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Amputationsbesteck und Porträt-Tässchen: Kunstgewerbe aus der Zeit der Völkerschlacht

Amputationsbesteck und Porträt-Tässchen: Kunstgewerbe aus der Zeit der Völkerschlacht

Genau dieser Ort war vor genau 200 Jahren ein Platz des Grauens, der unermesslichen Not und Schmerzen. Wo heute das Leipziger Grassimuseum Besucher empfängt, befanden sich das damals noch vor den Toren der Stadt gelegene Johannishospital und der angrenzende gleichnamige alte Friedhof.

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Tasse und Untertasse mit dem Plan der Völkerschlacht bei Leipzig, Königliche Porzellan-Manufaktur Berlin, um 1815.

Quelle: Grassimuseum

Leipzig. Ungezählt sind die Scharen von Verwundeten und Gefangenen, die von den Schlachtfeldern hierher gebracht wurden, weil sich in den Lazaretten der Stadt kein Platz mehr für sie fand.

Kein Ort könnte besser als das Grassimuseum geeignet sein, um an die Völkerschlacht im Oktober 1813 zu erinnern, bei der mehr als eine halbe Million Männer gegeneinander kämpften und 100 000 dabei ihr Leben verloren. Mit rund 250 Objekten und den auf weißen Stoffbahnen gedruckten Berichten von Zeitzeugen holt das Grassimuseum für Angewandte Kunst mit einer Sonderausstellung ab heute eine Massenschlacht ins Gedächtnis, die zu einer neuen, entsetzlichen Dimension des Tötens geworden war.

Johann Christian Reil, Mediziner aus Halle, notierte fassungslos, was vor seinen Augen geschah: "In Leipzig fand ich ohngefähr 20 000 verwundete und kranke Krieger von allen Nationen. Die zügelloseste Phantasie ist nicht imstande, sich ein Bild des Jammers in so grellen Farben auszumalen -" Er sah "Soldaten, deren zerbrochene Arme oder Beine, wie nach Vergiftungen furchtbar angelaufen und brandig waren und in allen Richtungen neben den Rümpfen lagen. Viele Amputationen sind versäumt, anderen werden von unberufenen Menschen gemacht, die kaum das Barbiermesser führen können -" In einer der Vitrinen lassen medizinische Instrumente Schauder aufkommen. Ein mit rotem Samt ausgeschlagener Holzkasten verwahrt als Amputationsbesteck Messer und Sägen. Mit sogenannten Triploiden aus Eisen konnte die verletzte Schädeldecke angehoben werden, um Knochensplitter zu entfernen. Die Kranichschnabelzange ermöglichte, im Fleisch steckende Geschosse an schwer zugänglichen Stellen zu fassen. Ein paar Schritte von diesen martialischen Werkzeugen entfernt liegen hinter Glas Pistolen mit Stein- oder Perkusionsschloss, wobei letzteres eine technische Neuerung war. Ein kürzerer Zündvorgang erhöhte die Treffsicherheit, was in Folge zu mehr offenen Trümmerfrakturen führte.

Die Wirren und Gräuel des Krieges wirkten auch nach dem Sieg der alliierten Truppen über Napoleon in der Bevölkerung noch lange nach. Die Familie, der Freundeskreis wurden zum Rückzugsort, man suchte Geborgenheit im häuslichen Umfeld. Freundschaftstassen mit Vergissmeinnicht, Reseden oder Rosen bemalt, versicherten dem damit Beschenkten Treue und Liebe. Tässchen mit Porträts avancierten zu begehrten Sammelobjekten für den Salon. Mythologische Themen und Sujets der griechischen und römischen Geschichte kamen groß in Mode und verdrängten die im Rokoko bevorzugten Chinoiserien und höfischen Schäferszenen. Die Damen trugen schwarz-seidene "Ballerinas" und artige Schutenhüte. Gern wurde sich die Zeit mit zarten Stickerein vertrieben, während die Kinderschar Figuren zum Aufstellen aus bunten Bögen schnitt. In der Küche, dem Zentrum des biedermeierlich-bürgerlichen Haushalts, verrieten kupferne Back- und Puddingformen den Wohlstand der Familie.

In den 36 Vitrinen der Pfeilerhalle spiegelt sich der Geist einer wechselvollen Epoche, die mit Kanonenknall und Hausidyll von der Französischen Revolution bis in die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts reicht. Die meisten der Exponate stammen aus der eigenen Sammlung des Museums für Angewandte Kunst und sind ab heute erstmals zu sehen.

Kanonenknall und Hausidyll - Kunsthandwerk zur Zeit der Völkerschlacht: bis 20. Oktober; geöffnet Di-So, Feiertage 10-18 Uhr; Grassimuseum für Angewandte Kunst, Johannisplatz 5 in Leipzig

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 23.07.2013

Christine Hochstein

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