso deutlicher auffällt, als Chailly im Orchester gerade hier immer wieder Unerhörtes ans Tageslicht holt.

Spannend das - wieder ganz anders. Aber ebenso enthusiastisch bejubelt.

Die Neunte wird heute (20 Uhr) und morgen (17 Uhr) wiederholt. Die Chance, noch an Karten zu kommen geht gegen null, aber MDR Fernsehen und MDR Figaro übertragen die Silvester-Neunte live, überdies ist sie auf dem Leipziger Marktplatz zu erleben und in Chaillys Schweizer Wohnort Zuoz.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 30.12.2014

Korfmacher, Peter

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