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„Alles gut“: Wie sich in einer Floskel der Stillstand des Merkel-Biedermeier spiegelt

Die Verdrängungs-Republik „Alles gut“: Wie sich in einer Floskel der Stillstand des Merkel-Biedermeier spiegelt

Es ist das Mantra unserer Zeit: „Alles gut“ schallt es einem entgegen, bevor sich ein Problem im Raum ausbreiten kann. Dabei muss man nicht die Nachrichten verfolgen, um festzustellen: Es ist leider gar nicht alles gut. Warum aber versichern wir einander fortwährend das Gegenteil?

Die Merkel-Raute als Logo für Stillstand und fehlende Debattenkultur: Besucher der Leipziger Buchmesse 2016 mit Taschen der Eulenspiegel Verlagsgruppe.

Quelle: dpa

Leipzig. Theresa hat gekocht, fünf Freunde eingeladen, die Sitzordnung durchdacht. Vier sagten kurzfristig ab oder kamen wortlos nicht. Aber: „Alles gut“, versichert Theresa dem einen, der die Verabredung ernstgenommen hat, während sie eine Kerze anzündet. Etwas gepresst klingen die beiden Worte, als solle etwas verscheucht werden. „Alles gut“ ist das Mantra unserer Zeit, die Teflonfloskel, an der jede Nachfrage abrutscht. Bevor man so etwas wie Anteilnahme in Worte überführen kann – vielleicht, weil jemand an Krücken hereinhumpelt, schallt sie einem entgegen, diese allgegenwärtige Krisen-PR in eigener Sache. „Alles gut!“ tönt es, wenn sich zwei auf der Straße begegnen, oder beim wechselseitigen Update am Telefon.

Es lohnt sich, die Phrase auf ihre Abgaswerte zu überprüfen. Oder ist sie vielleicht selbst die Software, die wir einbauen, um kritische Werte zu verschleiern? Denn wir ahnen es ja: Die Schönheit und der Wohlstand unserer Welt, sie sind nur Putz. Und wenn die Wirklichkeit auch nur ein bisschen anstößt und er abplatzt, dann wird eilig der Spachtel rausgeholt.

Alles ist ganz bestimmt nicht gut

Mit der Frage, was genau eigentlich gut sei, quält sich die Philosophie seit Platon herum, ohne je zu einem verbindlichen Ergebnis gekommen zu sein. Über eines dürfte jedoch Konsens herrschen: Alles ist ganz bestimmt nicht gut. Alle fünf Sekunden verhungert auf der Welt ein Kind. Oder alle zehn? Man kommt durcheinander. Auf allen Kontinenten außer in Australien und der Antarktis werden blutige Kriege geführt. An der Spitze der Vereinigten Staaten von Amerika steht ein twitternder Gruselclown, der keine Steuern zahlt und den Planeten pulverisieren kann, wenn ihm danach ist. Jeden Moment kann einer einen Sprengstoffgürtel zünden oder ein Lkw in eine Menschenmenge rasen. Aber täglich versichern in Deutschland Millionen Menschen einander, dass alles gut sei. Warum tun sie das?

Natürlich wollen sie damit nicht den Zustand der großen, sondern den ihrer kleinen Welt schöner reden, als er ist. Die Bußgeldbescheide des Seins, die Stille nach dem Ladenschluss, die Einsamkeit im Fitnessstudio – unter den Teppich damit. Es ist alles gut, wir machen uns eine schöne Stimmung, hier beim Cappuccino in der Fußgängerzone zwischen Matratzen-Outlet und Drogeriekettenfiliale. Da, wo jetzt die Bettler rumsitzen und das Geschäftsklima eintrüben. Aber alles gut, die Bettler machen ihr Ding, wir unseres.

„Alles gut“, das ist die Formel, mit der sich die ins Rutschen geratene Mittelklasse am Geländer festklammert. „Alles gut“, das heißt eigentlich: Störe mich nicht mit deiner Anteilnahme, mach’ mich nicht klein. Man fragt sich, wie man heute noch in ein Gespräch kommt, um nicht mit diesem weichen Handkantenschlag wieder rausgeworfen zu werden, bevor es begonnen hat. „Du Henriette, deine neue Frisur ist irgendwie eigenartig.“ – „Das ist eine Perücke. Ich habe Krebs.“ – „Oh, sorry, … das tut mir leid.“ – „Nee-nee, alles gut.“ Jaja, kein Stress, ganz entspannt.

Es ist eine Verdrängungs-, aber auch eine Beschwörungsformel in einer von Göttern und Teufeln beräumten Welt, in der es nur noch ein Diesseits und damit die eigene Lebensspanne gibt, die es bis ins Grab zu optimieren gilt. Wenn ich ständig alles dafür tue, dass ich gut bin, dann muss es doch verdammt nochmal auch gut sein. 

Die Alles-Gut-Kanzlerin

Dieser Zustand individueller Selbstbehauptung von der Zeugung bis ins Totenhemd spiegelt sich im gesellschaftlichen Makrokosmos, dessen Protagonisten gleichfalls dauerangespannt im Beschwichtigungsmodus unterwegs sind. „Wir schaffen das“, sagte die Alles-Gut-Kanzlerin auf dem Höhepunkt der so genannten Flüchtlingskrise – ein mutiger Satz in komplizierten Umständen. Noch mutiger wäre es gewesen, für die Integration der Geflüchteten die „schwarze Null“ im Bundeshaushalt zu riskieren.

Wer kennt den Preis, der für die Rettung der Banken gezahlt werden muss? Die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ hat Ende 2015 eine Summe von „weit mehr als 50 Milliarden Euro“ errechnet. Die Finanzkrise, die vor zehn Jahren begann, ist nach Meinung vieler Experten keineswegs vorbei. Einige Minen sind entschärft, neue hinzugekommen. Es wird wieder gezockt und viel verdient.

Doch nach einer Zeit der Stresstests sind wir wieder im deutschen Dauer-Biedermeier. Flucht und Migration sind mit der Schließung der Balkanroute nicht beendet. Dafür dass das Thema aber erstmal draußen bleibt, kooperiert man mit einem „Failed State“ wie Libyen, in dem sich viele inzwischen nach dem psychotischen Machthaber Gaddafi zurücksehnen. Und alles, damit hier keiner stört – „Für ein Land, in dem wir gut und gerne leben.“

Zu diesem Satz lächelt Angela Merkel von den Wahlplakaten, während ihr aktueller SPD-Herausforderer Martin Schulz wie fast alle vor ihm „mehr Gerechtigkeit“ fordert – nach jener Agendapolitik, die seine eigene Partei zu verantworten hat. Das ist eine Auseinandersetzung im Modus der 90er, eine tragikomische Simulation. Die Kanzlerin mache „Wahlkampf im Schlafmodus“, sagte Ex-ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender dem „Spiegel“.

So weit, so gut. Und dann brüllt es auf den Straßen, das „Volk“, wütet es in Internetforen und bei Wahlkampfauftritten der Kanzlerin wie unlängst in Bitterfeld – und findet gar nichts gut, schon gar nicht die Werte des christlichen Abendlandes, die es zu verteidigen vorgibt: Abschieben, brüllt es. Presse, Politik – alles Lüge, alles falsch.

Auf der anderen Seite ist der Teufel los

Das ist die fatale Dialektik einer Gegenaufklärung, deren Morgenröte wir gerade erleben. Auf der einen Seite verlagern wir die Probleme nach draußen, schmieren uns diese Harmoniesoße überall hin, bis wir glitschig glänzen und nicht mehr zu fassen sind. Und auf der anderen Seite ist der Teufel los, suchen sich diffuse Ängste Sündenböcke, organisieren sich Parallelgesellschaften, brennen Asylunterkünfte, wird nicht nur am rechten parteipolitischen Rand der Humanismus entsorgt.

Und gleichzeitig verwischen die Grenzen zwischen Albtraum und Realität, wird der Takt der Terroranschläge schneller. Wir spüren, da ist ein Schatten, der nach uns greift. Noch beruhigt uns die Stochastik: Die Wahrscheinlichkeit, bei einem Anschlag ums Leben zu kommen, ist immer noch geringer, als vom Blitz getroffen zu werden. Nein, wenn wieder in einer europäischen Metropole ein Lastwagen in Menschen gerast ist, dann tritt kein Politiker ans Mikrofon und sagt, das alles gut sei. Das wäre dann doch zu dreist. Aber wir sollen uns so verhalten, als wäre es so. Wir sollen nichts ändern. Denn dann hätten ja – wie es immer gebetsmühlenartig heißt – die Terroristen gewonnen.

Gewinnen sie vielleicht gerade deswegen: nämlich gerade weil wir nichts ändern? Die Fragen, die in den Auswertungs- und Anteilnahmeformaten nach einem Anschlag gestellt werden, betreffen fast immer nur die Sicherheit – kausale Zusammenhänge werden selten hergestellt, Zusammenhänge, um die sich eine Bundesregierung kümmern könnte und die zum Beispiel der Journalist Markus Bickel in seinem im Frühjahr erschienenen Buch sehr dezidiert aufarbeitet: „Die Profiteure des Terrors. Wie Deutschland an Kriegen verdient und arabische Diktaturen stärkt“. Noch Fragen? Besser nicht. So bleibt alles gut, denn es geht uns ja gut, den meisten zumindest. Oder? Egal.

Wo kommt diese Floskel, diese Imprägnierungslotion gegen die Zumutungen der Realität eigentlich her? Wir finden sie schon am Anfang, in der DNA unserer Welt. Schlagen wir also gemeinsam das Erste Buch Mose auf, die Genesis. Er ist schon ein ziemlicher Macho, dieser Gott, wie er sich da nach der Schöpfung einen guten Mann sein lässt und die Frage ins All brüllt: War ich gut? Ja, Gott, alles gut. In der Bibel wird das etwas netter formuliert: „Und Gott sah alles an, was er gemacht hatte; und siehe da, es war sehr gut.“

Von Jürgen Kleindienst

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