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Allzu nette Bestie: Kaos-Sommertheater "Sehnen Sucht Begierde" am Kanal 28

Allzu nette Bestie: Kaos-Sommertheater "Sehnen Sucht Begierde" am Kanal 28

Spielen oder nicht spielen, das war die Frage. Denn Sommertheater setzt ja auf einen Sommer, der den Namen auch verdient. Und was das angeht, ist hierzulande wahrlich häufig noch Luft Richtung Hochdruckgebiet.

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Kämpft gegen ihre Begierde - und diesen Mann: Blanche (Jasmin Hegele) und Stanley (Leon Schwarzenberg).

Quelle: Maria Schüritz

So auch am Dienstag, als die Kaos-Kulturwerkstattmacher zur Premiere ihres diesjährigen Sommerstückes ins Ausweichquartier am Kanal 28 einluden. "Sehnen Sucht Begierde" (Regie: Isabella Hertel-Niemann) steht auf dem Programm, eine Adaption von Tennessee Williams' "A Streetcar Named Desire". Ein Psycho-Drama, das im hitzelastenden New Orleans spielt. Weit weg vom kühl-verregneten Leipzig also.

In dem dann mit Schirmen und regenfester Kleidung das Publikum vor der kleinen Bühne sitzt. Allen Wetterunbilden zum Trotz wird sie also geboten, die Geschichte von Blanche DuBois, der Südstaatenschönheit, die langsam, aber verzweifelt dahin welkt. Ganz so, wie die Kultur, der sie entstammt. Belle Rêve ("Schöner Traum") hieß der längst schon verscherbelte Großgrundbesitz, von dem Blanche stammt - um an der "Endstation Sehnsucht" zu landen. Bei der jüngeren Schwester Stella und deren Gatten Stanley Kowalski, im viel zu kleinen New-Orleans-Appartement, wo die Emotionen bald heiß laufen.

Es sei etwas Bestialisches in ihm, sagt Blanche über Stanley, ein Tier sei er, untermenschlich, affenartig. Und natürlich pulsiert in diesem abfälligen Urteil zugleich die Begierde. Domestizierte Gefühle versus triebhafte Lust, die sich Bahn brechen will, aber nicht darf - das ist einer der dramatischen Hauptaspekte, den dieses Stück durchspielt. Und wenn das aufgehen soll, bedarf es eines Stanleys, der diese physische Präsenz und diesen Machismo mitbringt. Ihn - im wahrsten Sinne - verkörpert.

Ist das nicht der Fall, implodiert diese Geschichte. Und genau das geschieht in Hertel-Niemanns Inszenierung. Stanley-Darsteller Leon Schwarzenberg ist selbst, wenn er gern im ärmellosen Unterhemd daher motzend breitbeinig Whisky kippt, ganz der hübsche, nette Kerl aus der Studenten-WG von nebenan. Dass Blanche davon derartig (gerade ja auch in ihrer Sexualität) provoziert werden soll, gar "Bestialität" erspürt, ist hier somit eine bloße Behauptung und macht sie geradezu zur Idiotin, mindestens aber zur Hysterikerin. Was sie beides nicht ist.

Und was Jasmin Hegele (Blanche), wenn auch nicht in Kontinuität, so doch immer mal wieder zu zeigen vermag. Die maskenhafte Distinguiertheit ihrer Figur sowie das Bröckeln dieser Maske, wenn die Kraftanstrengung, die tiefe, innere Verzweiflung niederzuhalten, ins Groteske kippt - beides gelingt Hegele vor allem in der Interaktion mit Katrin Kappenberger. Reizvoll, wie deren Stella hinter der plappernden Naivität Stärke spüren lässt. Kappenberger zeigt Stella als die einzige in diesem Reigen, deren Liebe uneigennützig wirkt.

Etwas, das nicht einmal für jenen Mitch gilt, der um Blanche wirbt. In einer rührenden Unbeholfenheit, der Kevin Knauer gelungen tragikomische Momente abzugewinnen vermag. Was aber auch nichts daran ändert, dass diese Inszenierung insgesamt im Ungefähren des Klischierten, im Illustrativen des Behaupteten haftet. Nett ja. Kraftvoll nein.

"Sehnen Sucht Begierde", wieder 9. und 14. bis 16. Juli, jeweils 20.30 Uhr, Am Kanal 28, Eintritt 5 Euro

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 10.07.2014

Steffen Georgi

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