Volltextsuche über das Angebot:

8 ° / 3 ° stark bewölkt

Navigation:
Google+ Instagram YouTube
Anne-Sophie Mutter vor ihrem Konzert für Flüchtlinge: „Das einzige, was uns retten kann“

Weltberühmte Geigerin in Leipzig Anne-Sophie Mutter vor ihrem Konzert für Flüchtlinge: „Das einzige, was uns retten kann“

Ein Weltstar geht in den Keller: Am Dienstag gibt die Geigerin Anne-Sophie Mutter in der Leipziger Moritzbastei ein Benefizkonzert für Flüchtlinge. Der Erlös kommt dem Projekt „Integration durch Bildung“ des Leipziger Flüchtlingsrats zugute. Im Interview spricht die 52-Jährige über Musik, Miteinander und Masur.

Anne-Sophie Mutter mit dem von ihr verehrten langjährigen Leipziger Gewandhauskapellmeister Kurt Masur (1927-2015). 2008 hatte sie aus seinen Händen im Gewandhaus den Mendelssohnpreis erhalten.

Quelle: Wolfgang Zeyen

Leipzig. Die weltberühmte Geigerin Anne-Sophie Mutter (52) gibt am Dienstag (14. Juni) in der Leipziger Moritzbastei ein Benefizkonzert für Flüchtlinge. Der Erlös kommt dem Projekt „Integration durch Bildung“ des Leipziger Flüchtlingsrats zugute. Zusammen mit Gewandhaus-Musikern führt sie das Bach-Doppelkonzert auf, mit dem US-amerikanischen Pianisten Lambert Orkis spielt sie Werke von Brahms, Kreisler und Gershwin. Das Konzert findet im Rahmen der MB-Reihe „Klassik Underground“ statt.

Sie spielen in der Moritzbastei im Keller, „underground“ im wahrsten Sinne des Wortes. Das ist ja nicht der klassische Konzertsaal. Wie ist das für Sie?

Mir sind solche Clubräume oder dieses Underground-Feeling nicht ganz fremd. Einen intimeren, lockereren Rahmen, der weniger steif ist als der Konzertsaal, das mag ich. Und die Nähe zum Gewandhaus ist ja geradezu ideal, weil sich da Musikliebhaber mischen können mit Leuten, die vielleicht noch nie klassische Musik gehört haben und sich in dem Rahmen wohlfühlen.

Anne-Sophie Mutter, wird kolportiert, sei schwerer zu buchen als Madonna. Sie sind nun aber hier. Wie kam das?

Als ich Mitte April am Gedenkkonzert für Kurt Masur teilnehmen durfte, wurde ich von einem Mitglied des Gewandhausorchesters darauf angesprochen, dass es dieses Konzert gebe, und ich hab mich dann darüber kundig gemacht. Als ich dann in Dresden war, habe ich einen freien Vormittag genutzt, um schnell nach Leipzig zu fahren, mir die Location anzuschauen und mit den Verantwortlichen zu sprechen. Noch vor Ort habe ich mich entschieden, das zu machen. Die Flüchtlingsfrage ist ja jetzt sehr aktuell. Das wird sie sicher auch in einem Jahr noch sein, aber warum soll man es aufschieben, wenn man jetzt schon ein Zeichen setzen kann für ein Miteinander, für Empathie und Integration?

Warum ist Ihnen das so wichtig?

Es kann ja nur in unser aller Interesse sein, die Integration von Menschen, die aus ihrer Heimat fliehen, voranzutreiben, denn wir wollen ja in einer multikulturellen Gesellschaft gut vernetzt miteinander in Harmonie und gegenseitigem Respekt leben können. Und nichts ist da wichtiger, als Bildung zur Verfügung zu stellen. Jeder Mensch ist meiner Meinung nach von Geburt an gleich und sollte gleiche Rechte genießen dürfen – und ein Recht auf Bildung ist Teil dieser Zielsetzung.

Was empfinden Sie angesichts der Entwicklungen in Europa, der Wiederkehr der Grenzen, der Zäune, der Nationalismen und des Rassismus?

Ich habe als junge Frau das Buch „Alle Menschen sind sterblich“ von Simone de Beauvoir schätzen gelernt. Die Hauptfigur ist ein politischer Berater, der unsterblich ist und über die Jahrhunderte hinweg die Wiederholungstaten der Menschheit mit Schrecken beobachtet und sich nichts sehnlicher wünscht, als endlich sterben zu können, schon weil er diesen Kreislauf der Dummheit, der Gewalt, des animalischen Triebes nicht mehr ertrug. Die Menschheitsgeschichte ist voll von diesen Wiederholungen, und wir müssen daraus lernen. Ich habe letzte Woche mit Lambert Orkis für die SOS-Kinderdörfer in Aleppo gespielt. Die Menschen dort können nicht in ihrer Heimat bleiben, im Ausland sind sie nicht erwünscht – das ist ein schreckliches Schicksal, das würde doch niemand von uns erleben wollen. Warum soll es ein anderer erleben?

Das sind Gedanken, die jeder humanistisch fühlende Mensch teilt, nur wächst andernorts der Hass auf Zuwanderer, auch von dort ...

Da müssen wir mit solchen Projekten gegenhalten und auch mit einer Presse- und Kunstfreiheit, die in unserem Land ja doch noch gegeben ist – auch wenn Frau Merkel da zu manchmal etwas seltsamen Formulierungen greift ...

Was meinen Sie konkret?

Ich denke an Herrn Böhmermann. Das war unglücklich, und sie ist ja auch inzwischen wieder etwas zurückgerudert. Diese Meinungsfreiheit, die in einer Demokratie auch verstörenden Positionen zugestanden werden muss, wie auch die Freiheit zu berichten, dagegenzuhalten und zu appellieren, ist elementar. Es ist natürlich auch schwierig, wenn man neben Menschen wohnt, die nicht integriert sind, die sich fremd fühlen, die nicht von uns angenommen werden. Das ist schon eine sehr ungesunde Spirale. Deshalb ist Integration durch Bildung der Grundstein für ein gemeinsames Leben.

Es ist in unserer Gesellschaft insgesamt immer mehr eine Verengung auf ökonomische Aspekte zu beobachten. Hat das auch seinen Anteil an den Problemen?

Wenn wir die Schulbildung ansehen und die Ausrichtung auf Themen, die später im Leben eines jungen Menschen gewinnbringend sind, führt das zu gedanklicher Verengung. Ob das der Grund dafür ist, dass man Angst um seinen Komfort hat, das weiß ich nicht. Richtig ist, dass ja schon die alten Griechen gepredigt haben, wie wichtig Kunst ist, um ein kultivierter Mensch zu sein. Und das hat nichts mit elitärem Geschwafel zu tun, sondern einfach mit dem Verständnis, dass wir unterschiedliche kulturelle Wurzeln haben, die es zu pflegen gilt, die niemand aufgeben soll. Wir können in Frieden nebeneinander leben, nur müssen wir das Interesse aufbringen, andere kulturelle Wurzeln kennenzulernen. Und das geht nur über frühe Bildung, und da sind wir wieder bei der Musik, die diese wunderbaren Brücken schlägt. Natürlich kann man dann nach dem Konzert diskutieren über völlig unterschiedliche politische Ansichten, aber man lernt den Dialog. Und nur im Dialog kann die Welt immer wieder den Frieden finden.

Etwas, für das Kurt Masur wie nur wenige steht. Sie waren mit ihm tief verbunden. Können Sie seine Wirkung beschreiben?

Irgendwann ist ein Mensch so durchdrungen von dem, was er macht, dass man von einer Aura sprechen kann. Eine solche Aura verändert die Umgebung. Kurt Masur kam in einen Raum, und wir sind irgendwie sofort, ja, bessere Menschen geworden. Bessere Musiker allemal. Und er war ein wunderbarer Freund, ein Mensch, der Anteil nahm, der völlig unerschrocken für das einstand, was er für richtig hielt. Und das war immer die Gerechtigkeit, die Bildung, der große Komponist Mendelssohn. Gerade in der politischen Lage, in der wir uns jetzt befinden, in der Herausforderung, diese Flüchtlinge aufzunehmen und ihnen nicht nur eine Unterkunft, sondern auch eine Heimat zu bieten, fehlt Kurt Masurs Weisheit, sein strenges Mahnen und einfach er als Person, der für die Vernunft, aber auch für die Liebe stand. Das ist das einzige, was uns retten kann. Was uns immer in der Menschheitsgeschichte gerettet hat, das waren die wenigen Menschen wie auch Gandhi, die an das Miteinander appelliert haben. Das hat nichts mit Blauäugigkeit zu tun, sondern ist das einzig Vernünftige.

Dienstag, 14. Juni, 22.30 Uhr (Einlass 21.30 Uhr) in der Leipziger Moritzbastei; an der Abendkasse gibt es noch wenige Restkarten (30/50 Euro)

Von Jürgen Kleindienst

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus News
  • Schauspiel Leipzig
    Mikrologo Schauspiel Leipzig

    Theater in Leipzig: Höhepunkte, Premieren, Spielplan und Angebote der Spielzeit 2016/2017 im Schauspiel Leipzig mehr

  • Dreamhack Leipzig

    Auf der Dremhack 2017 treten die besten Computerspieler gegeneinander an. mehr

  • Asisi - Welt der Panoramen
    Panometer Leipzig: Alle Infos zum "Great Barrier Reef" und den weiteren Panoramaprojekten von Yadegar Asisi

    Erfahren Sie im Special von LVZ.de alles zum Great Barrier Reef im Panometer Leipzig und den asisi-Panoramen in Dresden. mehr

  • Schau! Das Leipziger Museumsportal
    Schau! Das Leipziger Museumsportal

    Alle Informationen zu den Museen in Leipzig, ihren Ausstellungen und Events auf einen Blick im Special der LVZ. mehr

Blättern Sie hier durch die aktuelle Veranstaltungsbeilage "Applaus" und finden Sie Konzerte, Shows, Ausstellungen, Sport-Events und mehr in Leipzig und Umgebung. mehr

Erfahren Sie mehr auf www.leipziger-museen.de

Leipzig gilt als der Geburtsort der modernen Psychologie. Wie früher und heute im Geist geforscht wurde ist vom 14. September bis zum 16. Dezember 2016 in der Ausstellung "Psychologie in Leipzig - Geburt einer Wissenschaft" zu sehen. Besucher können sowohl Beobachter als auch Versuchsperson sein. Unsere Schau des Monats November! mehr

  • E-Paper
    E-Paper

    Mit unserem E-Paper-Abo können Sie die LVZ in digitaler Form täglich im Original-Layout im Web oder auf Ihrem Tablet lesen. mehr

  • Magicpaper
    Magicpaper

    Wenn Sie an Beiträgen in der gedruckten LVZ das Handy-Symbol entdecken, stehen ab sofort mithilfe der Magicpaper App zusätzliche digitale Inhalte f... mehr

  • Onlineabo

    "LVZ-Online Extra" heißt das Online-Premiumangebot der Leipziger Volkszeitung, das Sie überall auf der Welt und rund um die Uhr nutzen kö... mehr

  • Leipzig Wiederentdeckt
    Leipzig Wiederentdeckt

    Die 13 Filme schildern eine einzigartige Zeitreise durchs 20. Jahrhundert der Stadt Leipzig – von den Anfängen des Films bis zur Wendezeit. Mit bis... mehr

  • So war das damals...
    So war das damals...

    Dies ist ein Geschichtenbuch der besonderen Art: Leserinnen und Leser der Leipziger Volkszeitung erzählen Erlebnisse aus ihrer Kindheit und Jugend,... mehr