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Angenehm altmodisch: Prokofjews "Romeo und Julia" an der Leipziger MuKo

Angenehm altmodisch: Prokofjews "Romeo und Julia" an der Leipziger MuKo

Julia hat sich gerade die Pulsadern geöffnet und schlingt verblutend die Arme des bereits in eine andere, vielleicht bessere Welt hinübergeschrittenen Romeo um ihren zerbrechlichen Leib.

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Quelle: Volkmar Heinz

Leipzig. lett "Romeo und Julia" in der Choreographie des Ballettdirektors Mirko Mahr.

Julia hat sich gerade die Pulsadern geöffnet und schlingt verblutend die Arme des bereits in eine andere, vielleicht bessere Welt hinübergeschrittenen Romeo um ihren zerbrechlichen Leib. Ein Schlussbild, das unmittelbar zu Herzen geht. Vor allem, weil Tom Bergmann und Sara Barnard in den gut zwei Stunden zuvor so intensiv ihre hoffnungslose Liebe getanzt haben. Die Natürlichkeit, Frische, Glaubwürdigkeit, Unmittelbarkeit, mit der dieses Tanzpaar die schönste, die traurigste, die größte Liebesgeschichte der Weltliteratur via Tanz in Emotion, in umfassendes Mit-Leid zu gießen versteht, sie allein lohnten den Besuch dieser Produktion, die weit entfernt ist von allem, wofür die MuKo steht.

Ein Operetten-und-Musical-Ballett, choreographiert von einem Operetten-und-Musical-Ballettdirektor, begleitet von einem Operetten-und-Musical-Orchester trifft auf eines der großen Handlungsballette der klassischen Moderne. Trifft auf ein Szenario, an dem in den letzten knapp 80 Jahren die Größten sich abgearbeitet haben - nicht immer mit Erfolg. Trifft auf eine Partitur, die in ihrer Klarheit, Präzision, Sinnlich- und Garstigkeit zu den Achttausendern des Repertoires zählt. Trifft auf ein Meisterwerk, das ohne Worte eines der großen Dramen der Menschheitsgeschichte noch zu überhöhen im Stande ist.

Vorsichtshalber also firmiert "Romeo und Julia" an der MuKo als Education-Produktion, maßgeschneidert fürs Publikum ab zwölf. Die Zielgruppe zeigt sich zur Premiere tatsächlich angetan von diesem Tanzabend - der des pädagogischen Feigenblattes nicht bedarf. Weswegen die Begeisterung die Generationenschranken wie selbstverständlich überwindet.

Das liegt vor allem daran, dass es Mirko Mahr gelingt, für jeden Charakter einen glaubwürdigen Darsteller zu finden. . Die tragische Leichtfertigkeit, mit der Mattia Cambiaghi Romeos Freund Mercutio ausstattet, die virile Aggressivität, die Walid Mahmoud seinem Mörder Tybalt mit auf den Weg gibt, die gleichwohl menschliche Luden-Lächerlichkeit, mit der Vladimir Golubchyk mit wenigen Gesten den peinlichen Grafen Paris zum Charakter erhebt, die pralle Lebensfülle, mit der Sabine Töpfer als Amme selbst die Cindy-aus-Marzahn-Parodie adelt, die traurige Autorität der Eltern Capulet und Montague oder des vergeblich auf Versöhnung dringenden Fürsten von Verona, die liebevoll gezeichneten Schattenrisse schließlich der jeweiligen Getreuen, sie gipfeln in der grandiosen Darstellung des Titelpaars.

Die bezaubernde Sara Barnard als Julia, der wunderbare Tom Bergmann als Romeo, sie schließen die Kunst und das Leben kurz. Ihre von den Unbilden alter Familienfehden noch nicht beschwerte Verliebtheit in der Ball- oder der Balkon-Szene, die Tragik des monumentalen Scheiterns ihrer Liebe in der Gruft, die souveräne Natürlichkeit ihres tänzerischen Könnens, das nie Selbstzweck ist, sondern im Dienste der Geschichte steht, sie überwinden ganz selbstverständlich die Grenzen zwischen Tanz und Theater.

Da zeigt sich die überraschende Qualität des Choreographen Mirko Mahr, der seinen Protagonisten nichts überstülpt, sondern abzurufen scheint, was sich ohnehin entäußern muss. Und das trägt, gemeinsam mit den exzellent choreographierten Momenten der Aggression und des Kampfes auf Leben und Tod allemal über manche allzu oberflächlich dekorative Arm- und Hand-Girlande in den Ensemble-Szenen hinweg. Zumal die immerhin virtuos und synchron vorgetragen sind - und überdies detailgenau aus der Partitur heraus entwickelt.

Dieses Handlungsballett ist ein Handlungsballett. Mehr will es nicht sein - mehr muss es nicht sein. In diesem Sinne ist es angenehm altmodisch. Dass die Kleinmessen-Optik des Bühnenbildes von Frank Schmutzler und die plakative Heutigkeit der Kostüme Norbert Bellens in Richtung West-Side-Story-Heutigkeit tendieren, sieht gut aus und dürfte der angepeilten Zielgruppe die Annäherung zusätzlich erleichtern.

Nicht weniger staunenswert als die Qualität auf der Bühne ist die, die aus dem Graben tönt. Gewiss, Prokofjews Partitur markiert die Grenze des derzeit fürs MuKo-Orchester Machbaren. Das kristalline Streicher-Filigran, das dem Russen das 1935 vorschwebte, geht hin und wieder auch darüber hinaus. Und Stefan Klingele stößt am Pult vor allem im ersten Akt in Sachen Präzision und Sinnlichkeit in den subtil gewirkten Sätzen bisweilen an Grenzen. Derlei allerdings wird mehr als aufgewogen durch die zupackende Sinnlichkeit, die er übers Ganze aus dem MuKo-Orchester herausholt. Greift die Tragik des Bühnengeschehens nach der Seele, tut es auch der Klang aus dem Graben. Und den so markanten wie virtuosen Vorzeigesätzen bleiben er und seine Musiker nichts schuldig. Auch nicht den zum Teil enorm anspruchsvollen Soli. Und im Satz müssen die Bläser, gleich ob Holz oder Blech, in der Region keine Konkurrenz scheuen. Was für die gesamte Produktion gilt, die das Zeug zum Klassiker hat. Entsprechend ungetrübt fällt der Jubel aus - für alle Beteiligten.

Vorstellungen: 4. März, 1., 2. April, 20. Mai, 11. 13. Juni, 4. Juli. Karten gibt es im LVZ Media Store in den Höfen am Brühl, in allen LVZ-Geschäftsstellen, unter der gebührenfreien Nummer 0800 2181050, oder unter Tel. 0341 1261261

Aus der Leipziger Volkszeitung vom ..

Peter Korfmacher

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