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Anne Metzens "InfoRaum" in der Galerie der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst

Anne Metzens "InfoRaum" in der Galerie der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst

Geld spielt keine Rolle. Jedenfalls nicht in dieser Ausstellung. Auch wenn gegenwärtig beim Stichwort Euro jeder an Rettungspakete, Sparprogramme und Troikas in Schlips und Kragen denkt.

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Anne Metzen stellt in ihrer Installation "InfoRaum" in der Galerie der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst grundsätzliche Fragen ans Sammeln und Auswerten von Informationen.

Quelle: Wolfgang Zeyen

Leipzig. Doch schon die hölzernen Paletten auf dem Fußboden erinnern daran, dass dieses Kürzel schon vor der Gemeinschaftswährung für bestimmte in- und auswärtige Angelegenheiten genutzt wurde. So genormt wie diese Unterlagen für Stapelware ist vieles, nicht nur auf dem alten Kontinent. Doch Anne Metzen geht es nicht um die offiziellen Güte- und Liefervorschriften in der Union, von denen der Krümmungsgrad von Gurken das weithin bekannte absonderlichste Beispiel ist.

InfoRaum nennt sich die raumfüllende Installation in der HGB, die einen Ausschnitt des gewaltigen Archivs zeigt, das seit 1997 wächst. Seit 2005 zeigt die in Berlin lebende Künstlerin, die eigentlich Bühnenbild studiert hat, Ausschnitte ihrer Sammlung. Sauber aus Sperrholz gearbeitete Kisten, selbstverständlich in normierten Maßen, enthalten Unmengen an Karteikarten, nach einem ausgefeiltem System geordnet.

"Das Rededuell" kann man auf einem Reiter lesen, "Zu Zweit" oder "Bei der Arbeit" auf anderen. Die ausgeschnittenen und aufgeklebten Medienbilder demonstrieren, wie stark die Sehgewohnheiten trotz oder gerade wegen der täglichen Bilderflut in stereotype Bahnen gelenkt werden, ohne dass es dafür formelle Vorschriften gibt.

Geht es bei den genannten Beispielen um Politiker in den weltweit immer gleichen Situationen und Posen, so erfassen und sortieren andere Karteien alltägliche Vorgänge oder technische Gerätschaften bis hin zu Flugkörpern. Die Themen scheinen unerschöpflich, aber auch willkürlich. Alles hängt mit allem irgendwie zusammen. Das eigentliche Anliegen herkömmlicher Archive, verwertbares Wissen zu klar definierten Sachverhalten bereitzustellen, wird somit konterkariert. Die scheinbar ziel- und zügellose Sammelwut erinnert an den Staatssicherheitsdienst der DDR, der letztlich nicht imstande war, die wirklich wichtigen Fakten aus dem zusammengetragenen Wust herauszufiltern.

Zwar sind heute Computer in der Lage, auch riesige Datenmengen punktgenau auszuwerten, doch verzichtet Metzen vorsätzlich auf die neuen Möglichkeiten, arbeitet lieber ganz konservativ mit Schere und Leim. Auch darin persifliert sie die häufig nur scheinbar sinnvollen Absichten einer Vorratsspeicherung.

In einigen Werkgruppen durchbricht sie das rein konzeptuelle Sortieren fremder Quellen und geht zur bildkünstlerischen Aufbereitung über. Die klassifizierende Bezeichnung "WüsFe" steht für Wüstenfelder. Auf Papier sind kleine Kreise per Hand in einem Raster mit Fehlstellen gestempelt. Die Vorlagen, Luftaufnahmen arabischer Landschaften, sind nicht mehr erkennbar. Näher an der Bildquelle sind die "ErWo", Ereigniswolken, die mit Grafitstaub gezeichnet wurden.

Von der Explosion der Raumfähre Challenger bis zu Atombomben sind hier menschengemachte Bewölkungen erfasst worden. Eine andere Gruppe beschäftigt sich mit dem Eichmann-Prozess. Das Material, aus dem das Porträt des Verbrechers hergestellt ist, kuscheliger Filz, steht im Kontrast zum Thema. Doch auch zum Matterhorn, das Anne Metzen in eine Kiste verpackt hat, will es nicht ganz passen. Dass von diesem Gipfel immer die gleiche Seite abgebildet wird, belegt ein weiteres Mal die Normierung des Sehens.

Ein konsequenter Schritt ist die Gründung einer Ich-AG namens "Institut für fiktive Forschung", die im Nebenraum professionell präsentiert wird. Briefköpfe und Formulare, Grundlage jedes erfolgreichen Geschäftsmodells, sind schon da. Die unabschließbare Arbeit der normativen Erfassung von Allem wird von der Künstlerin somit auf eine stabile Basis gestellt. Weitere "InfoRäume", bei denen es wieder nicht um die Finanzkrise geht, erscheinen unvermeidlich.

Anne Metzen: Standard Euro - InfoRaum, bis 1. Mai, Di-Fr 14-18 Uhr, Hochschule für Grafik und Buchkunst, Wächterstraße 11 in Leipzig

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 15.04.2013

Jens Kassner

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