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Analoge Einzelhaft: Der Journalist Alex Rühle schreibt über sein halbes Jahr „Ohne Netz“

Analoge Einzelhaft: Der Journalist Alex Rühle schreibt über sein halbes Jahr „Ohne Netz“

Es ist noch nicht so lange her, dass Journalisten in begehbaren Archiven recherchierten, am Festnetztelefon Termine koordinierten, per Fax informiert wurden. Es ist auch nicht lange her, dass Menschen Briefe auf Papier schrieben.

  Dennoch scheint eine Welt ohne Internet heute unvorstellbar. In seinem Selbstversuch testet der Journalist Alex Rühle ein halbes Jahr das Leben offline: „Ohne Netz“.

Können Sie auf Anhieb sagen, wo in Ihrem Wohngebiet Briefkästen und Münzfernsprecher stehen? Alex Rühle musste erstmal suchen. Bis dahin lebte der Feuilleton-Redakteur der Süddeutschen Zeitung quasi im Netz. Ob in der Redaktion, Zuhause, auf Reisen – immer und überall ist er online. Laptop und Internet-fähiges Mobiltelefon vermitteln die Kontakte zur Welt, erlauben Kommunikation rund um die Uhr. Irgendwann aber hatte Rühle das Gefühl, sich im World Wide Web selbst abhanden zu kommen, wuchs der Eindruck, dass es ihn schluckt. So reifte die Idee zu diesem Selbstversuch.

Angestachelt auch vom ideologisch aufgeheizten Streit um Fluch und Segen des Internets, begibt er sich aufs Testfeld zwischen schimpfenden Kulturkritikern und heilsgewissen Schwärmern. Er lernt einen Strafgefangenen kennen, dem das Leben ohne Blackberry mehr zu schaffen macht als der Umstand, hinter Gittern zu sitzen. Er befragt Schüler nach ihrem Umgang mit den gar nicht mehr so neuen Medien, streut Zahlen und Fakten in seinen Erfahrungsbericht, der das Thema zudem in Reflexionen über den Zustand der Gesellschaft weitet. „Unser Leben ist so dermaßen ramponiert, dass ich vieles Netzgeschimpfe für ablenkend und damit systemstabilisierend halte“, schreibt Rühle, Jahrgang 1969.

Natürlich beschleunige das Internet das Leben und lenke ab, „aber alles andere beschleunigt ja auch.“ Wurden Kinder früher „Benimm Dich!“ ermahnt, heißt es heute „Beeile Dich!“. Inzwischen werde es bereits wieder zum Wettbewerbsvorteil, langsam zu sein.

Rühles erzählt viel Persönliches, etwa, dass sein kleiner Sohn glaubt, Gott säße tagsüber am Computer. Dabei scheint doch eher der Computer rund um die Uhr Gott zu sein: angebetet als Allwissender. „Je mehr wir dem Megacomputer beibringen, desto mehr übernimmt er die Verantwortung für unser Wissen, sagt Kevin Kelly, Herausgeber des Computermagazins Wired, „er wird zu unserem Gedächtnis“. Beschreibt der Proband seine Schwierigkeiten, Bloch zu zitieren oder Rilke, wenn er den Wortlaut nicht googeln kann, ist nicht sein erster Gedanke, dass es dafür noch gedruckte Bücher gibt.

Als „digitaler Jäger und Sammler“ bei der Süddeutschen auch für Themenfindung zuständig, sei das Internet sein wichtigster Ideen-Lieferant, von den Recherchen ganz zu schweigen. Als Gefahr dabei sieht er die „Aufmerksamkeitszerstäubung“: Eine Seite führt zur nächsten, ein Link zum anderen, so vergehen die Stunden – im subjektiven Zeitparadoxon – wie im Flug. Doch gründlich gelesen, ernsthaft verstanden ist nicht viel. Die Selbstbetrugsformeln des Online-Süchtigen, sie lauten: Nur mal eben. Noch kurz. Ganz schnell. Das Denken wird dabei so zappelig wie das Klicken. Rühle attestiert  diesen nervösen Suchbewegungen „etwas Ausgefranstes, Läppisches.“

Dies zu erkennen und zu benennen, die Überforderung der User zurückzuführen auch auf die flüchtige Illusion der kreativen Teilnahme, nagt nicht an der Bedeutung der digitalen Medien. Im Gegenteil. Es unterstreicht die Notwendigkeit der Auseinandersetzung mit deren Auswirkungen. Denn die Sorge beispielsweise, etwas zu verpassen, verkleinert den Radius eigenen Denkens. Erlösung versprechen die Verlangsamungs-Oasen: Schweigerituale, Klöster, Meditation. Rühle erwähnt ein Fünf-Sterne-Hotel, das als größten Luxus ein Zimmer ohne Radio, Fernsehen und W-LAN anbietet.

„Die Welt war immer schon eine permanente Anpassungszumutung. Kaum hat man sich an etwas gewöhnt, kommt etwas Neues daher.“ Mit Wonne erinnert der Autor an die Nörgeleien angesichts der ersten Eisenbahnen. Und entlarvt in einer Umkehrphantasie der Entwicklung – vom Netz zum Buch – Weltuntergangsbefürchtungen als Nebengeräusche des Fortschritts.

„Der freie Wille ist bei uns Junkies ausgeleiert wie ein altes Gummiband“, schreibt Rühle, der nicht nur aus Koketterie die Metaphern der Süchtigen nutzt. Er scheint tatsächlich von einer Art Abhängigkeit geplagt, kontrollierte er doch noch kurz vor dem Zubettgehen auf dem Mobiltelefon die Mailbox (Blackberry wird in Amerika auch Crackberry genannt), fuhr im Hotelzimmer als erstes den Rechner hoch, schlich sich im Familienurlaub ins Internetcafé. Und er hat Rückfälle. Als der Computer seiner Frau kaputt geht und sie einen Browser auf seinem installiert, kann er nicht anders, als eine Stunde zu surfen und sich dabei „hemmungslos“ zu „überfressen“, allerdings „alles natürlich ohne Freude, wie ein rückfälliger Raucher, der missgelaunt vorm Büroturm steht und im Regen vor sich hin pafft“.

Zu diesem Zeitpunkt hat er die Hälfte der Fastenzeit durchgestanden und sich tatsächlich verändert. Seine Tagebucheinträge wirken entspannter, die Themenkreise gehen über den Bildschirmrand hinaus, er selbst hat „das Gefühl, innerlich gewachsen zu sein“. Auch das Gedächtnis arbeitet wieder besser. Fürchtet er anfangs die Einsamkeit, abgeschnitten zu sein von den Freunden, erlebt er schließlich eine neue Qualität der Zeit.

Im Jahr 2009 wurden weltweit angeblich 78 Billionen Mails verschickt; auf Rühle warten nach sechs Monaten Abstinenz 5644 ungelesen im Postfach. Doch wer wartet da eigentlich auf wen? „Es ist doch beeindruckend schwer zu ertragen, keine Post zu bekommen, wenn man 60 bis 80 Mails am Tag gewohnt ist. 60 mal am Tag wichtig sein. 60 mal warmes Fläschchen fürs Ego ...“ Ohne Netz, so scheint es, ist auch ohne doppelten Boden.

Nach der Rückkehr aus dem analogen Urwald ist natürlich alles wie zuvor, etwas anderes wäre Unsinn. Auf das Smartphone allerdings will er weiterhin verzichten. Zwischendurch hätte er sich am liebsten einen Satz des Malers Paul Cézanne „riesengroß“ über sein Experiment gehängt: „In sich alle Stimmen der Voreingenommenheit verstummen lassen, vergessen, vergessen, Stille machen, vollkommenes Echo sein.“ Jetzt kann er ihn ja wieder täglich googeln.

www.ohne-netz.de

Alex Rühle: Ohne Netz.

Mein halbes Jahr offline.

Klett-Cotta Verlag; 224 Seiten,

17,95 Euro

Janina Fleischer

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