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Als Roman träumte: Vorzeige-Köpenicker kommt mit neuer Platte nach Leipzig

Interview Als Roman träumte: Vorzeige-Köpenicker kommt mit neuer Platte nach Leipzig

Die Neunziger sind zurück in den Texten des Vorzeige-Köpenickers Romano. In einer Reminiszenz, einer Huldigung, aber auch dem Zerplatzen einer Freiheitsblase. Ab Freitag läuft das neue Album „Copyshop“ bestimmt auch in der Kneipe Goldhorn, wo Romano meist aufkreuzt, wenn er mal in Leipzig ist. Am 26. Oktober spielt er allerdings im UT Connewitz.

Die Texte seines neuen Albums „Copyshop“ erinnern an Clemens Meyers „Als wir träumten“: Romano alias Roman Geike, Jahrgang 1977.

Quelle: Bella Schwarz

Leipzig. Interview mit Romano:

Wenn „Eisern“ Union Berlin Sie fragen würde, ob Sie für sie eine Hymne schreiben, würden Sie es tun?

Ich würde es wenigstens probieren. Im Endeffekt muss es ’ne geile Hymne werden, nicht Nullachtfünfzehn. Ich könnte es mir vorstellen, mit dem Ansatz, dass es besonders ist.

Was müsste da rein, was ist an dem Köpenicker Verein so besonders?

Uff. Ich überlege gerade, das ist spannend und gar nicht so einfach. Da müsste ich mich mal einen Abend lang hinsetzen und drüber nachdenken.

Da habe ich Ihnen jetzt ein Bein gestellt ...

... manchmal ist das so. Es gibt Fragen, auf die ist man nicht vorbereitet. Aber drehen wir es mal. Ich kann zumindest erzählen, wofür Köpenick für mich steht. Vielleicht bekommen wir dann den Bogen.

Los geh’s.

Köpenick ist der Ort, wo ich runterfahren kann, wo ich nach drei, vier Tassen Kaffee mit wenig Schlaf meinen Ruhepol finde. Ich hab den Müggelsee aber gleichzeitig auch das Zentrum, das Großstadttreiben, das bunte Flair. Du kannst hier aber auch in die Natur gehen. Hier hast du noch die ganze Bandbreite. Auch von Menschen – vom Kleinkind bis zum Rentner, vom Arbeitslosen bis zum Millionär. Das gibt es in vielen Stadtteilen von Berlin nicht mehr. Da findest du keine Rentner mehr. Wegen der Gentrifizierung hast du da nur noch eine Klientel von maximal 40 Jahren. Inwieweit das jetzt in einen Union-Text einfließt: Union ist ein volksverbundener Verein. Die Fans sind ein bunt zusammen gewürfelter Haufen.

Interessieren Sie sich für Fußball?

Immer wieder mal bin ich in der Alten Försterei, aber ich bin definitiv kein permanenter Fußballgucker.

Was machen Sie so für Sport?

Ich geh’ zum Ballett. Ist auch Sport. Jeden Montag. Ich finde das sehr schön, und man tut etwas für den Körper.

Und sonst noch so?

Ich hab Karate, Taekwondo und Kung Fu gemacht. Die perfekte Körperertüchtigung: Man bekommt den Geist zur Ruhe. Das war Anfang der Neunziger. Ich hab verschiedenes ausprobiert. Sport ist Teil meines Lebens, aber nicht Hauptbestandteil.

Das ist die Musik, und auf der neuen Platte spielen die 90er eine große Rolle. Was war das für Sie für ein Jahrzehnt?

Die 90er waren eine Umbruchphase. Als die Mauer gefallen ist, war ich zwölf. Ich war am nächsten Tag so ziemlich der Einzige in der Klasse. Im Werkunterricht meinte der Lehrer, wir lassen den Unterricht mal ausfallen. Da hab ich gedacht: Eh, was ist denn jetzt los? Eine Woche später waren wir dann in Westberlin. Ich habe meine Schwester besucht, die Ende der Achtziger einen Ausreiseantrag gestellt hatte und rüber ist.

Wie würden Sie diese Umbruchzeit beschreiben?

’91, ’92 – das war wild, das war Anarchie. In „König der Hunde“ beschreibe ich das. Ich hatte noch Staatsbürgerkundeunterricht. Der Geschichtslehrer meinte auf einmal: Die Französische Revolution war kein sozialistisch geprägter Aufstand, der Bauernkrieg und der Spartakusaufstand auch nicht. Wir Kinder dachten: Eh, was wurde uns denn in den vergangenen Jahren erzählt? Daher kommt der Gedanke: neue Bücher, alte Lehrer. An das alte System nicht mehr glauben können, das neue war noch nicht angekommen. In diese Blase der Freiheit, da bin ich reingegangen.

Und Sie haben was gesehen?

Ein Kumpel hat mich in Techno-Clubs mitgenommen. Da gab es in Ostberlin den Walfisch, Tresor, den Bunker. Da war ich kein Kind mehr und noch kein Jugendlicher und hab die Welt nicht mehr verstanden. Im Bunker gab es Acid-Partys. Da liefen Leute mit Gasmaske rum. Drüber war ’ne Gabber-Party und oben eine Gangbang-Party. Ein anderer Kumpel hörte Metal. Da hab ich Tapes bekommen. In der Schule habe ich Hip Hop gehört.

Viel Neues, teilweise auch Radikales.

Die Jugend war orientierungslos. Das Pioniertuch landete im Müll, die FDJ gab es nicht mehr. Dafür gab es Leute, die sich zu Jugendgangs zusammenschlossen. Es gab Punks, Skinheads, Sharp Skins oder Nazis, Hip-Hop-Jugendgangs. Da war ’ne Menge los. Ich habe da nicht die Scheuklappen aufgesetzt. Ich habe gedacht: Ah, das gibt’s auch. Und: Ah, das gefällt mir auch. Quasi mit dem Einsaugmodus rangegangen.

Erinnert alles ein wenig an das Buch des Leipziger Autors Clemens Meyer, an „Als wir träumten“, oder?

Nachdem ich „König der Hunde“ geschrieben hatte, sagte ein Kumpel: Alter, dieses Buch musst du lesen. Ich habe es zu Hause liegen. Das ist jetzt noch mehr ein Anreiz, es zu lesen.

Was ist der Unterschied zur heutigen Zeit?

Wir haben Partyreihen selbst veranstaltet, nannten uns Beatpower-Nation und haben in einem alten Milchhof, den Eintritt mit ’ner Waage bestimmt – 60 Kilo, sechs Mark. Ich glaube, selber ’ne Sache gestalten zu können mit Freunden, das war das Besondere. Heute wird dir vieles vorgesetzt. Dann konsumierst du das und das und das. Du brauchst nur wählen. Damals haben wir versucht, an der Entstehung einer Kreativität mitzuwirken und uns zu beteiligen.

Nach Leipzig haben Sie einen ganz guten Draht ...

Ich habe einen Kumpel, dem gehört das Goldhorn. Mit Vince habe ich dort Silvester gefeiert. Mit den Jungs war ich auch in Erfurt beim Klappradrennen des Todes. Ich bin gern in Leipzig. Die Eisenbahnstraße hat immer noch einen gewissen Charme. Das erste Mal war ich 2013 dort. Da hättest du an manchen Ecken noch ’nen DDR-Film drehen können.

Was hat die Straße für ein Flair, ähnlich dem von Köpenick?

Ich glaube nicht, dass die Eisenbahnstraße ein Ruhepol ist.

Stimmt. Könnte Ufo-Joe, der Held eines Ihrer neuen Songs, dort leben?

Ufo-Joe ist ein Freund und wohnt in der Greifswalder Straße. Ihn gibt es wirklich, 2003 habe ich ihn kennengelernt. Er hat sich schon immer mit speziellen Themen beschäftigt. Es ist schwierig, für jemanden einen Song zu schreiben, der gleichzeitig ein Liebeslied sein soll. Ich wollte ihn nicht nur als Freak darstellen, sondern als liebenswerten geilen Menschen.

Selbst bei dem Song „Karl May“ geht es um die Vergangenheit ...

Der Ansatz ist entscheidend: Ein Vater ist für das Kind in den meisten Fällen der Held, der He-Man. In der Jugend gibt es ’ne Phase: das Entkoppeln, das Infragestellen. Im besten Falle gibt es später das gemeinsame Wiederfinden auf gleicher Ebene, auf Augenhöhe: Aus dem Held wird ein Freund.

Eingespielt wurde das Lied mit Dieter Maschine Birr von den Puhdys ...

Ich kenne seinen Sohn Andy ganz gut. Wir hatten damals bei so einer Schlagzeug­performance zusammengearbeitet. Andy wohnt auch in Köpenick. Ihn hab ich angerufen und gesagt, ich hab hier ’ne Nummer liegen, da könnte ich mir so krass Maschine vorstellen. Am Abend hat Maschine angerufen und gesagt: Ey, alles klar. Wir kennen uns doch auch. Und kurz darauf waren wir im Studio. Er hat dieses krasse Feuer, diese kindliche Lust, Musik zu machen.

Romano stellt sein am Freitag bei Universal erscheinendes Album „Copyshop“ am 25. Oktober in der Dresdner Scheune und am 26. Oktober im Leipziger UT Connewitz vor. Karten im Vorverkauf für 22,70 Euro unter anderem bei der Ticketgalerie, den LVZ-Geschäftsstellen, unter der gebührenfreien Nummer 0800 2181050 und ticketgalerie.de.

Von Alexander Bley

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