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"Alle sollten dirigieren", fordert Kristjan Järvi im Interview mit der LVZ

"Alle sollten dirigieren", fordert Kristjan Järvi im Interview mit der LVZ

Kristjan Järvi, 40, und sein MDR-Sinfonieorchester gestalten nicht nur musikalisch die Gala zur Verleihung des europäischen Kulturpreises am Dienstagabend in der Oper Leipzig aus, sie gehören auch selbst zu den Ausgezeichneten.

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MDR-Chefdirigent Kristjan Järvi bei der Arbeit.

Quelle: Wolfgang Zeyen

Leipzig. Frage: Ihre erste Saison als MDR-Chefdirigent geht auf die Zielgerade - zufrieden mit dem bisher Erreichten?

Kristjan Järvi: Ja! Ich habe alles erreicht, was ich in dieser ersten Spielzeit erreichen wollte, es ist ein sehr großer und überraschend schneller Fortschritt auf einem exzellenten Weg und eine solide Basis für die Zukunft.

Heißt konkret?

Wir haben einen neuen Stil zu spielen entwickelt, einen neuen Klang. Die Leute, die kommen, sind neu, deren Reaktionen sind neu, ihre Zahl ist gewachsen. Und, das Wichtigste: Das alles ist gelungen ganz alleine aus der Kunst heraus, aus den Programmen und der Art, wie wir sie spielen. Das ist das Fundament für unsere Zukunft als Repräsentanten der Musikstadt Leipzig und der Kulturregion Mitteldeutschland - aber alles ohne Konkurrenz zum Gewandhausorchester. Wir machen völlig andere Sachen. Beide zusammen sind das Beste für die Stadt.

Und darum bekommen Sie mit Ihrem Orchester nun den europäischen Kulturpreis?

Das ist ein Preis für Innovation, Richard Wagner stand für Innovation, Karl Lagerfeld steht für Innovation, wir stehen für Innovation.

Für die Innovation, dass Armin Müller-Stahl mit Ihrem Orchester sein spätes Dirigier-Debüt gibt?

Das ist eine Frage des Respekts vor dieser einzigartigen Karriere in Ost, West und der ganzen Welt, vor dieser grandiosen Lebensleistung.

Respekt ist eine Sache - aber befähigt ihn seine Lebensleistung zum Dirigieren?

Alle sollten dirigieren. Das predige ich auch meinen Musikern. Dirigieren ändert den Menschen, macht ihn besser. Wir reden immer von der großen alten Zeit, als die Komponisten noch ihr eigenen Interpreten waren, natürlich dirigierten, das ist auch eine Erziehungsfrage.

Was bedeutet Ihnen die Gala am Dienstag?

Sie ist sehr wichtig für Wagner in Leipzig, wichtig für die Leute, die keine Beziehung zu ihm haben. Sie müssen sehen, wie Wagner die Musik veränderte wie sonst nur Beethoven, Strawinsky, vielleicht Berlioz.

Schönberg?

Halte ich in dieser Hinsicht für überschätzt. Strawinsky hat bis heute viel mehr Einfluss als Schönberg. Was er bewirkt hat in Rhythmus, Tanz und Gesang, das reicht weit in die Pop-Kultur hinein: Le Noces, das ist zum Teil schon Hip Hop. Das zusammenzubringen, die Neuerungen von einst, Beethoven, Strawinsky und die Folgen in der Populärmusik von heute, das ist wirkliches Crossover. Das wäre mein Ziel, das nicht nur in Leipzig zu zeigen, sondern in der ganzen Welt - mit meinem Leipziger Orchester natürlich. Leipzig war ein Zentrum der musikalischen Welt. Das hat nichts mit der Größe der Stadt zu tun, wir wollen, wir können diese Zeit zurückholen, wir und das Gewandhausorchester. Das ist Erbe und Verpflichtung. Die großen Institutionen leben nicht auf einer Insel, wir müssen selber Erfinder werden. Es geht um die Zukunft für die klassische Musik.

Bei den Wagner-Festtagen sind Sie nicht nur mit der Kulturpreis-Gala präsent, sondern auch mit zwei konzertanten Aufführungen von Wagners Frühwerk "Das Liebesverbot" im Gewandhaus. Das klingt nicht sehr erfinderisch ...

Doch, unbedingt. Das Werk kennt kaum einer, dabei ist es hochinteressant. Wagner hat da praktisch ein Musical geschrieben.

Ein Musical?

Ja! Es gibt im Liebesverbot viel gesprochenen Text. Noch wichtiger finde ich Wagners aus jedem Detail sprechendes Bedürfnis, den Leuten zu gefallen, möglichst viele Leute zu erreichen. Und die Ouvertüre gefällt mir viel besser als die zum späteren Rienzi. Die des Liebesverbots klingt beinahe nach Rossini oder Verdi, die zum Rienzi, das ist eher Weber, nicht so toll, den mag ich nicht so sehr.

2013 ist auch Verdi-Jahr ...

Ja, und ich möchte unbedingt das Requiem machen.

Aber nicht 2013...

Nein, das wird wohl nichts mehr werden (lacht). Es gibt so vieles, was ich noch machen möchte und werde: Rossinis Stabat mater, Boccherini, überhaupt Barock-Musik.

Alte Musik haben in den letzten Jahrzehnten die Spezialisten für sich reklamiert...

Das ist für mich kein Problem. Wir dürfen keine Spezialisten für eine bestimmte Art von Musik sein, dann würden wir auch nur Moden bedienen. Wir müssen Spezialisten darin sein, die Leute zu überzeugen, sie zu umarmen, sie dazu zu bringen, unsere Musik zu lieben. Ob Barock oder Moderne oder Wagner. Wir haben Zeit, es muss nicht alles morgen passieren: die richtigen Dinge zur richtigen Zeit. Es ist wie beim Kochen, kocht man etwas zu lang, ist es nicht gut. Kocht man es zu kurz, ist es auch nicht gut.

Das MDR-Orchester hat eine lange Geschichte - was bedeutet Ihnen die?

Was bedeutet es, dass wir das älteste Rundfunkorchester der Welt sind? Eigentlich nichts! Wir müssen der Welt zeigen, was wir jetzt sind, was wir können, wie toll und oder wichtig wir früher einmal waren, das hilft uns heute nicht mehr weiter. Andererseits hat das Orchester noch diesen traditionellen deutschen Klang, diese Identität, Intensität, Unbedingtheit. Das dürfen die Musiker auf keinen Fall verlieren.

Wie steht es mit dem Chor? Howard Arman hat den MDR verlassen, gibt es bereits einen Nachfolger für die Leitung des Rundfunkchors?

Wir suchen noch. Chor und Orchester bilden eine Gesamtheit, nicht zwei separate Teams. Wir müssen zusammenarbeiten wie in einer Band. Wir spielen zusammen, wir haben Spaß zusammen, wir können auch hart miteinander arbeiten, wenn wir uns mit Respekt begegnen.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 17.05.2013

Peter Korfmacher

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