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Als sänge die zerstörte Seele selbst - Faust in der Oper Leipzig

Als sänge die zerstörte Seele selbst - Faust in der Oper Leipzig

Eine zünftige Wahnsinns-Arie gehörte einst zum guten Opernton. Und auch Charles Gounod hatte eine geschrieben für die Erstfassung seines "Faust"; 1858 war das, das Werk noch eine Opéra lyrique mit gesprochenen Dialogen.

Aber weil er zu viel Musik komponiert hatte für dieses Werk, das mit der Rührung des Boulevards dramaturgisch mehr zu tun hatte als mit Goethe, wurde sie ihm rausgekürzt.

In Leipzig, wo die Zweitfassung, 1869 an der Opéra uraufgeführt, mit auskomponierten Rezitativen, repräsentativen Chören, allem Pipapo am Samstagabend Premiere feierte, gibt es wieder eine. Nicht Gounods ursprüngliche, deren Schicksal ist ungewiss. Sondern das berühmte Lied vom König von Thule, das Gretchen üblicherweise im dritten Akt singt, derweil sie dem unbekannten Faust hinterher sinnt. Michiel Dijkema, der nach der bildgewaltigen "Tosca" im eigenen Bühnenbild in Leipzig nun diesen Gounod inszeniert, stellt es an den Beginn des fünften Aktes: Faust hat Margarethe verlassen, ihren Bruder gemeuchelt, der hat sie verflucht. Nun trägt sie das Kind auf den Armen, wiegt es zärtlich - ­und ertränkt es zu den Worten vom König, der sein Kostbarstes den Fluten übergibt.

Einer dieser Momente, in denen das Zusammenspiel von Musik und Theater das Blut in den Adern gefrieren lässt. Und der Augenblick, in dem Olena Tokar zur Tragödin reift. Als bezaubernde Unschuld vom Lande haben wir sie zuvor gesehen, als sanft Kokette, Verlassene, Verfluchte. Doch hier, im Wahn unterwegs zum Kindermord, schwingt sich die kleine Ukrainerin zu antikischer Größe auf, bleibt auch im Angesicht der monströsen Tat menschlich. Ihre Darstellung geht besonders zu Herzen, weil es scheint, als machte sie nichts. Schauspielerisch kommt Tokar ohne jede Hysterie aus. Ihr Wahnsinn richtet sich gleichsam nach innen. Auch im Gesang. Der Welt abhanden gekommen, singt da eine Ver-Rückte ein Lied, ganz für sich - und es scheint, als sänge die geschundene Seele selbst.

Dies ist der Abend der Olena Tokar. Ihr liegt das Publikum zu Füßen. Für ihre strahlende Juwelen-Arie, das zärtliche Liebesduett, die Kirchen-Szene. Dafür, dass sie für all diese Ausnahmezustände der Seele einen eigenen Ton findet mit ihren großen, kraftvollen, aber immer lyrisch geführten Sopran. Dafür, dass sie Margarethe so vielschichtig anlegt wie kaum zu erwarten im Rahmen dieses Bilderbogens, der mit Goethe wenig mehr als den Titel gemeinsam hat. Und in Deutschland nicht einmal den. Aber nach allem, was Tokar hier zeigt, geht es völlig in Ordnung, dass die Oper hierzulande "Margarethe" heißt.

Im konkreten Falle könnte sie dennoch auch "Mephistopheles" heißen. Denn Dijkema baut Tuomas Pursio als Gegenpol auf. Für diesen Teufel ist all das, was er anrichtet, ein großer Spaß. Auch wenn er sich meist am Riemen reißt. Nur in der Walpurgisnacht zeigt er sein wahres Gesicht, die Hörner, den Schwanz, den Klumpfuß. Hier nimmt er auch mal einen herzhaften Bissen von der Baby-Leiche. Dieser Leibhaftige ist in jedem Augenblick Herr der Lage. Zieht er sich zurück, im Angesicht des Kreuzes etwa, ist auch dies nur Ergebnis einer Laune. In ihm lodert und glüht das Böse. Und wenn er einen Augenblick zu lange an einem Ort steht, schlagen dort Flammen empor. Ein Running Gag mit doppeltem Boden.

Pursio liegt es, das Böse. Wie als Nick Shadow in Strawinskys "Rake's Progress" beherrscht er wieder das Geschehen. Die großen Solo-Nummern dieses Teufels, sie kommen als Couplets aus der Welt des Leichten. Und auch Pursio bleibt geschmeidig, wenn er all die Strophen mit Dämonie auflädt. Er muss seine wunderbare Stimme nicht brutal einfärben, damit sie gefährlich tönt. Dieser Teufel vernichtet im Vorübergehen.

Zwischen beiden steht Mirko Roschkowski. Sein Faust ist in der ersten Szene weinerlich (und in der Höhe fest), steigert sich danach mit jeder weiteren zu subtiler Eleganz. Ein wunderbarer lyrischer Tenor, und dass sein C in der berühmten Cavatine "Salut! demeure chaste e pure" ein wenig bröselt - geschenkt. Der Rest ist die Wonne selbst. Was uneingeschränkt auch für die mittleren bis kleinen Partien gilt. Für den virilen Valentin Jonathan Michies, Karen Lovelius' Marthe, Kathrin Görings Siebel. Und für die von Alessandro Zuppardo präparierten Chören. Im Taumel des zweiten Aktes sind sie nicht immer mit dem Orchester zusammen. Doch die Wucht der Walzer, die Zackigkeit der Soldaten, die vergiftete Frömmigkeit im Sakralen, das alles tönt mit zuverlässiger Schönheit und Substanz von der Bühne. Und da Dijkema auch in "Margarethe" abseits der Hauptpartien auf die Kraft akribisch gestellter Bilder setzt, ist auch szenisch meist alles im Lot.

Leider hat Anthony Bramall, stellvertretender Generalmusikdirektor der Oper Leipzig, beim Chor besonders beherzt gekürzt. Gewiss, es gibt keine Fassung letzter Hand von dieser Oper. Und Gounod schrieb weitaus mehr Musik, als ein Abend verträgt. Aber die Eile, mit der Bramall Bilder aneinanderschneidet, überrascht dann doch. Ebenso die merkwürdige Entscheidung, Valentins von Gounod später erst eingeführtes Gebet singen zu lassen, das Seitenthema der Ouvertüre, dem er Material dazu entnahm, aber zu streichen.

Derlei philologische Erwägungen ändern indes nichts daran, dass all das, was aus dem Graben tönt, von erlesener Eleganz. Gounod war ein Meister darin, seine rein harmonisch empfundene Scheinpolyphonie in betörenden Mischklängen unter die Melodie zu gießen. Und Bramall ist ein Meister darin, solche Musik mit Leben zu erfüllen und dabei die Sänger auf Händen zu tragen. Ungekünstelt und beherrscht, fein ausbalanciert und klangschön musiziert das fabelhafte Gewandhausorchester um Henrik Hochschild, der sein Geigensolo in der Faust-Cavatine so entrückt spielt, dass es die Herrlichkeiten aus den Reihen der Kollegen gleichsam bündelt und sublimiert. So naturbelassen wie Olena Tokar als Margarethe. Oder Dijkemas Inszenierung.

Der lässt die Drehbühne etwas zu oft kreisen, und die Kostüme Claudia Damms wirken in den Massenszenen mehr als eine Spur zu üppig-bieder. Aber sie dienen der Geschichte - der es nicht ums Transzendentale geht, sondern um das Verhängnis der Liebe. Dass mit dem Sakralkitsch der Himmelfahrt kein Blumentopf mehr zu gewinnen ist, hat sich mittlerweile herumgesprochen. Aber dass die himmlischen Stimmen, die auf Mephistos "Gerichtet" mit "Gerettet" antworten, damit das Fallbeil für Margarethe meinen, ist von diabolischer Konsequenz.

Jubel im voll besetzten Haus nach rund dreieinhalb Brutto-Stunden. Für Tokar, Pursio, Chor und Orchester nimmt er tumultuarische Ausmaße an. Beim Inszenierungsteam mischen sich Buhs darunter. Was kaum anders sein kann, wenn wer sich traut, sauber und gekonnt eine Geschichte zu erzählen.

Vorstellungen: 25. Oktober, 2., 9., 16. November (mit LVZ-Opernclub), 8., 10., Januar, 4. Juni. Tickets LVZ Media Store in den Höfen am Brühl, in allen LVZ-Geschäftsstellen, an der Opernkasse, über die gebührenfreie Tickethotline 0800 2181050 und über Tel. 0341 1261261.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 13.10.2014

Korfmacher, Peter

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