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Am Montag erscheint Ingo Schulzes Streitschrift „Unsere schönen neuen Kleider"

Am Montag erscheint Ingo Schulzes Streitschrift „Unsere schönen neuen Kleider"

Mit dem Französischen Publizisten Stéphane Hessel („Empört Euch!) hat sich die schmale Streitschrift in deutschen Buchläden wieder etabliert. Der Trend wurde fortgeschrieben mit Polemiken („Beruhigt Euch!") oder Reden wie der Anstiftung zum Denken „Das hier ist Wasser" von David Foster Wallace.

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Der Autor Ingo Schulze (Archivfoto von der LVZ-Autorenarena während der Leipziger Buchmesse 2011)

Quelle: Andreas Döring

Leipzig. Am Montag erscheint Ingo Schulzes „Unsere schönen neuen Kleider" als Taschenbuch, das auf seine „Dresdner Rede" vom Februar im dortigen Staatsschauspiel zurückgeht.

Am Ende der Begriffe beginnen die Geschichten, schreibt Ingo Schulze. Er verweist auf Lessings Ringparabel in „Nathan der Weise" und auf das Märchen „Des Kaisers neue Kleider", um zu zeigen, wie Sichtweisen auf die Wirklichkeit, wie die Wahrnehmung des Offensichtlichen geprägt oder verändert werden von Geschichten und von der Sprache.

Was ihn dabei umtreibt, sind Angela Merkels Worte von einer „marktkonformen Demokratie". Mit diesem Begriff bringe die Kanzlerin unsere Verhältnisse auf den Punkt. So lasse sich leichter eine Gegenposition formulieren: „Wollen wir ökonomisch, sozial, ökologisch und ethisch überleben, brauchen wir demokratiekonforme Märkte." Das wären Märkte, „auf denen eben nicht alles erlaubt sein darf, was Geld bringt". Um der Wirtschaft soziale, moralische und ökologische Standards abzuverlangen und zu ermöglichen, „brauchte es aber eine Politik, die dem wirtschaftlichen Wachstum nicht alle Entscheidungen unterordnet".

Immer wieder wird nach ihnen gerufen: den Wortmeldungen der Intellektuellen, die gleichermaßen provozieren wie in Frage stellen, die erklären, analysieren, Dinge beim Namen nennen, Zusammenhänge herstellen, Debatten anstoßen und Forderungen formulieren, um die Welt als veränderbar zu begreifen. Das Engagement der Schriftsteller liegt in ihren Geschichten. Und manchmal geht es – wie jetzt bei Schulze – darüber hinaus mit Einmischungen, die Geschichte auf den Grund gehen.

Der 1962 in Dresden geborene, in Berlin lebende Autor („Simple Storys", „Neue Leben", „Adam und Evelyn") mahnt an, den Einfluss der Geste und der Rede auf den Zustand der Öffentlichkeit nicht gering zu schätzen. Im Januar hatte er Aufmerksamkeit erregt mit 13 Thesen „gegen die Ausplünderung der Gesellschaft", die in der Süddeutschen Zeitung und anderen Blättern erschienen sind und die er in seiner „Dresdner Rede" aufnahm. Es folgte eine Flut von Einladungen auf Podien und zu Diskussionen – für ihn überraschende Reaktionen, wurden doch durch die Finanzkrise „die Ungerechtigkeit, ja die Absurdität unserer gesellschaftlichen Verhältnisse so offensichtlich", war „so simpel", was da passierte, dass es ihm „überflüssig und redundant erschien, auch noch darüber zu schreiben".

Nun erklärt Schulze, was ihn dennoch dazu gebracht hat: „Es ist erschreckend, mit welch untauglichen Kriterien öffentliche Diskussionen geführt werden und wie unpolitisch sie geworden sind." Dabei müsste, wer hinschaut, doch eigentlich sehen, was passiert: „die beständige Schwächung der Demokratie, die zunehmende soziale und ökonomische Polarisierung in Arm und Reich, der Ruin des Sozialstaates, die Privatisierung und Ökonomisierung aller Lebensbereiche (Bildung, Gesundheitswesen, Künste, öffentliches Verkehrssystem usw.), die Blindheit für den Rechtsextremismus, die offene und verdeckte Zensur (mal als direkte Ablehnung, mal in Form von Quote oder Format) und damit verbunden die Zurückhaltung oder Oberflächlichkeit der Medien bei bestimmten Themen, das Ausblenden des täglichen und massenhaften Sterbens in der Dritten Welt an Hunger oder Krankheiten und, und, und ..."

Schulze erzählt es noch einmal: Hans Christian Andersens Märchen vom nackten Kaiser und den Kammerherren, die eine Schleppe tragen, die nicht da ist. „Aber er hat ja gar nichts an!" – Die einfache Wahrheit, laut ausgesprochen, hat die Welt nicht verändert. Doch „wer den Herbst 1989 miterlebt hat, ist womöglich anfällig für solch eine Erwartung". Folgerichtig kehrt Schulze zurück zum „Hofstaat" DDR, setzt Zahlen und Fakten der Gegenwart zur Emotionalität eigener Erfahrungen auch von damals ins Verhältnis. Mit dem Hinterfragen des Vorgeblichen ist er aufgewachsen. Dies wieder zu aktivieren, brauchte er eine Ermutigung, die er durch Resonanz erfuhr und die er hier weitergibt. Denn: „Es geht darum, sich selbst wieder ernst zu nehmen, wieder zu lernen, die Interessen unseres Gemeinwesens zu formulieren und einzufordern und nach Gleichgesinnten zu suchen." Nur wer sich selbst ernst nimmt, schreibt Schulze, „kann Verantwortung übernehmen und vermag sein Leben in Würde zu führen."

Mit erzählendem Einordnen, mit (nicht nur märchenhaften) Analogien wie auch damit, deutlich Position zu beziehen, macht er verständlich, was nicht immer leicht zu benennen ist. Das erweist sich als gleichermaßen beklemmend wie befreiend. „Die politische Implosion des Ostblocks veränderte das Machtgefüge der Welt. Für kein Land blieb das ohne Folgen", schreibt Schulze. Über diese Folgen öffentlich zu debattieren, um den Kopf aus dem Sand zu kriegen oder aus der Schlinge, ist Anliegen dieser Schrift gegen Ungerechtigkeiten, gegen das Hinnehmen behaupteter Wirklichkeit. Welche Rolle Worte dabei spielen, findet er bei Victor Klemperer, der in „LTI" davon schreibt, wie Sprache das Gefühl, das ganze seelische Wesen steuert.

Es geht Schulze darum, die Worte und Fragen wiederzufinden, die ausgerechnet in jenem Moment verschwanden, „da sie notwendiger den je gewesen wären, um die alte neue Wirklichkeit beschreiben zu können." So kehren sie vielleicht zurück.

Ingo Schulze: Unsere schönen neuen Kleider. Gegen die marktkonforme Demokratie – für demokratische Märkte. Hanser Berlin; 80 Seiten, 10 Euro

Janina Fleischer

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