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Alltag als Sensation: 50 Jahre „Kinder von Golzow“

Alltag als Sensation: 50 Jahre „Kinder von Golzow“

Den großen Sandkasten in der Golzower Kita gibt es nach 50 Jahren immer noch. Eckhard Hoppe, ein großer Mann mit dunklem Schnauzbart und weißem Haar, schaut wehmütig auf die Förmchen und Siebe.

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Quelle: dpa

Golzow. Vor einem halben Jahrhundert haben er und seine Freunde hier Sandburgen gebaut, als kleine Steppkes aus dem Oderbruch. Es war die erste Szene der Filmchronik „Die Kinder von Golzow“, gedreht von Winfried Junge am 28. August 1961 - kurz nach dem Bau der Berliner Mauer. „Wenn ich erst zur Schule geh“ hieß der Schwarzweißfilm.

Damals begann eine der wohl längsten Dokumentarreihen der Filmgeschichte, sie endete erst 2007. Schulzeit, Ausbildung, erste Liebe, Familiengründung: Auch wenn es meist um Alltägliches geht, machte die Saga über die Entwicklung einer Landschulklasse das brandenburgische Dorf Golzow berühmt. An diesem Sonntag (28.8.) wird in dem Ort der 50. Jahrestag des Drehbeginns gefeiert; dann gibt es noch am 2. September eine „Lange Filmnacht“ und tags darauf einen Festempfang. Auch Eckhard Hoppe wird kommen und andere von den fast 20 Porträtierten, die heute um die 56 Jahre alt sind.

„50 Jahre Geschichtsaufarbeitung“, nennt Regisseur Winfried Junge die Chronik lapidar. Gewiss, die Medien lebten heute von Sensationen und in Golzow gebe es nichts Sensationelles. „Das Ganze, die Alltagsebene, ist die Sensation“, betont Junge. „Die Kinder von Golzow“ sind das Lebenswerk des 76-Jährigen, es kam ins Guinness Buch der Rekorde, gewann etliche Preise und lief in vielen Ländern im Fernsehen. Junge selbst erhielt den Verdienstorden des Landes Brandenburg und den Deutschen Kritikerpreis.

Gerade manch Westdeutscher wird überrascht sein, wenn er sich zum ersten Mal die Chronik ansieht. So manches Klischee fällt da in sich zusammen, etwa dass das Leben im Osten grau und fad gewesen sei. In einer Filmsequenz aus den Siebzigern etwa tragen die jungen Frauen in Golzow bunte Schlaghosen, die Männer lange Haare und Lederjacken. Die Rolling Stones sind gerade schwer angesagt. Abends wird beim Bierchen die Fußball-Weltmeisterschaft im Fernsehen angeguckt.

Dem 2008 in Golzow eröffneten Filmmuseum fehlt das Geld, um die gut 400 Kilometer Film, die alten Schneideplätze und Kameras angemessen zu archivieren. Man ist in erster Linie auf Spenden angewiesen, aus den Kulturetats von Land oder Bund gab es bislang nichts. Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD) habe sich mal sämtliche Filme schicken lassen und Unterstützung signalisiert. „Das waren aber bloß Lippenbekenntnisse“, sagt Golzows Bürgermeister Klaus-Dieter Lehmann (FDP).

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In der Ausstellung über das Film-Langzeitprojekt die "Kinder von Golzow" im brandenburgischen Golzow erklären die Filmemacherin Barbara Junge (vorn am Schneidetisch) und ihr Mann Winfried Junge (dahinter stehend) den Besuchern ihre Arbeit.

Quelle: dpa

Dem widerspricht der Potsdamer Regierungssprecher Thomas Braune vehement. Bei der Verleihung des Landesordens an das Ehepaar Junge sei der Staatskanzlei das Filmwerk angeboten worden. Platzeck habe es daraufhin im Einverständnis mit den Filmemachern der Landeszentrale für politische Bildung zur Verfügung gestellt. Auch durch den damaligen Staatskanzlei-Chef sei Hilfe signalisiert, dann aber nicht abgerufen worden.

An das Leben in der DDR haben viele in Golzow eher gute Erinnerungen. „Ich bin damals jeden Morgen sorgenfrei aufgestanden“, erzählt Eckhard Hoppe. Bei der LPG fuhr er Traktoren, Arbeit gab es eigentlich immer. Heute ist Hoppe arbeitslos, wie viele andere im Dorf. „Wir waren damals glücklich“, sagt einer. Ein anderer räumt ein, dass auch viel vom Sozialismus „verklärt“ werde.

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Im Filmmuseum «Kinder von Golzow» im brandenburgischen Golzow betrachtet das Regisseur-Ehepaar Barbara und Winfried Junge alte Filmstreifen.

Quelle: dpa

Heute hat Golzow gut ein Viertel weniger Einwohner, etwa 950. Viele verließen den Ort, suchten anderswo ihr Glück - auch etliche Filmkinder. Einige von ihnen verschlug es nach der Wende nach Augsburg oder Wuppertal. Das sei die „normale Entwicklung“, mit der alle Orte in der märkischen Provinz zu kämpfen hätte, sagt Bürgermeister Lehmann. Aber man gebe sich alle Mühe, das Golzow ein lebenswerter Ort bleibe. Und Kinder wird es im Dorf noch eine Weile geben: Gerade hat das neue Schuljahr begonnen, 19 Erstklässler gehen jetzt zur Grundschule „Kinder von Golzow“.

Haiko Prengel / dpa

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