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Am Ende tiefe Enttäuschung – Biografie über den Dokumentarfilmer Gerhard Scheumann

Frühe Kritik an der DDR Am Ende tiefe Enttäuschung – Biografie über den Dokumentarfilmer Gerhard Scheumann

Frank Hörnigk hat eine aufschlussreiche Biografie über den Dokumentaristen Gerhard Scheumann geschrieben – und konnte dabei auch seine Tagebücher auswerten. Diese werfen ein erstaunliches Bild auf diesen Mann aus der DDR-Aufbruch-Generation, der 1963 das TV-Magazin „Prisma“, das Furore machte, erfand und 60 Ausgaben lang leitete.

DDR-Dokumentarfilm-Legenden: Walter Heynowski (l.) und Gerhard Scheumann 1966 vor dem Hotel „Astoria“ in Leipzig.

Quelle: Martin Naumann

Leipzig. Am 5. Mai 1983 notiert er ins Tagebuch: „Nicht unser Mangel ist das entscheidende Problem (obwohl auch), sondern die Lüge, die den Mangel in gesellschaftlichen Fortschritt zu fälschen versucht!“ Da liegt Gerhard Scheumanns Wortmeldung auf dem Verbandskongress der Film- und Fernsehschaffenden erst ein halbes Jahr zurück. In einem 15-Thesen-Papier hatte er, als Diskussions-Angebot, über die verfehlte Medienpolitik der SED gesprochen – und den heftigen Zorn der Politbürokraten auf sich gezogen. Die Folgen: strenge Parteirüge und Auflösung des selbstständigen Studios H & S. So wird sein im Mai 1983 begonnenes Tagebuch zum bitteren Dokument einer Ernüchterung und Desillusionierung, einer gescheiterten gesellschaftlichen Hoffnung und einer unerbittlichen Selbstvergewisserung. Aber er will in der SED bleiben – um sie zu verändern.

Eine Illusion, die noch 1984 da ist. Vier Jahre später ist die Entfremdung viel weiter, als er das Prinzip der„negative Auslese“ in SED und Staat beklagt: „Doppelzüngigkeit. Nicht fragen, nur Antworten geben, die auch gehört werden wollen: so gelangen schließlich die niedrigsten Charaktere in die höchsten Funktionen. Mittelmaß triumphiert.“ Kern allen Übels ist für Gerhard Scheumann der diktatorisch exekutierte Demokratische Zentralismus und die absolute Unfehlbarkeit einer Partei, die höher als jede Wahrheit steht.

Früh auf Mängel in der DDR-Informationspolitik hingewiesen

Frank Hörnigk (1944–2016), Germanist, Hochschuldozent und Freund, hat in drei Jahren Arbeit eine erste Biografie des bekanntesten Dokumentaristen der DDR geschrieben (er hatte das Manuskript noch vor seinem Tod fertiggestellt) – und konnte dabei erstmals auch seine Tagebücher auswerten. Diese werfen ein erstaunliches Bild auf diesen Mann aus der DDR-Aufbruch-Generation, der 1963 das TV-Magazin „Prisma“, das Furore machte, erfand und 60 Ausgaben lang leitete. Der in seinem Prisma-Testament bereits 1965 auf Mängel in der DDR-Informationspolitik hinwies. Der mit Regisseur Walter Heynowski und Kameramann Peter Hellmich „Der lachende Mann“ (1966) über den deutschen Söldner Kongo-Müller drehte – und danach ein wirtschaftlich selbstständiges eigenes Studio mit seinen Kollegen bekam.

Was H & S drehten (71 Filme in 25 Jahren), erregte auch international oft Aufsehen, ob über Vietnam, Chile oder Kambodscha, eine Wahrsagerin oder die Friedens-Generale. Publizistische, ästhetisch eigenwillige Meisterstücke, die von Gerhard Scheumanns genau formulierten Texten und seiner nüchternen, sonoren Sprechweise lebten. Er hatte die Schule des Rundfunks (als Entdeckung von Karl Gass) hinter sich. Das hörte man. Er war ein politischer Aufklärer, durchaus parteilich, aber alles andere als ein Agitator.

So wird Frank Hörnigks Rückblick auf ein Leben, das am 30. Mai 1998 endete, neben der Erinnerung an einen Journalisten, zu einer Studie über Medienpolitik in der DDR. Wie da die Mühlen mahlten, erlebte Scheumann immer wieder – nach dem 17. Juni 1953, nach dem XX. Parteitag der KPdSU, nach dem 11. Plenum des ZK der SED. Erstaunlicherweise findet der Mauerbau 1961 in der Biografie nicht statt, ausführlich aber die Biermann-Ausbürgerung 1976. Die traf Scheumann auch persönlich. Als Ziehsohn Matti Geschonneck (befreundet mit Eva-Maria Hagen, bekannt mit Biermann) jegliche Distanzierung verweigerte, wurde er in Moskau von der Filmhochschule exmatrikuliert. Alle Bemühungen Gerhard Scheumanns liefen ins Leere.

An zwei Beispielen, eines aus „Prisma“ (Turnen 5 – ungenügend), eines von H & S („Immer wenn der Steiner kam“, wurde nach politischen Wechselwinden nicht öffentlich gezeigt), verfolgt Hörnigk Wirkungen von Scheumanns Arbeit. Seinen Urteilen zu „Piloten im Pyjama“ und der Gegendoku „Abgeschossen“ (1996) muss man aber nicht unbedingt folgen. Natürlich versucht Hörnigk auch Gründe zu finden, wie es zur Entfremdung mit Heynowski kam, die bereits in den 80ern begann.

Widersprüche des Kalten Krieges

In Gerhard Scheumann bündelten sich offenbar Widersprüche des Kalten Krieges, die in kein schlichtes Schwarz-weiß-Schema passen. Durch seine oft konspirative Arbeit, die gar nicht anders zu machen war, kam er in Stasi-Berührung, die ihn als IM „Gerhard“ führte, für die er Treffen mit Diplomaten (Gaus) oder Korrespondenten protokollierte, aber keine Mitteilungen über Freunde oder Bekannte schrieb. Heißt es im Buch Frank Hörnigks, der sich über diese Kontakte nicht so ganz klar ist. Dass Hörnigk behauptet, H & S hätten im Stasi-Auftrag gearbeitet, wie Heynowski gerichtlich moniert (weshalb der Verlag das Buch derzeit nicht ausliefern darf), ist allerdings aus dem Text, der oft etwas arg verschwurbelt ist, nicht herauszulesen.

Scheumanns Tagebuch-Einträge aus dem Herbst 1989 zeugen dann nur noch von tiefer, persönlicher Enttäuschung: „Hier und heute sinkt eine Epoche unwiderruflich ins Grab.“ (7. Oktober 1989).

Frank Hörnigk „... es ist die Zeit, wo die Erinnerung an die Stelle der Hoffnung tritt“ – Das geteilte Leben des Gerhard Scheumann, Verlag für Berlin-Brandenburg, 263 Seiten, mit Abbildungen, 20 Euro (wird derzeit nicht ausgeliefert)

Von Norbert Wehrstedt

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